Agnieszka Brugger

Wehrpflicht wegtreten!

Politik kann tatsächlich Spaß machen – dafür liefert Agnieszka Malczak beim Ortstermin in Ravensburg den lebendigen Beweis. Diese Einstellung hat sie wohl auch als jüngste weibliche Abgeordnete in den Bundestag katapultiert. Dort, im Verteidigungsausschuss, hat sich die abrüstungspolitische Sprecherin der Fraktion längst Respekt verschafft. Auf den Mund gefallen ist sie nicht, sie leidet aber auch nicht an Selbstüberschätzung. "Ich glaube natürlich kaum, dass grüne Politik direkten Einfluss auf den Bundesverteidigungsminister hat", lächelt sie verschmitzt. Aber immerhin ist jetzt schon eine "Aussetzung" des Wehrdienstes im Gespräch. Das ist der 25-Jährigen, die in Tübingen Politik, Philosophie und öffentliches Recht studiert, allerdings zu wenig. Auch die Verkürzung des Wehrdienstes ist für sie kein Thema. Sie will die Wehrpflicht komplett abschaffen, weil sie gegen die Bürgerrechte junger Männer verstößt. "Und der Kalte Krieg ist nun mal längst vorbei", resümiert Malczak. Stattdessen sollen sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze geschaffen und die Freiwilligendienste ausgebaut werden. Die alte Wehrpflicht hat aber auch deshalb ausgedient, weil die Kriegsschauplätze von heute andere sind; ethnische Konflikte mit globaler Reichweite erfordern neue Strategien. Deshalb steht Krisenprävention für die junge Frau an erster Stelle, ebenso die atomare Abrüstung: Denn immer noch bedrohen 23.000 Atomsprengköpfe die Menschheit weltweit.

Auch die Afghanistan-Politik gehört zum Arbeitsgebiet der Abgeordneten. Hier will sie an Abzugsstrategien mitwirken und ist gleichzeitig überzeugt, dass der zivile Aufbau am Hindukusch vorangetrieben werden muss. Polizei- und Sicherheitskräfte vor Ort müssen besser ausgebildet werden. Dem ISAF-Mandat hat sie nicht zugestimmt, einen Sofortabzug aller Kräfte hält sie aber auch nicht für den richtigen Weg. Schockiert haben sie Berichte auf der Internetplattform WikiLeaks über amerikanische Angriffe auf Zivilisten. Umso wichtiger sei es, die Zivilbevölkerung zu unterstützen und auf friedliche Lösungen hinzuwirken.

"Mitgestalten statt meckern" – das wollte Agnieszka Malczak, als sie 2004 den Grünen beitrat. Sie ahnte nicht, welche Blitzkarriere sie hinlegen würde: Drei Jahre später war sie bereits Landesvorsitzende der Grünen Jugend Baden-Württemberg. "Und dann mit 24 im Bundestag, wer hätte das gedacht? Ich nicht!", lacht die dunkelhaarige Frau mit dem Lippenpiercing. Im ländlichen Wahlkreis Ravensburg fängt sie sich dafür schon mal schräge Blicke ein. Kürzlich bemäkelte ein älterer Herr den "Ring an ihrem Mund", sie konterte: "Wichtig ist nicht, was am Mund hängt, sondern was aus ihm herauskommt."

Von ihren Eltern hat Agnieszka gelernt, sich "nicht wegzuducken", sondern sich einzumischen. Auf der Suche nach politischer Freiheit gingen die früheren Solidarnosc-Anhänger in den Westen. An ihre Kindheit im schlesischen Legnica hat sie nur wenige Erinnerungen – an die deftigen Pfannkuchen mit Pilzen zum Beispiel. Agnieszka wuchs in Dortmund auf, ihr Abitur an einer katholischen Privatschule bestand sie mit dem Notendurchschnitt 1,5. In der Schule lernte sie aber auch, sich durchzuboxen: Verbal gegen den Lehrer, der in ihrer Anwesenheit Polenwitze zum Besten gab. Dann boxte sie als einzige Frau in einem Sportverein. Auf dem politischen Spielfeld wird sie Durchsetzungsvermögen brauchen: "Ich will eine starke Stimme für junge Menschen im Bundestag sein", sagt sie und verschwindet lächelnd unter ihrem knallgrünen Regenschirm.

in: profil:GRÜN, Ausgabe September 2010

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