Anhörung im Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und JugendRote Karte für Sexismus

Frauen und Männer protestieren nach den sexuellen Übergriffen in der Silvesternacht am 09.01.2016 in Köln (Nordrhein-Westfalen) vor dem Dom gegen Rassismus und Sexismus.
Frauen und Männer protestieren nach den sexuellen Übergriffen in der Silvesternacht am 09.01.2016 in Köln (Nordrhein-Westfalen) vor dem Dom gegen Rassismus und Sexismus. Rechts im Bild, Ulle Schaus MdB, Sprecherin der grünen Bundestagsfraktion für Frauen- und Kulturpolitik. Der Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend des Deutschen Bundestages führte eine Anhörung zum Thema Sexismus durch. Sexismus, also diskriminierendes Verhalten gegenüber einer Person aufgrund ihres Geschlechts, gibt es in vielen Erscheinungsformen. Sexismus gegen Frauen zeigt sich in herabwürdigenden Bemerkungen, Belästigung, in Gewalt oder auch in niedrigerer Bezahlung.

Der Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend des Deutschen Bundestages führte am 27. März 2017 eine Anhörung zum Thema Sexismus durch. Sexismus, also diskriminierendes Verhalten gegenüber einer Person aufgrund ihres Geschlechts, gibt es in vielen Erscheinungsformen. Gegen Frauen richtet er sich beispielsweise in Form von Belästigung oder Gewalt, in herabwürdigenden Bemerkungen oder auch in niedrigerer Bezahlung. Zu einem Antrag der Linken debattierten die Sachverständigen über mögliche Gegenstrategien.

Vorurteile abbauen

Prof. Dr. Gerd Bohner von der Universität Bielefeld forderte mehr Forschung über Sexismus. Sexuelle Belästigung und Gewalt gegen Frauen seien dabei nur die sichtbarsten Auswüchse. Wirksame Maßnahmen gegen Sexismus würden auch zu einer Verringerung anderer gruppenbezogener Vorurteile beitragen und damit weitere wünschenswerte Effekte entfalten.

Sexismus zwingt Frauen in untergeordnete Rollen

Prof. Dr. Sabine Sczesny von der Universität Bern analysierte, dass es in Deutschland einen gesellschaftlichen Konsens darüber gebe, dass die Beseitigung von Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern zu den Prioritäten von Regierungen gehören sollte. Sie wies auf die Nachteile für Männer hin, denen auch Sexismus entgegenschlage und der beispielsweise zu Drogen- oder Alkoholmissbrauch, wie riskantem Fahrverhalten etc. von jungen Männern beitrage. Sexistisches Verhalten gegenüber Frauen führe dagegen eher dazu, dass diese sich in eine untergeordnete Rolle einpassten.

Es gibt Gesetze, die schon Maßnahmen umsetzen

Jutta Troost (Deutscher Städtetag) erklärte aus Sicht der Bundesvereinigung der kommunalen Spitzenverbände, dass durch Bundesgesetze schon verschiedene Maßnahmen umgesetzt würden oder sich gerade in der Abstimmung befänden. Es sollte zunächst zumindest eine Zeit abgewartet werden, ob diese Gesetze greifen.

Fortbildung für Juristinnen zu Sexismus notwendig

Dagmar Freudenberg vom Deutscher Juristinnenbund wies darauf hin, dass eine klare juristische Definition von Sexismus fehle. Sie plädierte für eine flächendeckende verpflichtende Fortbildung für Juristen und Juristinnen zu diesem Thema, wie sie in Nordrhein-Westfalen bereits eingeführt worden ist. Es könne sinnvoll sein, die Teilnahme an solchen Fortbildungen attraktiv zu gestalten.

Verbandsklagerecht einführen

Christine Lüders von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes verwies darauf, dass im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) Sexismus als „unerwünschte Handlung“ definiert ist. Notwendig seien vor allem eine Verlängerung der Geltendmachungsfristen – die bisherigen zwei Monate seien viel zu kurz. Darüber hinaus hielt sie die Einführung eines Verbandsklagerechts, die Erweiterung des Schutzbereichs bei sexuellen Belästigungen, die Stärkung von Beschwerdemöglichkeiten und die Erleichterung der Beweislast wichtig. Dafür solle die Antidiskriminierungsstelle personelle gestärkt und finanzielle abgesichert werden.

Bundesweiter Aktionsplan gefordert

Dr. Stevie Schmiedel (Pinkstinks) beschrieb die negativen Auswirkungen von Werbung oder Formaten wie Germany´s next top model auf Kinder und vor allem Mädchen. Sie forderte eine bundesweite Aktion "Schule ohne Sexismus", um insbesondere Lehrerinnen und Lehrer sowie Eltern zu sensibilisieren. Diese sollte – ähnlich wie die "Schule ohne Rassismus" – Teil eines bundesweiten Aktionsplans sein. Pinkstinks ist derzeit mit verschiedenen Theaterprojekten in Schulen unterwegs.

Karin Nordmeyer von UN Women Deutschland sah eine Bündelung verschiedener Maßnahmen in einem Aktionsplan als Möglichkeit für die Umsetzung der Gleichstellung an. Dafür bestehe auch in Deutschland noch Bedarf. Die im Antrag vorgeschlagenen Maßnahmen seien geeignet, in vielen gesellschaftlichen Bereichen ein Umdenken und eine Veränderung im Verhalten der Menschen herbeizuführen.

Fazit: Bildung einer unabhängigen Kommission

Die frauenpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion, Ulle Schauws, sah sich durch die Anhörung in ihrer Einstellung bestätigt, dass bei diskriminierender, die Würde verletzende Werbung Handlungsbedarf besteht. Sie könne sich eine unabhängige Kommission vorstellen, die in Streitfällen Empfehlungen abgibt und anhand transparenter Kriterien entscheidet, ob eine Werbung diskriminierend ist. Nicht die Werbewirtschaft allein sollte definieren, was beispielsweise sexistisch ist und was nicht.

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