Porträt: Katrin Göring-Eckardt

Mit Leidenschaft zum Ziel

Ihr Glaube und die Wende haben Katrin Göring-Eckardt geprägt, ihr Wunsch nach Freiheit und Gerechtigkeit treibt sie an.

Von Susanne Sporrer

Selbstgestrickte Pullis, lange Bärte, bunte Blumen – so ziehen 1983 in Bonn die Grünen in den Deutschen Bundestag ein. Im thüringischen Friedrichroda verfolgt eine 16-Jährige das Ereignis gebannt vor dem Schwarz-Weiß-Fernseher. „Ich empfand das als einen unheimlichen Ausweis von Freiheit, dass in einem Parlament voller Anzugträger plötzlich Leute sein konnten, die ganz anders waren. Das hat mich fasziniert, denn bei uns war immer alles vorherbestimmt“, erinnert sich Katrin Göring-Eckardt an ihre DDR-Zeit.

„Wie frei können wir leben?“, diese Frage treibt Göring-Eckardt um: damals, 1989, als sie für die friedliche Revolution auf die Straße geht und sich in der Bürgerbewegung engagiert. Heute, wenn sie sich über jederzeit zu ortende Handys ärgert oder über den Druck, ständig auf Facebook und Twitter präsent zu sein. Sie habe einen „Freiheitsfimmel“, sagen ihre Freunde. Weshalb sie auch schon mal Dinge ausspricht, die andere lieber verschweigen wollten. „Einfach weil ich es toll finde, dass das heute möglich ist“, sagt die 47-Jährige und lacht.

Jede und jeder soll nach den eigenen Vorstellungen leben können, auch das gehört zu ihrem Verständnis von Freiheit. Dafür kämpft Göring-Eckardt zum Beispiel in der Familienpolitik. „Der Staat hat einer Mutter oder einem Vater nicht zu sagen, du musst dein Kind mit einem halben Jahr in die Krippe geben oder du musst zu Hause bleiben, bis es in die Schule kommt. Der Staat hat die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, dass jede Mutter frei entscheiden kann.“ Sie selbst hat sich früh für Kinder und Karriere entschieden, die beiden Söhne sind inzwischen erwachsen.

Ursprünglich hatte Göring-Eckardt eine Karriere in der evangelischen Kirche geplant. Sie studiert Theologie, lernt Hebräisch, Griechisch und Latein, sie untersucht mit Begeisterung alte Texte, will Pfarrerin werden. Doch die Wende gibt ihrem Leben eine neue Richtung. Statt einer Gemeinde steht sie heute dem Bundestag als Vizepräsidentin vor. Ehrenamtlich engagiert sie sich in der Synode der Evangelischen Kirche. Aber auch als Politikerin gibt ihr der Glaube Halt und Orientierung, der Sonntagsgottesdienst ist ein fester Termin in ihrem Kalender. „Es ist entlastend und tröstlich zu wissen, dass es noch etwas Wichtigeres und Größeres gibt als das, was wir hier machen“, sagt sie leise, aber bestimmt. Das lässt sie auch schwierige Aufgaben gelassen angehen.

Die Ruhige, die Besonnene – das ist Göring-Eckardts Image in den Medien. Doch KGE, wie sie bei den Grünen heißt, kann auch anders: „Wenn mir etwas wichtig ist, bin ich sehr klar und bestimmt. Dann kann ich auch nerven“, bekennt sie. Besonders, wenn es um Fragen der Gerechtigkeit geht. „Es regt mich unglaublich auf, wenn die Allerschwächsten bezichtigt werden, das wenige Geld, das sie bekommen, zu versaufen. Das ist doppelt mies, weil die Politik sich hier um ihre Verantwortung drückt und die Schuld denen zuschiebt, die sich nicht wehren können.“ Gleiche Chancen für alle ist eins ihrer großen politischen Ziele. Nicht Ausbildung und Einkommen der Eltern sollen den Lebensweg der Kinder bestimmen. Chancengerechtigkeit gilt ihr deshalb als Dreh- und Angelpunkt für mehr Aufstiegsmöglichkeiten, gesellschaftlichen Zusammenhalt und eine wirksame Armutsbekämpfung.

Katrin Göring-Eckardt hängt ihre Botschaften nicht an die große Glocke, aber sie verfolgt ihre Ziele mit Leidenschaft. Die friedliche Revolution hat sie zur Politikerin gemacht, diese Erfahrungen prägen sie bis heute. Sie hat erlebt, wie ein ganzes System zusammenbricht, und gelernt, sich in einem neuen zurechtzufinden. „Danach ist man selbstbewusst genug zu sagen, man kann total viel erreichen“, sagt sie mit einem gewinnenden Lächeln. „Auf der anderen Seite weiß man, dass Dinge eintreten können, die man selber gar nicht in der Hand hat.“

Erschienen in: profil:GRÜN, Ausgabe Mai 2013

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