Frithjof Schmidt

Große Fragen & gute Aussichten

Frithjof Schmidt ist groß. Ein großer Mann für große Fragen. "Mir liegt es am Herzen, die entscheidenden Herausforderungen der Zukunft in den Vordergrund zu rücken", sagt er. Den Umbau der Weltwirtschaft in ein ökologisch-solidarisches System oder eine neue, globale Sicherheitspolitik. "Wie muss im 21. Jahrhundert die Welt organisiert werden, in der nicht mehr zwei Blöcke, sondern viele Akteure eine Rolle spielen? Eine Welt, in der Klimaschutz, Wirtschafts- und Handelspolitik, Entwicklungs- und Sicherheitspolitik miteinander verschmelzen." Es sind weltumspannende Fragen, mit denen Schmidt sich als Mitglied im Auswärtigen Ausschuss beschäftigt.

Bisweilen erscheinen sie sehr groß, das ist dem stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden bewusst: "Die Leute fragen mich oft: 'Was machst du da eigentlich?' Tja, meine Themen sind wirklich schwer zu vermitteln." Ein bisschen so, wie er selbst, findet Frithjof Schmidt wohl, als er am Ende des Gesprächs die Augenbrauen hochzieht und meint: "Tut mir leid, aber einfacher hab ich's nicht."

Manchmal ist es aber auch das Gegenteil. Gerade hat Schmidt noch seine Liebe zu Frankreich ausgemalt: "Ich bin nämlich ein großer Weinliebhaber." Weil er die Nähe zu den französischen Weinbergen schätzt, habe er nie an einen Umzug nach Berlin gedacht. "Seit 1972 lebe ich in Bochum und möchte dort bleiben. Ich mache mich ja gern selbst lustig über meine Westorientierung", meint Schmidt augenzwinkernd.

Dass der 57-Jährige früher einmal Häuser besetzt hat, würde man auf Anhieb nicht vermuten. Um 1968 war das. Der Junge aus dem niedersächsischen Bad Harzburg hatte sich gerade der Vietnam-Solidaritätsbewegung angeschlossen. Nun kämpfte er erstmal anlässlich der 100-Jahr-Feier seines Gymnasiums mit einer Schulbesetzung für bessere Unterrichtsmethoden. "Das gab richtig Ärger!" Eine gewisse Begeisterung in seiner Stimme ist unüberhörbar. Nach dem Abitur zog es ihn ins Ruhrgebiet: "Um dort als Fabrikarbeiter die Arbeiterklasse revolutionär zu organisieren, so war das damals." Eine Schwangerschaftsvertretung brachte ihn in den 80ern zu den Grünen: "Eine Freundin arbeitete beim damaligen grünen Abgeordneten Ludger Volmer, ich hab sie dann im Mutterschutz vertreten."

"Das Liebste ist mir immer schon die internationale Politik", gesteht der promovierte Sozialwissenschaftler. Der Wechsel 2004 vom Landesvorsitz Nordrhein-Westfalen ins Europaparlament nach Brüssel war also auch eine Herzensangelegenheit. Frithjof Schmidt wurde Vizepräsident des Entwicklungsausschusses. "Ich war beruflich viel auf Reisen, aber besonders bewegt hat mich der Besuch einer Kooperative in Ruanda, die fair gehandelten Kaffee herstellt. Sie liegt im Grenzgebiet zum Kongo, überall sind noch die Einschläge der Artillerie zu sehen, die Erinnerung an den Völkermord ist sehr präsent. Jetzt sorgt dieses fair-Trade-Projekt langsam für Stabilität und wirtschaftliche Entwicklung", erzählt Schmidt. Dahinter steht auch einer seiner größten Erfolge: Denn die Einführung des Gütesiegels "Fairer Handel" stieß auf heftige Proteste der Industrielobby. Trotzdem konnte Schmidt als Europaabgeordneter nicht nur einen Grundsatzbeschluss der EU-Kommission, sondern auch Fördermittel erwirken.

Für die Zukunft hat er wieder dicke Brocken auf dem Tisch. Das Afghanistan-Mandat der Bundeswehr, den Umbau der NATO, die EU-Reform. "Entscheidungen für Europa werden maßgeblich in Paris und Berlin vorbereitet. Ein Regierungswechsel hier wie dort ist die Voraussetzung für eine Modernisierung der EU. Und ich möchte in Berlin daran mitarbeiten." Große Aufgabe wieder, natürlich. Aber diesmal ganz klar zu verstehen.

in: profil GRÜN, Ausgabe Dezember 2010

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