Kordula Schulz-Asche im Porträt

Wild tanzen

Von Susanne Sporrer, veröffentlicht in profil:Grün, 1/2016

Die blonde Frau auf dem Foto lächelt, als die Polizisten sie von der Sitzblockade wegtragen. "Meine wilden Berliner Jahre", kommentiert Kordula Schulz-Asche die Schwarzweißaufnahme. Es waren die 80er-Jahre, als sie die Alternative Liste mit gründete. Bald darauf zog sie ins Berliner Abgeordnetenhaus ein und wurde die jüngste Fraktionsvorsitzende der deutschen Parteiengeschichte. 30 Jahre später sitzt Kordula Schulz-Asche wieder in einem Berliner Parlament, diesmal als hessische Abgeordnete im Bundestag. Dazwischen verbrachte sie einige Jahre in Afrika, bis sie sich mit ihrem Mann in Eschborn bei Frankfurt niederließ. Vieles hat sich verändert in diesen Jahren, doch eines ist gleich geblieben: "Mir geht's eigentlich immer um Gerechtigkeit", sagt die 59-Jährige und beginnt, offen und mit Witz aus ihrem Leben zu erzählen.

"Die ganze Stadt war hochpolitisiert, dem konnte man sich kaum entziehen", schildert sie die Stimmung in Westberlin Ende der 70er-Jahre. Auch in ihrer Familie, in der stets von Besuch belagerten Zwei-Zimmer-Wohnung in einem Arbeiterviertel in Spandau, wurde immerzu diskutiert. "Mein Vater hat mich angestachelt, alles infrage zu stellen - seine Lehre aus dem Faschismus."

Kordula Schulz-Asche sucht früh nach einer politischen Heimat. Doch die K-Gruppen sind ihr bald zu ideologisch, die Gewerkschaft zu dröge, die Spandauer SPD - ein langweiliger Altherrenverein. In ihrer Krankenschwester-Ausbildung kommt sie in Kontakt mit den Vorläufern der Westberliner Grünen. Dort findet sie nicht nur Gehör für ihre gesundheitspolitischen Anliegen, sondern auch ihren Mann. Den Sozialwissenschaftler führt sein Job bald als Regierungsberater nach Burkina Faso. Sie, die inzwischen Kommunikationswissenschaften studiert, geht begeistert mit und wird Entwicklungshelferin in der Gesundheitsvorsorge. Mehr als zwölf Jahre lebt sie mit Mann und Tochter in Afrika. Mit leuchtenden Augen erzählt sie von menschlichen Begegnungen, den Fahrten im Pickup durch die Savanne. Angst machte ihr das nicht. "Wenn man in einer anderen Kultur lebt, relativiert sich vieles." Eine bleibende Erinnerung ist der Beginn des Völkermordes in Ruanda. Während ihre Familie evakuiert wurde, wurden einige Arbeitskollegen getötet und andere selbst zu Tätern. 1998 kehrt die Familie endgültig nach Deutschland zurück. In Hessen führt Roland Koch gerade seine ausländerfeindliche Kampagne gegen das Zuwanderungsgesetz. Grund genug für die Rückkehrerin, gleich bei den Grünen einzusteigen. "An unseren Stand kamen Leute und fragten, wo sie gegen Ausländer unterschreiben könnten", erinnert sie sich. "Da wäre ich am liebsten gleich wieder ausgewandert." Doch sie bleibt und ihre zweite politische Karriere nimmt ihren Lauf: 2003 wird sie in den Wiesbadener Landtag gewählt.

Das Thema, das sie durch ihre gesamte Laufbahn begleitet, ist die Gesundheitspolitik. "Statt immer nur die Krankheiten zu sehen, sollten wir uns mehr darum kümmern, dass die Menschen gesund bleiben", sagt die Sprecherin für Prävention und Gesundheitsförderung. "Das hat viel mit sozialer Gerechtigkeit zu tun." In der Bundestagsfraktion ist Kordula Schulz-Asche auch für bürgerschaftliches Engagement zuständig. "‚Man quatscht nicht nur, sondern tut auch was', hieß es bei uns zu Hause", sagt sie. Freiwilliges Engagement ist auch für sie selbstverständlich. Die vielen Freiwilligen, die sich heute um Geflüchtete kümmern, würdigt sie als "Heldinnen und Helden der Demokratie". Doch der Staat müsse mehr für sie tun. Freiwilligenagenturen zum Beispiel könnten das ehrenamtliche Engagement unterstützen.

Im Abgeordnetenbüro von Kordula Schulz-Asche lenkt wenig von der Arbeit ab. Hinter ihrem Schreibtisch steht ein Fahrrad und im Regal finden sich Andenken aus ihren Lebensetappen. Was macht sie außer der Politik? "Das gibt es gar nicht", antwortet sie wie aus der Pistole geschossen. Dann fällt ihr doch etwas ein: Soukous. "Zu Partys bringe ich gern eine CD mit dieser kongolesischen Discomusik mit." Denn "wild tanzen" tut sie für ihr Leben gern.

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