Katja Keul

Feuer und Flamme

In ihrem Büro "Unter den Linden 50" sind ein paar Kisten noch nicht ausgepackt. "Aber das Anfangschaos ist überwunden", Katja Keul lacht, "es kann losgehen." Als eine der drei Parlamentarischen Geschäftsführerinnen hat sie für den reibungslosen Ablauf der parlamentarischen Arbeit der Fraktion zu sorgen. Die 40-jährige Juristin ist Neuling im Bundestag und von dieser Entwicklung noch selbst überrascht. Dabei interessierte sie sich schon als Teenager für Politik. Als Tochter eines Lehrers und einer Krankenpflegerin sammelte sie bereits im Kindesalter erste Auslandserfahrungen in Algerien. Später besuchte sie die Deutsche Schule in Genf, an der auch ihr Vater unterrichtete. Die UNO hatte ihren Sitz in unmittelbarer Nähe. "Ich fand damals schon die Nachbarschaft zur UNO ziemlich spannend, interessierte mich sehr für den diplomatischen Dienst und für völkerrechtliche Fragen", erzählt Keul.

Mit dem Völkerrecht setzt sie sich heute als Bundespolitikerin auseinander. Als Mitglied im Rechts- und Verteidigungsausschuss hat sie es mit europäischer Sicherheitspolitik und also auch mit dem umstrittenen Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan zu tun. "Ein Strategiewechsel, der den zivilen Aufbau und die Ausbildung von Polizeikräften vor Ort energisch vorantreibt", sagt sie, "ist längst überfällig." Viel zu lange habe auch Deutschland halbherzig agiert, kritisiert sie die Politik der großen Koalition. Als im vergangenen Dezember der Bundestag über die Verlängerung des ISAF-Mandates und damit über die Fortsetzung der militärischen Präsenz im Rahmen der Vereinten Nationen abzustimmen hatte, enthielt sie sich der Stimme. Diese komplexe Frage sei nicht einfach mit Ja oder Nein zu beantworten, begründet sie ihre Entscheidung.

Klare Positionen scheut sie keineswegs: 1999, im Balkankonflikt, konnte sie den Bundeswehreinsatz gegen Serbien nicht mittragen, weil er ohne UNO-Mandat erfolgte. In der Konsequenz kehrte sie der Partei, der sie seit 1996 angehörte, zunächst den Rücken. Seit 2006 ist sie jedoch wieder Mitglied, "weil es keine Alternative zu den Grünen gibt".

Um Recht, Gerechtigkeit und ihre Kehrseite dreht sich Keuls Denken und Handeln. Als langjährige Fachanwältin für Familienrecht weiß sie aus der Praxis, was los ist. Ein großes Anliegen ist es ihr, der zunehmenden Armut in Deutschland entgegenzutreten, die vor allem Kinder zu spüren bekommen. "Jedes Kind muss dem Staat gleich viel wert sein", betont sie und votiert für einen monatlichen Betrag von 300 Euro als Nettozahlung für jedes Kind. Den Kinderfreibetrag will sie im Gegenzug abschaffen. Der sei durch das Wachstumsbeschleunigungsgesetz der Bundesregierung zwar gerade erhöht worden, begünstige aber nur die Besserverdienenden. "Je mehr einer hat, desto mehr gibt der Staat dazu", empört sich die Mutter von drei Kindern über die eklatante Ungerechtigkeit. 2,5 Millionen Minderjährige müssen von Hartz IV leben. Ihnen komme nicht einmal die Kindergelderhöhung von 20 Euro monatlich zugute, weil sie von der Hilfe sofort wieder abgezogen wird.

Wer wie Katja Keul mit Feuer und Flamme im Einsatz ist, bei dem müssen andere Dinge schon mal zurückstehen. Die heimliche Leidenschaft der gebürtigen Berlinerin für Rockmusik kocht derzeit eher auf Sparflamme. Als Sängerin und Keyboarderin der Band "Sometimes Seven" ist sie eigentlich unverzichtbar, doch gelingt es ihr nur selten zur wöchentlichen Probe an ihrem Wohnort im niedersächsischen Marklohe zu erscheinen. Weil es den anderen sechs Bandmitgliedern ähnlich geht, ist der Name der Band Programm. Nicht nur "Sometimes Seven" muss oft ohne sie auskommen. Während Katja Keul in Berlin das politische Geschäft organisiert, sorgt Ehemann Michael dafür, dass zuhause alles rund läuft. Mit drei Kindern und einem Fachwerkhaus aus dem 18. Jahrhundert sei das Leben zwar manchmal eine Baustelle. "Aber Familie muss sein", meint Keul entschieden, "das hilft, auch im politischen Alltag die Bodenhaftung nicht zu verlieren."

aus: profil:GRÜN, Ausgabe September 2009

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