eHealthMehr Digitalisierung wagen

Schrittzähler auf einem Iphone
Wir wollen die Chancen der Digitalisierung für unser Gesundheitswesen nutzen. Doch sie m

Die Digitalisierung bestimmt zunehmend unseren Alltag. Neue Technologien helfen uns bei der Kommunikation. Sie verändern die Arbeitswelt und die Mobilität. Daten werden zum Rohstoff, ganze Wirtschaftsbranchen werden revolutioniert. Nur um unser Gesundheitswesen scheint die Digitalisierung einen Bogen zu machen.

Chancen der Digitalisierung nutzen

Die Medizin ist durch die Arbeit von Menschen mit Menschen bestimmt. Eine Digitalisierung im Interesse der Patientinnen und Patienten kann diese menschliche Zuwendung unterstützen. Mit digitalen Technologien werden zum Beispiel neue Möglichkeiten zur schnelleren und sicheren Diagnostik eröffnet. Chronische oder seltene Krankheiten können besser behandelt werden. Digital unterstützte Hilfsmittel, wie die Überwachung des Blutzuckerspiegels bei Diabetes oder Exoskelette für Patientinnen und Patienten mit Erkrankungen des Muskel- und Nervensystems, erleichtern die Behandlung und ermöglichen den Betroffenen echte Teilhabe. Durch eine bessere Kommunikation und Koordination von Ärztinnen, Ärzten und anderen Leistungserbringern und das Teilen von Informationen können die Sektorengrenzen überwunden werden. Durch einen niedrigschwelligen Zugang zu digitalen Präventionsangeboten guter Qualität bieten sich neue Potentiale für die Gesundheitsförderung. Durch eine bessere Vernetzung und qualitätsgesicherte Informationen können die Patientinnen und Patienten aktiv am Behandlungsprozess mitwirken. Eine echte elektronische Patientenakte, die den Behandlungsverlauf für Patientinnen und Patienten nachvollziehbar macht, sorgt dabei für die nötige Transparenz.

Große Koalition ohne echte Strategie

Die Chancen sind vielfältig. Doch um diese auch Realität werden zu lassen, bedarf es einer Politik, die diese Entwicklung gestaltet und nicht nur davon redet, die Patientinnen und Patienten in den Mittelpunkt zu stellen. Mit dem E-Health-Gesetz ist die Bundesregierung 2015 erst nach jahrelangem Stillstand gesetzgeberisch tätig geworden und hat letztendlich ein Gesetz vorgelegt, welches sich allein auf die Telematikinfrastruktur beschränkt und ausschließlich die ärztlichen Berufe in den Blick nimmt. Anstatt die medizinische Fernbehandlung im Sinne des Patientenschutzes zu regulieren, wurden mit dem Verbot der Fernverschreibung und des Verzichts auf das elektronische Rezept sinnvolle Anwendungsfelder zugunsten von einseitigen Lobbyinteressen versperrt oder infrage gestellt.

Patientinnen und Patienten ins Steuerhaus der Digitalisierung

In der so genannten Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte (gematik), also der zentralen Einrichtung für die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte und der zugehörigen Infrastruktur (Telematik), sind die Patientinnen und Patienten bislang allenfalls Zuschauer. Wir wollen sie zu TaktgeberInnen der Digitalisierung im Gesundheitswesen machen. Sie müssen in den Entscheidungsgremien der gematik vertreten sein.

Viele Patientinnen und Patienten nutzen schon heute Foren, Informationsportale und andere Onlineangebote, um sich auszutauschen und zu informieren. Vielen helfen diese Informationen, ihren Arzt oder ihre Ärztin besser zu verstehen und selbstbewusster an einer Therapieentscheidung mitzuwirken. Wir wollen ein neutrales Informationsportal, das bereits bestehende hochwertige Angebote zusammenführt, wissenschaftliche Erkenntnisse patientengerecht aufbereitet und mit Entscheidungshilfen kombiniert. Die individuellen Informationen in einer elektronischen Patientenakte könnten auf Wunsch der Patientinnen und Patienten mit einem solchen Informationsportal verbunden werden und so eine „Übersetzung“ von Diagnosen oder Therapieoptionen in eine von Laien verständliche Sprache ermöglichen.

Datenschutz und Datensicherheit gewährleisten

Datenschutz und Gesundheitsversorgung dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Im Gegenteil: Sie bedingen einander. Nur wenn die Patientinnen und Patienten auch darauf vertrauen können, dass ihre Daten sicher und geschützt sind, werden sie sich auf die Digitalisierung und ihre Chancen einlassen. Ohne Vertrauen keine Akzeptanz, das hat insbesondere die Diskussion um die elektronische Gesundheitskarte (eGK) gezeigt.

Unser Ziel sind daher hohe Datenschutzstandards. In allen Versorgungsbereichen und für alle elektronischen Medizinprodukte müssen Datenschutz- und IT-Sicherheit ausnahmslos sichergestellt werden. Datenschutz und Datensicherheit müssen für unser Gesundheitswesen so selbstverständlich werden wie Händewaschen.

Digitale Kluft schließen

Es kann viel über die Chancen der Digitalisierung gesprochen werden. Wenn aber die technische Infrastruktur veraltet ist, Krankenhäuser, Versorgungszentren oder Arztpraxen nicht an schnelle Datenleitungen angeschlossen sind, wird die Telemedizin nur ein frommer Wunsch bleiben. Wenn zahlreiche PatientInnen und Gesundheitsberufe keine Zugänge zur digitalen Welt haben und mangels notwendiger Digitalkompetenzen abgehängt sind, kann die Digitalisierung im Gesundheitswesen ihren Nutzen nicht entfalten.

Diejenigen, die heute schon viel zu oft im Gesundheitssystem untergehen, dürfen nun nicht auch noch bei der Digitalisierung im Gesundheitswesen das Nachsehen haben. Deshalb wollen wir die digitale Kluft zwischen Stadt und Land, Arm und Reich aber auch Jung und Alt überwinden. Wir wollen den Breitbandausbau vorantreiben und die digitale Gesundheitskompetenz aller fördern. Wir wollen deutlich mehr in digitale Bildung investieren – gerade auch für Ältere.

Elektronische Patientenakte vorantreiben

Eines der zentralen Projekte ist die elektronische Patientenakte. Mit einer solchen Akte können die Versicherten selbst entscheiden, welchem Leistungserbringer sie wann Zugriff auf welche Daten erlauben. Sie können eigene Daten wie zum Beispiel den aktuellen Blutzuckerspiegel hinzufügen und mit den Ärztinnen und Ärzten teilen. Eine elektronische Patientenakte schafft darüber hinaus neue Möglichkeiten, etwa für eine sektorenübergreifende Versorgung, für eine effizientere Versorgungsprozesse und für eine bessere Beratung und Information der Patientinnen und Patienten. Dazu muss es den Versicherten möglich sein, auch über mobile Geräte auf ihre Akte zuzugreifen.

Wir wollen, dass die Krankenkassen allen gesetzlich Versicherten, die dies wünschen, eine solche Akte finanzieren oder bereitstellen. Ein Wettbewerb verschiedener Anbieter kann dabei helfen, individuelle Patientenbedürfnisse noch besser zu berücksichtigen und innovative Angebote zu ermöglichen. Auf gesetzlicher Ebene bedarf es daher klarer Bestimmungen etwa zum Schutz der in der elektronischen Patientenakte gespeicherten Daten.

Mehr Durchblick bei Gesundheits-Apps

Viele nutzen heute schon mit ihren Smartphones gesundheitsbezogene Apps oder messen unterschiedliche Gesundheitsdaten. In den App Stores tummeln sich inzwischen weit über 130.000 Apps mit einem direkten oder auch nur entfernten Gesundheitsbezug. Wir wollen hier mehr Durchblick schaffen. Die Verbraucherinnen und Verbraucher sollen schnell erkennen, ob die Apps für sie einen Nutzen haben und was mit ihren Daten geschieht. Bereits bestehende Angebote zur Bewertung von Apps wollen wir dabei einbeziehen. Einige Akteure wie HealthOn oder das Land NRW haben hier schon wertvolle Arbeit geleistet, auf die aufgebaut werden kann. Es müssen Kriterien für gute Apps entwickelt werden. Zusätzlich wollen wir erreichen, dass auch in den App Stores besser erkennbar ist, welche Gesundheitsapps besonders geeignet sind.

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