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Parlamentarischer Abend100 Jahre Frauenwahlrecht

"Raus mit den Männern aus´m Reichstag" - den Claire Waldoff-Gassenhauer sang Sigrid Grajek, begleitet am Flügel von Regina Knobel mitten in genau diesem Reichstag. Die Bundestagsfraktion hatte zum Parlamentarischen Abend in die Abgeordnetenlobby des Bundestags geladen. 100 Jahre Frauenwahlrecht in Deutschland wurden gefeiert und über die feministischen Herausforderungen 2018 diskutiert.

November 1918: Gleiches, Geheimes, Direktes, Allgemeines Wahlrecht für Frauen und Männer

Im November 1918 verkündete der Rat der Volksbeauftragten das gleiche, geheime, direkte, allgemeine Wahlrecht "für alle mindestens 20 Jahre alten männlichen und weiblichen Personen". Zwei Monate später, im Januar 1919, bei den Wahlen zur verfassungsgebenden Nationalversammlung, konnten Frauen zum ersten Mal in ganz Deutschland wählen und gewählt werden. Der lange Kampf um die politische Gleichberechtigung von Frauen war in diesem Punkt erfolgreich gewesen. Doch 100 Jahre danach ist allerdings in keinem Parlament Parität erreicht worden. Im Bundestag ist der Frauenanteil mit der letzten Wahl sogar deutlich gesunken, auf nur noch knapp 31 Prozent. In absoluten Zahlen: 219 Frauen und 490 Männer. Von einem "das wird sich mit der Zeit von selbst erledigen" ist nicht auszugehen.

Toni Hofreiter, Fraktionsvorsitzender, appellierte daran, zusammen zu arbeiten und Bündnisse zu schließen, ohne Differenzen zu verschweigen. Derzeit zeigt #metoo, dass Gleichstellung kein alleiniges Frauenthema ist. Denn es geht dabei auch ganz entscheidend um Männer, diese müssen ihr Verhalten ändern und Entscheidungen solidarisch mittragen.

Die stellvertretende Fraktionsvorsitzende Katja Dörner moderierte das Gespräch mit Frauen verschiedener Generationen. Die Juristin Dr. Lore-Maria Peschel-Gutzeit, ehemalige Justizministerin in Berlin und Hamburg, war mit 85 Jahren kämpferisch wie eh und je. Sie blickte zurück auf die Zeiten, als Beamtinnen weder in Teilzeit gehen noch aus familiären Gründen pausieren konnten. Sie hatte maßgeblichen Anteil an dem Gesetz ("Lex Peschel") mit dem 1968 dieser Zustand geändert wurde. Darauf angesprochen, dass 100 Jahre nach Einführung des Frauenwahlrechts der Frauenanteil in vielen deutschen Parlamenten zurückgeht und dass es nicht einfach sei, hier gesetzlich einzugreifen, blieb sie unbeeindruckt: "Schwierig ist immer alles. Rauf auf die Bastille!", gab sie den Anwesenden mit auf den Weg.

Steffi Lohaus, Mitbegründerin des feministischen Missy Magazines, beschrieb die Vorteile für Männer durch Gleichberechtigung, wie den Druck loszuwerden, der Alleinverdiener für die Familie zu sein und entsprechend andere wichtige Dinge jenseits des Jobs in den Fokus rücken. Gleichzeitig verhindere das gesellschaftliche Umfeld oft, Gleichberechtigung zu leben - nur wenige ArbeitgeberInnen tragen andere und flexiblere Zeitmodelle mit. Auf Zustimmung und Interesse im Raum traf sie mit der Feststellung, dass immer noch die Aufteilung der Hausarbeit mit am schwierigsten sei, sie und ihr Partner würden dafür jetzt eine App nutzen.

Ulle Schauws, frauen- und queerpolitische Sprecherin hob hervor, wie wichtig die Zusammenarbeit von Frauen inner- und außerhalb des Parlaments sei, das habe zuletzt die Reform des Sexualstrafrechts gezeigt, ebenso die Einführung der Quote für die Aufsichtsräte in der letzten Legislatur.

In der anschließenden Diskussionsrunde beschrieb die Fraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckardt Frauen, die sie beeindruckt haben, wie Nadia Murad, die gerade den Friedensnobelpreis für ihren Kampf gegen sexuelle Gewalt gegen Frauen erhalten hat.

Britta Haßelmann, Erste Parlamentarische Geschäftsführerin, erläuterte die Schwierigkeiten und Fallstricke der derzeitigen Verhandlungen zur Wahlrechtsreform.
Die Sprecherin der Grünen Jugend, Ricarda Lang, brachte den Aspekt der Bedeutung der Attraktivität für Frauen ein. Gerade Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen, werden immer wieder mit Kommentaren über ihr Aussehen konfrontiert, häufig verletzend und gehässig. Sich eben nicht zurückziehen, darüber reden, solidarisch und unterstützend sein, das wären funktionierende Strategien, damit umzugehen.

An diesem Abend wurde deutlich, wie wichtig gegenseitige Unterstützung, Kooperation und Solidarität für engagierte Frauen ist. Und Themen wurden den PolitikerInnen reichlich mitgegeben, Entgeltgleichheit, die Lage auf dem Arbeitsmarkt, das Steuerrecht mit dem überholten Ehegattensplitting, die sexuelle Selbstbestimmung sichern und den §219a aus dem Strafrecht holen - auch 2018 ist die feministische Arbeit nicht getan.

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