FachgesprächIntegration geflüchteter Frauen in den Arbeitsmarkt

Unsere Fraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckardt eröffnete das Fachgespräch zur Integration geflüchteter Frauen in den Arbeitsmarkt. Sie bezeichnete 2016 als das Jahr der Integration, das allen Seiten etwas abverlangt. Zentral ist das Grundgesetz, das wir gemeinsam leben, diskutieren, füllen müssen.

Beratungsstellen: bessere Vernetzung hilfreich

Die erste Diskussionsrunde, moderiert von der frauenpolitischen Sprecherin Ulle Schauws, fragte nach den Problemen und Hürden der beruflichen Integration geflüchteter Frauen in Deutschland. Sabiha Khalil von der Beratungsstelle SBH Südost sprach sich für eine verbesserte Zusammenarbeit zwischen Nichtregierungsorganisationen und staatlichen Stellen aus. Viele Frauen brauchen Unterstützung und direkte Ansprache, auch weil sich viele auf dem deutschen Arbeitsmarkt nicht auskennen, so Sabiha Khalil.

Unterkünfte: bessere Kinderbetreuung notwendig

Zu Dr. Anita Renusch von der Agentur für Arbeit Berlin Süd kommen Menschen, die sich freiwillig beraten lassen wollen, meist besser Qualifizierte. Die Agentur betreut rund 5.000 Geflüchtete in Berlin, davon weniger als 1.000 Frauen. Wichtig ist, die Umstände der Flucht zu berücksichtigen: wenn diese lange gedauert hat, bestehen erhebliche Lücken in der Ausbildung, oder es fällt schwer, hier wieder jeden Tag in die Schule zu gehen, betonte Anita Renusch. Für viele Mütter ist die Frage der Kinderbetreuung entscheidend, optimal wären Angebote in den Unterkünften.

Aus einer Hand: Beratung und Begleitung

Die gemeinnützige Gesellschaft für Arbeit und Integration aus Hamburg, passage, bietet Beratung und Begleitung aus einer Hand, beschrieb Maren Gag. Sie wies darauf hin, dass die Bleibeperspektive derzeit für den Zugang von Geflüchteten zum Arbeitsmarkt ausschlaggebend ist, was zu Spannungen und Konkurrenzen in den Unterkünften führt. Die Frauen bringen sehr unterschiedliche Qualifikationen mit, so Maren Gag, deren Anerkennung hier nicht einfach ist.

Mehr Maßnahmen: für Frauen schaffen

Die zweite Diskussionsrunde wurde von Brigitte Pothmer geleitet, der arbeitsmarktpolitischen Sprecherin der Fraktion. Konkrete Handlungsempfehlungen zur Integration geflüchteter Frauen standen im Mittelpunkt. Dr. Matthias Mayer vom Programm Integration und Bildung der Bertelsmann Stiftung erläuterte, dass die Maßnahmen deutlich auf junge Männer fokussiert sind. Daher sei es wichtig, Angebote für Frauen zu schaffen, wie Coaching und Mentoring-Programme. Die Anerkennung von Kompetenzen ist schwierig, sagte Matthias Mayer, viele haben keine formalen Zeugnisse (mehr), auch ist das Ausbildungssystem in den Herkunftsländern deutlich anders. Er plädierte dafür, auch informell erworbene Kompetenzen von Frauen besser zu erfassen.

Modellprojekt: Angebot für praktische Qualifizierungen

Nina Wielage, von der Regionaldirektion Berlin Brandenburg der Bundesagentur für Arbeit, stellte das Programm Perspektiven für Flüchtlinge (PerFW) vor. Es soll zur Aktivierung und beruflichen Eingliederung im Anschluss an den Integrationskurs dienen. Standortbestimmung und Potenzialanalyse, sowie die Heranführung an den deutschen Bildungs- und Arbeitsmarkt seien wichtig. Außerdem werden praktische Qualifizierungen angeboten. Eine weitere Besonderheit des Programms ist: Träger sollen die Kinderbetreuung unterstützen. Diese Maßnahme dauert vier Monate, in Teilzeit (20 Stunden/Woche) und soll ab Herbst von den Jobcentern eingekauft werden können. Ab Herbst ist außerdem ein Modellprojekt, gemeinsam mit dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) in Berlin geplant. Weibliche Geflüchtete sollen dabei unterstützt werden, konkrete Angebote erkennen und wahrnehmen zu können. Dazu gehören ein Coaching und eine Integrationslotsin als feste Ansprechpartnerin für Geflüchtete. Dieses Programm richtet sich speziell an Alleinreisende weibliche Geflüchtete.

Qualifizierung: nicht nur in traditionellen Frauenberufen ausbauen

STEFANIE TURBA von Goldnetz e.V. kritisierte, dass bei vielen Maßnahmen nur der Preis zähle, nicht die Qualität. Sie bieten verschiedene Beratungen an, Mitarbeiterinnen gehen in die Unterkünfte, sprechen mit den Menschen dort. Sie bieten mit dem Berliner Senat mobile Bildungsberatung an und erreichen damit auch Frauen, die keine oder wenig Bildung mitbringen. Die Mitarbeiterinnen haben selbst auch einen Migrationshintergrund und diverse Sprachkompetenzen. Ziel ist, niedrigschwellige Angebote für die Heranführung an Arbeitsmarkt zu erarbeiten. Sie betonte, dass es wichtig sei, die Frauen als Zielgruppe im Blick zu behalten.

In der Diskussion wurde vielfach angemerkt, dass die Verzahnung der vielen unterschiedlichen Angebote zentral ist. Geworben wurde für eine Akzeptanz dafür, dass Eingliederungsprozesse länger dauern können, die Jobcenter sollten diesen Prozess zulassen. Viele Frauen seien nicht schnell integrierbar, was eben auch an den Lebensumständen läge, die sie mitbringen. Wichtig wäre daher, auch die Programme von vorneherein länger anzusetzen. Qualifiziert werden sollte nicht nur in traditionelle Frauenberufe wie Pflege, sondern in alle Bereiche.

Unterkünfte: mobile Bildungsberatung anbieten

Luise Amtsberg, Sprecherin für Flüchtlingspolitik, fasste die zentralen Ergebnisse zusammen: Nach wie vor liegen nur sehr wenige Informationen über geflüchtete Frauen vor. Für sie funktioniert die Arbeitsmarktintegration derzeit nicht, am ehesten noch bei Akademikerinnen, die im Heimatland schon berufstätig waren. Daher ist eine Ansprache und Unterstützung der Frauen erforderlich, die familiär eingebunden sind und den Weg in die Beratung nicht finden. Ein Problem bleibt die Kinderbetreuung, gerade bei Sprach- und Integrationskursen, auch das fehlende Wissen über das Angebot in Deutschland. Die finanziellen Ressourcen besonders im Beratungsbereich sind zu knapp. Viele Maßnahmen gelten nur für Menschen mit guter Bleibeperspektive, damit sind sie beispielsweise Frauen aus dem westlichen Balkan verschlossen. Wichtig wäre es, mehrsprachig über Angebote aufzuklären und die Laufzeit der Maßnahmen zu verlängern um ein besseres Sprachniveau zu erreichen. Dabei sind spezielle Maßnahmen für Frauen (Stichwort: Kinderbetreuung, Teilqualifizierungen) erforderlich, eine bessere Kompetenzfeststellung (viele Berufe werden gefördert und gestützt, meist handelt es sich dabei um „Männerberufe“), eine direkte Ansprache in den Unterkünften, am besten mit mobiler Bildungsberatung. Auch die Männer sollten als Partner, als Väter angesprochen und miteinbezogen werden. Sinnvoll ist eine Zusammenarbeit der Unternehmen mit Geflüchteten und eine bessere Vernetzung der frauenspezifischen Angebote und der flüchtlingssolidarischen Szene.

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