NotfallversorgungIm Notfall gut versorgt

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Überfüllte Notaufnahmen, unnötige Rettungsdiensteinsätze, unzufriedene Patientinnen und Patienten – in der deutschen Notfallversorgung steckt der Wurm. Wir haben Vorschläge, wie sie reformiert werden könnte.

Das Kind bekommt am Freitagabend plötzlich hohes Fieber. Doch wer kann um diese Zeit helfen?

Im Pflegeheim ist ein Bewohner plötzlich stark verwirrt. Doch findet sich kein Arzt für einen Hausbesuch. Also wird der Rettungsdienst 112 angerufen, der den Patienten ins Krankenhaus fährt.

Eine Sportlerin hat beim Wettkampf einen Unfall. Also ab ins Krankenhaus. Doch die Notaufnahme ist hoffnungslos überfüllt.

Notfallversorgung muss reformiert werden

Drei Beispiele, die jede oder jeder so oder ähnlich schon mal selbst erlebt hat. Sie zeigen, dass die Notfallversorgung in Deutschland reformiert werden muss. Patientinnen und Patienten wissen häufig nicht, an wen sie sich im Notfall wenden können. Die Existenz und die Nummer des Kassenärztlichen Notdienstes sind vielen nicht bekannt. Eine Zusammenarbeit mit der Leitstelle des Rettungsdienstes gibt es nicht. Zudem ist der Kassenärztliche Bereitschaftsdienst in vielen Bundesländern nicht rund um die Uhr besetzt, Hausbesuche gibt es in der Regel nicht während der Praxisöffnungszeiten, ein fachärztlicher oder kinderärztlicher Bereitschaftsdienst ist selten. Pflegeheime haben bei Notfällen Probleme, die ärztliche Versorgung ihrer Bewohner sicherzustellen.

Der Rettungsdienst 112 und die Notaufnahme des Krankenhauses versprechen schnelle Hilfe und das ganze Spektrum der modernen Diagnostik. Doch der Anschein trügt. Das Kind mit dem Magen-Darm-Infekt gehört ebenso wenig in die Notaufnahme des Krankenhauses wie die ältere Pflegeheimbewohnerin oder der allein lebende Mann mit einer psychischen Notlage. Die Notaufnahme ist nicht geeignet und für diese Fälle auch viel zu teuer.

Schnelle Hilfe für Patienten muss sichergestellt werden

Das Ziel von Reformen muss es sein, die Zusammenarbeit im Gesundheitswesen zu stärken und so Patientinnen und Patienten schnell die Hilfe anzubieten, die sie gerade benötigen. So werden nicht nur langes Warten verhindert oder unnötige Krankenhauseinweisungen vermieden, sondern auch die Beitragsgelder der gesetzlich Versicherten gezielter eingesetzt.

Wir sind unter anderem dafür, die Leitstellen für den Rettungsdienst (112) und den Kassenärztlichen Bereitschaftsdienst (116 117) zusammenzulegen. Bereits hier sollen den Patientinnen und Patienten rund um die Uhr auf die jeweils geeigneten medizinischen oder psychosozialen Hilfsangebote verwiesen werden können. Eine bundesweite App soll die Bürgerinnen und Bürger ebenfalls aktuell darüber informieren, welche Hilfsangebote in ihrer Nähe geöffnet haben.

Notfallpraxen für Kinder einrichten

Die Bundesländer sollen flächendeckend zentrale Standorte festlegen, an denen ein umfassendes ambulantes und stationäres Angebot der Notfallversorgung vorgehalten werden muss. An diesen Standorten sollen Notfallpraxen für die ambulante Behandlung eingerichtet werden, die eng mit den Notaufnahmen der jeweiligen Krankenhäuser kooperieren und auch deren diagnostische Angebote mitnutzen können. Diese Notfallpraxen sollen auch einen Bereitschaftsdienst für Hausbesuche organisieren. Für Kinder sollen besondere Notfallpraxen eingerichtet werden.

Den Notfallpraxen werden zentrale Notaufnahmen vorgelagert, in denen qualifizierte Pflegekräfte oder Ärztinnen und Ärzte die Dringlichkeit der Behandlung ermitteln und entscheiden, ob die Notaufnahme des Krankenhauses zuständig ist oder eine ambulante Versorgung vor Ort ausreicht. Durch regelmäßige Fortbildung sollen die Beschäftigten insbesondere für die Versorgung von älteren Patientinnen und Patienten fit gemacht werden, die eine stark wachsende Gruppe in den Notaufnahmen sind.

Patienten nicht für Probleme verantwortlich machen

Manche ärztliche Kreise geben den Patientinnen und Patienten die Schuld für die Probleme und fordern eine Gebühr für die Notfallaufnahme oder eine höhere Eigenbeteiligung bei der Nutzung des Rettungsdienstes. Dies soll die „falschen“ Patienten abhalten und die „richtigen“ in die Notaufnahme bringen. Zwar ist es richtig, die Gesundheitskompetenzen von Patientinnen und Patienten zu stärken. Doch können sie oft gar nicht einschätzen, ob die Symptome harmlos sind oder sich eine schwere Erkrankung ankündigt. Es wäre überdies fatal, wenn Menschen aus finanziellen Gründen davor zurückschrecken, sich rechtszeitig Hilfe zu suchen. Patientinnen und Patienten dürfen nicht für die Steuerungsprobleme unseres Gesundheitswesens verantwortlich gemacht werden. Diese zu lösen ist Aufgabe der Politik und der Selbstverwaltung.

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