Tabea Rößner

"I like"

Urlaub ohne Smartphone? Einfach mal offline sein? Ein gewagter Gedanke für eine Bundestagsabgeordnete, zumal wenn der Sommer vor der Tür steht. Die medienpolitische Sprecherin der grünen Bundestagsfraktion twittert, facebookt und bloggt doch so gern.

"Ich bin von Natur aus neugierig und ohne Scheu vor Technik", verrät die 44-Jährige. Wenn sie wissen will, welche neuen Anwendungen es im Netz gibt, fragt die gelernte Journalistin auch bei Fachleuten nach. Ihren Töchtern etwa, 12 und 15 Jahre alt.

Die beiden kennen sich aus im Netz. Durch sie erfuhr Rößner auch von "isharegossip" (etwa: ich verbreite Tratsch), einer Website, auf der Schüler sich gegenseitig und anonym beleidigen und ungeniert mobben können. Schon vor vielen Jahren griff Rößner als Redakteurin das Thema Cybermobbing immer wieder für die ZDF-Kindersendung "logo!" auf. Lange bevor der Fall eines Berliner Schülers Schlagzeilen machte, der seine Freundin vor den virtuellen Verbalattacken auf isharegossip schützen wollte und im ganz realen Streit brutal verprügelt wurde.

Das böse Internet allein für solche Auswüchse verantwortlich zu machen, wäre ihr zu einfach. "Mobbing hat es auf dem Schulhof schon immer gegeben. Wir müssen darüber nachdenken, wie wir öffentlich miteinander umgehen. Was passiert, wenn Lästern zu einem Gesellschaftsspiel wird, wenn ein Herr Bohlen im Fernsehen junge Menschen diffamieren und beleidigen darf? Müssen die klassischen Medien nicht auch ihre Konzepte überdenken?"

Hier spricht die Fernsehredakteurin Tabea Rößner. Bis zur Bundestagswahl 2009 war sie – leidenschaftlich gern – Schlussredakteurin beim ZDF. "Ich hatte nicht fest damit gerechnet, in den Bundestag zu kommen. Mein Chef gar nicht." So arbeitete Rößner neben ihrem Mandat für eine Übergangszeit weiter. "Das war schon heftig!"

Doch die alleinerziehende Mutter hatte Erfahrung mit dem Spagat zwischen Beruf und Politik. Für grüne Ideen hatte sie sich schon als Gymnasiastin begeistert. In Frankfurt, wo sie Musikwissenschaft studierte, lernte sie zufällig Joschka Fischer kennen und trat 1986 den Grünen bei. Ab 1999 war die Wahl-Mainzerin mit westfälischen Wurzeln im Kreisvorstand, später im Landesvorstand Rheinland-Pfalz aktiv. 2004 wurde sie in den Mainzer Stadtrat gewählt. "Irgendwann wollte ich dann meine Kraft ungeteilt in politische Projekte investieren." Das überraschend gute Ergebnis auch der rheinland-pfälzischen Grünen bei der Bundestagswahl 2009 machte es ihr möglich.

Auf dem Tisch der frischgebackenen Bundestagsabgeordneten landete gleich medienpolitischer Zündstoff. Der damalige hessische Ministerpräsident Roland Koch hatte mit unverhohlener politischer Parteinahme die Wiederwahl des ZDF-Chefredakteurs Nikolaus Brender verhindert. Für Rößner war der Angriff auf die Rundfunkfreiheit die Gelegenheit, sich fachpolitisch zu profilieren. Seitdem setzt sie sich beharrlich für eine Überprüfung des ZDF-Staatsvertrags vor dem Bundesverfassungsgericht ein. Das Engagement für guten, investigativen Journalismus und wie er zu finanzieren ist, steht ganz oben auf ihrer Agenda.

Auch als Abgeordnete bleibt Tabea Rößner im Herzen Journalistin. "Ich mochte die Tagesaktualität meines alten Jobs sehr. Und nach der Sendung konnte man einfach abschalten. Das kannst du als Politikerin kaum." Doch noch etwas vermisst sie: "Beim Fernsehen arbeiten viele Leute für ein Gemeinschaftsprodukt. Von diesem schönen Wir-Gefühl hätte ich in Berlin gern etwas mehr."

 

in: profil:GRÜN, Ausgabe Juni 2011

383948