Diese Webseite verwendet Cookies zur Auswertung und Optimierung unseres Web-Angebots. Nutzungsdaten dieser Webseite werden nur in anonymisierter Form gesammelt und gespeichert. Einzelheiten über die eingesetzten Cookies und die Möglichkeit, die Nutzungsdatenanalyse zu unterbinden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Neue GentechnikverfahrenWas ist dran am CRISPR-Hype?

Was ist dran an aktuellen Gentechnik-Methoden wie CRISPR/Cas? Und welche Anforderungen stellt die neue Gentechnik an Risikobewertung und Zulassung? Dazu haben unsere Abgeordneten Oliver Krischer und Harald Ebner gemeinsam mit Martin Häusling, MdEP, drei ExpertInnen zu einem Fachgespräch mit dem Titel „Nachhaltig ackern mit Gentechnik 2.0? Der aktuelle Hype um CRISPR und Co. kritisch hinterfragt“ in den Bundestag eingeladen.

Wahlfreiheit und Kennzeichnung

Oliver Krischer begrüßte zunächst, dass durch ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) vom Juli 2018, wonach „neue“ Gentechnik genauso zu behandeln ist wie „alte“, rechtliche Klarheit geschaffen wurde. Und damit die Möglichkeit, auch Produkte neuer Gentechnik zu prüfen, zurückzuverfolgen und zu kennzeichnen – und damit die Wahlfreiheit der VerbraucherInnen sicherzustellen.

Harald Ebner mahnte, wenn der Staat seinen Schutzanspruch für Umwelt- und Gesundheitsvorsorge durchsetzen wolle, müsse er neue Gentechnik ebenso wie die bisherige Gentechnik regulieren und kontrollieren. Keinesfalls dürften Nützlichkeitserwägungen dazu führen, dass Vorsorge und Risikobewertung hintangestellt werden. Es sei Aufgabe des Staates, Risikoprüfung, Wahlfreiheit, Transparenz und Kennzeichnung zu gewährleisten. Dafür sei die Entwicklung von Nachweismethoden für neue Gentechnik und ein internationales Register der Produkte erforderlich.

Martin Häusling betonte, dass das EuGH-Urteil kein Verbot sei, sondern den Rahmen für notwendige Kennzeichnung und Risikoprüfung biete.

Herausforderung für die Behörden

Dr. Margret Engelhard vom Bundesamt für Naturschutz (BfN) wies darauf hin, dass die neuen Gentechnikmethoden sich deutlich beschleunigt hätten in den letzten Jahren, und dass durch Digitalisierung, Automatisierung und technische Entwicklungen – auch unabhängig von CRISPR – Experimente, die früher Wochen oder Monate gedauert hätten, jetzt in Stunden oder Minuten durchzuführen seien. Das mache auch die Versuchsdesigns und die Synthese von DNA schneller. Das wiederum führe zu einem deutlich größeren Volumen, an dem geforscht und das hergestellt wird. Und zwar nicht nur bei Pflanzen und Tieren, sondern bei fast allen Organismen.

Engelhard betonte die Herausforderung für Vollzugsbehörden, die sich durch die erhöhte Geschwindigkeit sowie neuartige und komplexere Eigenschaften, die zum Teil auch auf neue Art umweltrelevant sein können, ergeben. Zur Frage nach dem Nutzen der neuen Techniken merkte sie die Bedeutung von Zuchtzielen an – die bisher weiterhin vor allem monogenetisch seien. Außerdem merkte sie an, dass die Gesellschaft bisher an der Bewertung unzureichend beteiligt sei.

Bisher kaum Risikoforschung

Engelhard berichtete, dass die Biotechnologie inzwischen auch den Naturschutz als Aufgabenfeld für sich entdeckt habe. Daraus ergeben sich eine Reihe neuer Fragen, etwa ob es zum Naturschutz gehöre, ausgerottete Arten wieder zum Leben erwecken. Die Wirkmacht der neuen Techniken sollte nicht unterschätzt werden, so Engelhards Fazit – denn sie seien in der Lage, Organismen von Grund auf umzugestalten. Deshalb müsse die Kennzeichnung der Produkte sichergestellt sowie eine Technikfolgenabschätzung und die Risikobewertung als Gentechnik vorbereitet werden – besondere Herausforderung sei dabei, dass es bisher kaum Risikoforschung zu den neuen Verfahren gebe.

Erfahrungen aus 25 Jahren Gentechnik

Dr. Angelika Hilbeck von der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich warf einen kritischen Blick zurück: Auch früher schon sei es bei der Gentechnik kommunikativ um „Weltenrettung“ gegangen. Ein Realitätscheck nach 25 Jahren zeige aber: Die meisten Organismen scheiterten an dem Schritt, sie aus dem Labor nach draußen ins Feld und in den Anbau zu bringen. Das Wechselspiel zwischen Umwelt und Sorte werde systematisch unter-, der Einfluss des „einen Faktors“ DNA dagegen überschätzt.

Seit 1995 habe sich nichts an den beiden Haupt-Eigenschaften gentechnisch veränderter Pflanzen geändert, nämlich Herbizidtoleranz (vor allem Glyphosat) und Insektenresistenz (Bt-Pflanzen). Und das seit 1996 bei nur vier Hauptpflanzen, die zusammen 99 Prozent der angebauten Gentechnik-Pflanzen ausmachten. Fast 90 Prozent des Anbaus finde in Nord-und Südamerika statt. Ertragssteigerungen habe es in Europa ohne den Einsatz von Gentechnik-Pflanzen in den letzten Jahrzehnten genauso wie etwa in den USA gegeben, wo Gentechnik zum Einsatz kam.

Trotz jahrzehntelanger milliardenschwerer Förderprogramme und trotz Deregulierung gebe es die Revolution auf dem Acker einfach nicht, so ihre Bewertung.

Fehlendes Grundverständnis

Bei den neuen Gentechnikmethoden bleibe die Grundidee bestehen, so Hilbecks Fazit für die neuen Methoden. Es fehle in der Biotechnologie weiterhin das Verständnis für das Ökosystem, in dem eine Pflanze wächst – und auch die Versprechen blieben die gleichen wie vor 25 Jahren. Denn auch die neue Technik bleibe limitiert auf vor allem monogenetische Eingriffe.

Die „Löschtaste“ sei das, was am besten funktioniere. Vor einer möglichen Anwendung solle deshalb zuerst eine kritische wissenschaftliche Aufarbeitung der Resultate der letzten Jahrzehnte Gentechnik stattfinden. Stattdessen gebe es momentan vor allem eine Verklärung der neuen Möglichkeiten in den Medien.

Gesamtes Ökosystem betrachten

Der Vorstandsvorsitzende des Bundes für Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW), Dr. Felix Prinz zu Löwenstein, nannte als Hauptforderung, dass stärker das System Boden, das System Landwirtschaft und das Ökosystem als Ganzes in den Blick genommen werden müsse. Nicht nur das vergangene Jahr mit seinem extremen Klima habe gezeigt, dass wir mehr umfassende Antworten brauchen.

Böden könnten mehr oder weniger Wasser aufnehmen, abhängig von den auf ihnen angebauten Fruchtfolgen. Organische Substanz und Humusgehalt beziehungsweise das Bodenleben insgesamt entscheiden mit über die Widerstandsfähigkeit und Stabilität der Systeme.

Löwenstein betonte, dass auch im Ökolandbau noch Luft nach oben sei, gerade hinsichtlich einer regional angepassten, bäuerlichen Züchtung. Er nannte das Beispiel eines philippinischen Landwirts, dessen ganzer Stolz eine selbst gezüchtete Reissorte sei, die drei Tage länger überschwemmungstolerant ist als die besten Sorten des Internationalen Reisinstituts.

Alternative zur Gentechnik sicherstellen

Löwenstein ging auch auf sogenannte Gene Drives ein. Er kritisierte die Grundidee: Dass man einen Organismus in einem Ökosystem ausschalte und dann erwarte, dass das restliche System weiter funktioniere wie bisher, nur eben minus eins, bezeichnete er als illusorisch.

Löwenstein betonte wie wichtig es sei, die gentechnikfreie Landwirtschaft vor Kontaminationen oder Auskreuzungen zu schützen. Denn nur so sei sicher zu stellen, dass wir einen „Plan B“ haben, wenn sich im Anbau von Gentechnik-Pflanzen, egal ob alt oder neu, Probleme zeigten. Das, so Löwenstein, müssten auch die Gentechnik-Befürworter unterstützen: Wahlfreiheit und Alternativen zu erhalten.

Mehr zum Thema Gentechnik