GutachtenArzneimittelversorgung in Deutschland

Verschiedene Pillen und Kapseln, Medikamente

Im Juni 2014 wurde das Gutachten des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen übergeben, das Analysen und Empfehlungen zur Arzneimittelversorgung enthält. Die grüne Bundestagsfraktion hat nachgefragt, was die Bundesregierung mit den Vorschlägen vorhat. Mittlerweile liegt auch die Antwort der Bundesregierung vor.

Selbstbestimmung braucht Transparenz

PatientInnen sind diejenigen, die letztlich über die Behandlung entscheiden. Damit dies möglich ist, müssen sie aufgeklärt werden und sich informieren können. Die grüne Bundestagsfraktion setzt sich dafür ein, die Transparenz zu erhöhen und unabhängige Informationen für PatientInnen und ÄrztInnen zur Verfügung zu stellen. Hier liegt im deutschen Gesundheitssystem einiges im Argen und die „große“ Koalition weigert sich, Verbesserungen vorzusehen.

Umfassende Nutzenbewertung

Die grüne Bundestagsfraktion setzt sich für eine umfassendere Nutzenbewertung von Medikamenten ein. Union und SPD verweigern dies. Ergänzend zur bestehenden (Zusatz)Nutzenbewertung neuer Medikamente ist sinnvoll und notwendig eine Nutzenbewertung von Arzneimitteln

  • für seltene Erkrankungen (Orphan Drugs),
  • die ausschließlich im Krankenhaus eingesetzt werden,
  • die bereits seit kurzem oder längerem auf dem Markt sind (Bestandsmarkt).

Faire Preise

Pharmafirmen sollen für nachgewiesene Verbesserungen neuer Arzneimittel „belohnt“ werden. Aber Verbesserungen und Preis müssen in einem realistischen Verhältnis stehen. Die aktuelle Debatte über den Preis der deutlich besseren Behandlungsmöglichkeit der Lebererkrankung durch Hepatitis C zeigt, dass hier einzelne Hersteller im ersten Jahr, wo sie den Preis alleine festlegen können, extrem zuschlagen. Diese Erfahrung bestätigt uns darin, dass der nach der Nutzenbewertung verhandelte Preis neuer Arzneimittel rückwirkend ab der Markteinführung gelten sollte.

Versorgungsforschung und unabhängige Informationen

Statt auf die Bundesländer oder bestehende, jedoch nicht genutzte Instrumente, zu verweisen, sollte die Bundesregierung ihre Handlungsspielräume endlich nutzen: Sie könnte zum Beispiel

  • durch die Finanzierung von Versorgungsforschung die Qualität und Aktualität von Behandlungsleitlinien deutlich erhöhen;
  • ihren Einfluss nutzen, damit via ärztlicher (Muster)Berufsordnung statt pharmafinanzierter Fortbildungen nur finanzielle und inhaltliche unabhängige (Arzneimittel)Fortbildungen Standard werden;
  • das Angebot www.gesundheitsinformation.de des IQWiG deutlich ausbauen, damit für Laien (und MedizinInnen) mehr unabhängige, verständliche und der aktuellen Forschung entsprechende Informationen vorliegen.

Arzneimittelvertrieb der Zukunft

Um seriös über eine an den PatientInnen orientierte Bereitstellung von Medikamenten diskutieren zu können, fehlen aussagekräftige sowie regional aufgeschlüsselte Daten. Auf einer solchen Basis könnte dann z.B. über neue Kooperationsformen von Apotheken untereinander bzw. mit Krankenhäusern oder NotärztInnen diskutiert werden. So sollte der Notdienst von ÄrztInnen und Apotheken nicht zufällig am jeweils anderen Ende des Landkreises zu finden sein, sondern miteinander abgestimmt werden.

Gutachten zur Arzneimittelversorgung in Deutschland

International wird der Arzneimittelmarkt meist durch direkte Preisregulierungen gesteuert. In Deutschland haben wir dagegen ein hochkomplexes Geflecht von ca. 25 Regulierungsinstrumenten. Diese richten sich insbesondere an ÄrztInnen und versuchen deren Verschreibungen zu beeinflussen.

Die Bewertung des Zusatznutzens von neu auf den Markt kommenden Arzneimitteln im Vergleich zur bestehenden zweckmäßigen Vergleichstherapie ist inzwischen unstrittig. Der Sachverständigenrat schlägt vor, dass weitere neun Arzneimittelgruppen ebenfalls bewertet werden sollten.

Lieferengpässe bei Arzneimitteln sind ein weltweites Problem. Insbesondere chemotherapeutische Medikamente und Antibiotika sind betroffen. Als Ursachen dafür nennt der Sachverständigenrat international geltende Gründe: Engpässe bei der Produktion der Rohstoffe und Verlagerung der Herstellung auf wenige Standorte, meist außerhalb Europas. Für Deutschland gelten zusätzlich noch unterbliebene Investitionen in veraltete Produktionsstätten sowie die Reduktion des Sortiments, was zu weniger Anbieter von ähnlichen oder identischen Medikamenten führt.

Es gibt beträchtliche regionale Unterschiede bei der Verordnung von Arzneimitteln. Ob zu viele oder zu wenige Medikamente verschrieben werden, ist völlig unklar. Hier müssen in Deutschland Daten auf den Tisch gelegt und der Frage nachgegangen werden, warum das so ist und wie die Versorgung verbessert werden kann.

ÄrztInnen sollten für eine qualitativ hochwertige, auf dem aktuellen medizinischen Wissensstand basierende und den Bedürfnissen der PatientInnen gerecht werdende Behandlung relevante Informationen zur Verfügung gestellt werden. Hier gibt es Nachholbedarf, daher schlägt der Sachverständigenrat vor, ein unabhängiges deutsches Institut für Gesundheitswissen vor.

Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen hat als unabhängiges Gremium eine wichtige Rolle in einem interdisziplinären wissenschaftlichen Diskurs. Er bietet wertvolle Impulse für die gute Diskussion und zeigt in seinem Gutachten konkrete Handlungsmöglichkeiten zur Weiterentwicklung der bestehenden Strukturen und Rahmenbedingungen auf.

Mehr zum Thema Gesundheit

Dieser Artikel ist älter als zwei Monate, deshalb werden keine Kommentare mehr angenommen.

4393010