Porträt: Luise Amtsberg

Ich will verändern

Luise Amtsberg MdB

„Ich bin mit einer klaren Vorstellung darüber, was Unterdrückung der bürgerlichen Rechte bedeutet, groß geworden“, erklärt Luise Amtsberg. Frisch und unkompliziert kommt die junge Politikerin beim Ortstermin in ihrem neuen Berliner Abgeordnetenbüro rüber. Die 29-Jährige gehört zur „Dritten Generation Ost“. Sie zeigt auf das gleichnamige Buch im Regal. Es handelt von ihrer Generation, die ihre Kindheit teils in der DDR, teils im wiedervereinigten Deutschland erlebte. Freimütig erzählt sie, wie sie als Vierjährige den DDR-Staatschef zum Kaffee nach Hause einladen wollte. 1988 war das. Erich Honecker übergibt die dreimillionste Neubau-Wohnung der DDR in Berlin- Hohenschönhausen. Und die kleine Luise schwenkt begeistert ihr Fähnchen. Doch die Eltern geben ihr deutlich zu verstehen, was sie von diesem Mann halten. Die Familie diskutiert viel, der Vater hält mit seiner Meinung auch in der Öffentlichkeit nicht hinterm Berg. Später ist die „Tagesschau“ Pflicht – auch wenn die Tochter viel lieber „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ sehen würde.

Die gebürtige Greifswalderin wächst in Ostberlin auf. Als sie eingeschult wird, gibt es politisch nur noch ein Deutschland. Doch in der ehemaligen DDR wirkt der Mangel an einer entwickelten demokratischen Kultur lange nach. „Ich bin von Lehrern ausgegrenzt worden, die wussten, wie man bei uns zu Hause politisch so drauf war“, erinnert sie sich. Das nimmt sie ihnen bis heute übel. Als Gymnasiastin im Ostberliner Lichtenberg durchlebt sie dramatische Veränderungen. Auseinandersetzungen spitzen sich zu, einstige Freunde werden zu Neonazis. „Leider ist der Rechtsstaat keine Selbstverständlichkeit. Um ihn zu erhalten, muss man bereit sein, ihn sich immer wieder zu erkämpfen“, ist Amtsbergs Erkenntnis. Folgerichtig engagiert sie sich tatkräftig gegen Rechts. Während des Studiums – sie belegt Islamwissenschaften, evangelische Theologie und Politik in Kiel – hilft sie Flüchtlingen bei Behördengängen. Dass die Menschen über Nacht abgeschoben werden, stellt ihr Verständnis von einem funktionierenden Rechtsstaat auf die Probe. Sie bestimmt die Flüchtlingspolitik zu einem ihrer Kernthemen. „Wir haben eine sehr, sehr diskriminierende Asylgesetzgebung, die nicht zu unserem sonstigen Verfassungsverständnis passt“, empört sich Amtsberg. Als Mitglied im Innenausschuss und flüchtlingspolitische Sprecherin der Fraktion kämpft sie für einen fairen Umgang mit Schutzsuchenden. „Dass an den EU-Außengrenzen die Menschenrechte de facto nicht mehr gelten“, bringt sie in Rage. Mit dem Versprechen „Ich will verändern!“ zog sie in den Wahlkampf. Jetzt setzt sie alles daran, diese menschenunwürdige Praxis zu beenden.

Veränderung in der Opposition ist ein mühsames Geschäft, das musste schon die junge Abgeordnete im Kieler Landtag schlucken. Aber sie hat auch gelernt, dass Beharrlichkeit sich auszahlt: Ein Jahr nach einem entsprechenden Antrag im Landtag wurde die Residenzpflicht für Asylbewerber in Schleswig-Holstein tatsächlich abgeschafft. „Dieser Erfolg und das Feedback der Flüchtlinge waren ein großer Ansporn, weiter in der Politik zu bleiben“, gesteht sie heute. Dabei war es gar nicht ihr Ziel, Politikerin zu werden. Hätte damals in der Mensa nicht dieser Zettel gehangen, die schleswig-holsteinischen Grünen suchten eine Praktikantin zur Bundestagswahl 2005. Luise Amtsberg bekommt ihre Chance, kurz darauf macht sie mit Joschka Fischer Wahlkampf in Heiligenhafen. Vier Jahre später sitzt sie im Landtag, nach weiteren vier Jahren steht sie auf Platz eins der Landesliste für die Bundestagswahl. Eine rasante Karriere, doch Politik ist nicht alles, wenn man jung und lebenslustig ist. Snowboardfahren, Malen und Reiten kommen durch das Bundestagsmandat etwas zu kurz. „Aber Freizeit muss sein, ich kann meine Arbeit nur gut machen, wenn ich zufrieden bin“, erklärt sie gut gelaunt. Ein erfüllendes Leben kann Luise Amtsberg sich auch außerhalb des Parlaments vorstellen, etwa bei einer Nichtregierungsorganisation im Ausland. Oder vielleicht doch als Besitzerin einer Strandbar an der Ostsee? Noch ist alles möglich.

In: profil:GRÜN, Ausgabe Mai 2014

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