Dr. Tobias Lindner

Sparsamer Genussmensch. Das geht.

Für Tobias Lindner kam es überraschend, aber nicht ungünstig: Der Abgabetermin seiner Doktorarbeit und die Nachricht, dass er in den Bundestag nachrückt, fielen auf denselben Tag.

Zuhause im südpfälzischen Wörth am Rhein wird der Berlin-Neuling schon mal gefragt, ob es ihm da im Bundestag eigentlich "Spaß" macht. Dann verneint Tobias Lindner. "Ich bin mit Herzblut dabei, aber von Spaß würde ich nicht reden, dafür geht es um zu viel", erklärt Lindner ernsthaft, doch mit einem freundlichen Lächeln.

Sein Start als Bundespolitiker im Sommer 2011 fiel mitten in die europäische Schuldenkrise – und führte ihn so­gleich in den mächtigen Haushaltsausschuss. "Einerseits eine tolle Herausforderung", sagt er, "die europäische Einheit liegt mir sehr am Herzen." Nur zehn Kilometer von der französischen Grenze groß geworden, hat er das Zusammenwachsen Europas hautnah miterlebt. "Andererseits bin ich mir aber auch der enormen Verantwortung bewusst."

"Ich halte es für machbar, diese Krise zu überwinden", meint der studierte Volkswirt. Es müsse aber gelingen, die nötigen Freiräume für Investitionen zu schaffen und auch Ausgaben zurückzufahren. In den Etats des Verteidigungs- oder Wirtschaftsministeriums, für die er als Berichterstatter zuständig ist, sieht er dafür durchaus Möglichkeiten.

Das Hantieren mit Zahlen gehört bei Tobias Lindner dazu wie das täglich Brot, verheiratet ist er mit einer Mathematikerin. Die Bilanz im Hause Lindner stimmt also immer? "Wir kontrollieren unsere Ausgaben gegenseitig", erzählt er und gibt lachend zu, privat - anders als im Haushaltsausschuss - nicht immer der Sparsamste zu sein. "Also wenn jemand sagt, wir Pfälzer seien Genussmenschen, könnte ich dem nicht widersprechen."

Die Zeiten, in denen die Grünen nur über eine Handvoll Wirtschaftsfachleute verfügten, sind längst vorbei. Die Botschaft, wir müssen nicht nur wissen was wir wollen, sondern auch wie wir es finanzieren können, ist angekommen, berichtet Lindner. Dass der 30-Jährige mit dem Faible für graue Zahlen dennoch etwas aus dem Rahmen fällt, ist er gewohnt: Als er an der Universität Karlsruhe in Wirtschaftstheorie promovierte, war er mit seinem grünen Parteibuch ein Exot.

Schon dem 15-Jährigen war aufgefallen, dass die Argumente der Grünen immer detaillierter waren, dass dort konzeptioneller gedacht wurde als anderswo. Als Mitglied des Wörther Jugendparlaments hatte er den direkten Vergleich. Und offener ging es bei den Grünen auch zu. Ausschlaggebend für seinen Parteieintritt war 1998 ausgerechnet die "fünf D-Mark für den Liter Benzin"-Diskus­sion. "Alle haben geschrien: Die spinnen doch! Aber ich wollte wissen: Warum fordern die das? Die Antworten haben mich überzeugt." Schließlich ließ sich auch seine Mutter von der Begeisterung ihres Sohnes anstecken, sie sitzt heute für die Grünen im Wörther Stadtrat.

Offenheit ist ein wichtiges Thema auf Tobias Lindners Agenda. "Ich möchte einen Beitrag dazu leisten, dass wir in der deutschen Politik eine ehrlichere Diskussion bekommen als augenblicklich. Frau Merkel gibt europapolitisch die starke Lady, ihr Handeln ist aber geprägt von Zögern und Zaudern. Damit hat sie die Krise und ihre Kosten verschärft. Wir müssen den Bürgerinnen und Bürgern reinen Wein einschenken: Wie wir die Eurokrise auch lösen – es wird Geld kosten. Diese Wahrheit weigert sich Frau Merkel auszusprechen."

(Text von Nina Anika Klotz)

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