KrankenversicherungDie Bürgerversicherung zum Laufen bringen

Seite 2: Gute Gründe für eine Bürgerversicherung

Der Gesundheitsökonom Prof. Dr. Klaus Jacobs vom Wissenschaftlichen Institut der AOK erinnerte an die bereits seit mehr als zwölf Jahren laufende Diskussion. Es gehe im Kern um ein gemeinsames Krankenversicherungssystem für die gesamte Bevölkerung mit gleichen Wahl- und Wechselrechten für alle Versicherten. Ein solches System werde solidarisch finanziert und biete einen umfassenden Krankenversicherungsschutz für alle.

Das heutige zwischen GKV und PKV getrennte duale Krankenversicherungssystem habe hingegen verschiedene Defizite, die eine Reform notwendig machten:

  • Aus der Systemperspektive, weil es die Wahl- und Wechselrechte der Versicherten einschränke und die PKV vor Wettbewerb schütze. Eine individuelle Wahloption hätten im heutigen System nur etwa 1-2 der etwa 80 Millionen Einwohner und das auch nur in die PKV. Der von der PKV beschworene „Systemwettbewerb“ drehe sich mithin nur um junge, gesunde Gutverdiener. Die Qualität der Versorgung spiele in diesem Wettbewerb gar keine Rolle.
  • Aus der Finanzierungsperspektive, weil es die Solidarität und Stabilität des solidarischen Krankenversicherungssystems gefährde. Es gäbe eine strukturelle Einnahmeschwäche in der GKV. Während sich die Ausgaben parallel zum Anstieg der Wirtschaftskraft entwickelten, hinkten die beitragspflichtigen Einnahmen hinterher. Denn nicht alle Menschen sind an der Finanzierung beteiligt und nicht alle Einkommen werden einbezogen. Die Einkommensunterschiede zwischen GKV- und PKV-Versicherten hätten in den vergangenen zehn Jahren zugenommen. In der PKV seien nach wie vor viele Menschen mit höheren Einkommen versichert, gleichwohl gäbe es auch in der PKV einen nennenswerten Anteil von Versicherten in prekären Einkommenssituationen. Durch eine Bürgerversicherung würden hingegen erhebliche Beitragsentlastungen für die Versicherten und damit auch die Arbeitgeber möglich.
  • Aus der Versorgungsperspektive, weil es Wirtschaftlichkeit und Qualität der Versorgung behindere. Der PKV liefen die Ausgaben davon, sie habe keine Möglichkeit Qualität und Wirtschaftlichkeit der Versorgung zu steuern. Außerdem komme es zu Fehlanreizen in der Versorgung. Es gäbe einen signifikanten Zusammenhang zwischen der Arztdichte und dem Anteil der privat Versicherten in der Bevölkerung. Regionale Versorgungsunterschiede würden sich verschärfen, das heutige System mache es schwerer, Ärzte in unterversorgten Regionen mit wenigen privat Versicherten zu finden.

Vor diesem Hintergrund seien zeitgemäße Wahl- und Wechseloptionen für die Versicherten, sinnvoller Wettbewerb um gute Versorgung und eine Stärkung der Beitragsbasis der solidarischen Krankenversicherung notwendig.

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1 Kommentar
Finanzierung
Peter Walther 20.06.2017

Ich bezweifle die Aussage, dass durch eine Bürgerversicherung „erhebliche Beitragsentlastungen“ möglich seien. (Jakobs) Es wird keine Nettoentlastung für Versicherte, sondern allenfalls BeitragsSATZentlastungen und damit zunächst nur Entlastungen für Arbeitgeber geben. Ich bezweifle ebenfalls, dass nur „reiche“ Versicherte mehr bezahlen als bisher und empfehle eine break-even Analyse der Gesamteinkommen mit den vorgesehenen Veränderungen. Ich vermute, dass ein großer Teil des Mittelstands mit Miet- und Kaptaleinkommen ebenfalls höher belastet wird. Zudem sollte diese faktische Sonderbesteuerung auf deren Auswirkungen auf Altersvorsorge und auf die Mieten diskutiert werden.

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