Julia Verlinden im Portrait

Umwelt im Herzen, Zukunft im Sinn

Manche Menschen haben das Glück, genau zu wissen, was ihre Aufgabe in der Welt ist. Julia Verlinden ist so ein Mensch. „In meinem Leben gibt es einen grünen Faden“, sagt sie gut gelaunt. „Umwelt und Energie, das sind einfach meine Themen.“ Es ist ein heißer Frühsommertag in Berlin. Julia Verlinden sitzt im Cafeteria-Garten des Jakob-Kaiser-Hauses und erzählt, wie alles anfing.

Politisierende Heimat

Es sind die 80er Jahre, Julia wächst zwischen Wald und Wiesen im Bergischen Land auf. Die Eltern haben die Emma und das Greenpeace-Magazin im Abo. „Ich war viel in der Natur unterwegs, bin einfach los und war erst zum Abendessen wieder zurück.“ Mit ihren vier jüngeren Schwestern gründet sie den „Club der bergischen Naturschutzlöwen“. Dann bricht die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl auch in ihre Welt ein. Die leckeren Johannisbeeren im Garten sind plötzlich verstrahlt und der Sandkasten ist Sperrgebiet. Für ihre erste Demo dichtet die Erstklässlerin ein Kinderlied zu einem Protestsong um.

Heute ist sie mit ihren 38 Jahren energiepolitische Sprecherin der grünen Bundestagsfraktion und Mitglied im Ausschuss für Wirtschaft und Energie. Als Abgeordnete zählt sie zu den Jungen im Parlament, doch ist sie alles andere als ein politischer Neuling. „Meine Mutter sagt: Jetzt ist sie da angekommen, wo sie hingehört“, erzählt Verlinden und lacht. „Ich will eine Gesellschaft mitgestalten, die die zukünftigen Generationen im Blick hat.

Politische Heimat

Mir ist früh bewusst geworden, dass es wichtig ist, Verantwortung zu übernehmen. Das gilt auch für Dinge, die ich zulasse, obwohl ich sie nicht in Ordnung finde.“ Schon als Jugendliche hört sie auf, Fleisch zu essen, und beginnt, die acht Kilometer zum Gymnasium mit dem Rad zu fahren.

Rückblickend sieht es tatsächlich so aus, als hätte sich Julia Verlinden zielstrebig darauf vorbereitet, Energiepolitikerin zu werden. Als Teenager organisiert sie bereits für die BUND-Jugend eine Fahrradtour vom Braunkohletagebau Garzweiler zum Atommülllager Gorleben. Später studiert sie Umweltwissenschaften in Lüneburg, sitzt dort erst im Stadtrat, dann im Kreistag. Sie promoviert über Energie­effizienzpolitik und leitet zuletzt im Umweltbundesamt die Fachabteilung Energieeffizienz.

Grünes Lüneburg

Ihr halbes Leben ist Julia Verlinden bei den Grünen, bei der Bundestagswahl tritt sie als niedersächsische Spitzenkandidatin an. „Meine Partei in Lüneburg – das ist ein bisschen wie Familie“, sagt sie. Zu ihrem Wahlkreis gehört auch Lüchow-Dannenberg, eine Hochburg der Anti-Atomkraft-Bewegung.

Die Energiewende zum Erfolg zu führen, ist eines ihrer Kernanliegen. „Das Tolle an der Energiewende in Deutschland ist ja, dass sie ‚von unten‘ kommt. Umgesetzt wird sie zum großen Teil von Privatleuten, Genossenschaften und den Stadtwerken“, unterstreicht die junge Frau. Sie macht sich dafür stark, den Anteil der erneuerbaren Energien auch bei der Wärmeversorgung auszubauen. Dass grüne Wärme für alle bezahlbar bleibt – dafür hat sie zusammen mit ihrem Kollegen Chris Kühn ein Konzept erarbeitet.

„Für mich bedeutet grüne Politik unbedingt auch, Ökologie und soziale Aspekte zusammenzudenken.“
Wenn sie von ihrer Arbeit erzählt, füllt die Begeisterung den Raum. Sich an einem Thema festzubeißen, es in aller Konsequenz weiterzuverfolgen, bereitet ihr Spaß. 16 Stunden am Tag zu arbeiten macht ihr offenbar nichts aus.

Paris darf nicht scheitern

Die Politik der großen Koalition dagegen bringt sie in Rage. „In Paris das Klimaschutzabkommen zu unterschreiben und zu Hause die Erneuerbaren auszubremsen – das ist doch total absurd!“, empört sie sich. Entmutigen lässt sie sich davon jedoch nicht. „Ich sehe im Alltag ganz viele Verbündete für grüne Politik“, sagt sie, „die vielen Menschen, die sich für Geflüchtete einsetzen oder die Schwärme von FahrradfahrerInnen.“

Und Verlinden immer mittendrin. Mit großer Klingel und Fahrradvase ausgestattet, radelt sie durch Lüneburg und Berlin. Sie freut sich tierisch, wenn sie das Wettrennen gegen die Tram gewinnt. Nur im Urlaub drosselt sie das Tempo, beim Wandern oder auf langen Zugfahrten quer durch Europa. „An Ostern bin ich mit meinem Mann nach Portugal gereist“, erzählt sie. „Schon nach zwei Tagen waren wir dort.“

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