GesundheitsversorgungPerspektiven kommunaler Gesundheitslandschaften

Fachgespräch zur kommunalen Gesundheitsvorsorge. Von links nach rechts: Prof. Dr. Heike Köckler (Hochschule für Gesundheit Bochum), Dr. Almut Satrapa-Schill (Kuratorium Deutsche Altershilfe), Kordula Schulz-Asche MdB, Sprecherin für Prävention und Gesundheitswirtschaft, Dr. Albrecht Kloepfer (Büro für gesundheitspolitische Kommunikation, Prof.Dr. Klaus Jacobs (wissenschaftliches Institut der AOK),Maria Klein-Schmeink MdB, Sprecherin für Gesundheitspolitik, Elisabeth Scharfenberg MdB, Sprecherin für Pflege- und Altenpolitik

Seite 3: Kommunale Gesundheitslandschaften – Wie könnte das gehen?

Helmut Hildebrandt, Vorstand der Optimedis AG und Geschäftsführer des „Gesundes Kinzigtal“ und Prof. Dr. Kerstin Hämel, Professorin für Gesundheitswissenschaften mit Schwerpunkt pflegerische Versorgungsforschung an der Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld, referierten über Optionen, inwieweit die Kommune schon heute Gesundheitsversorgung vor Ort mitgestalten kann.

Helmut Hildebrandt stellte heraus, dass zwei Problemstränge vorhanden seien: Einerseits die kleineren Gemeinden, deren Versorgungsstrukturen wegbrechen würden, andererseits der Zusammenhang zwischen dem Sozialstatus und der Gesundheit. Ohne organisatorische Unterstützung sei die kommunale Gesundheitsversorgung eher schwierig realisierbar. Jedoch gäbe es schon heute Möglichkeiten der kommunalen Gesundheitsversorgung mittels Integrierter Versorgung. Zentral für kommunale Gesundheitsversorgung sei, dass es einen Betreiber mit einem ökonomischen Interesse an guter Gesundheit gäbe.

Kommunen könnten schon heute als Träger eines Krankenhauses oder Medizinischen Versorgungszentrums einen Integrierten Versorgungs-Vertrag (IV-Vertrag) schließen und als Gesellschafter tätig sein. Eine weitere Option bestehe darin, den Geschäftsbesorgungsauftrag an ein Gesundheitsunternehmen zu übertragen. Dritte Variante wäre die Kooperation der Kommune mit einem Gesundheitsunternehmen. Letztendlich müsse jedoch eine Struktur etabliert werden, die ein Interesse an der Produktion von Gesundheit in der Region habe. Dieses unternehmerische Risiko müsse jedoch auch getragen werden. Krankenkassen seien allerdings nicht zum Abschluss eines IV-Vertrages verpflichtet. Kommunale Verantwortung in der Gesundheitsversorgung ergäbe jedoch einige Vorteile: die Standortattraktivität könne erhöht, die regionalen Versorgungsbedürfnisse erkannt und gesichert, ungleichen Lebenschancen entgegengewirkt, sektoren- und trägerübergreifende Koordination verwirklicht und gemeinwohlorientiert ausgerichtet werden. Aber: Kommunen seien schon heute unterfinanziert, mit Aufgaben überlastet und unterqualifiziert hinsichtlich des Gesundheitsmanagements. Ihre gesundheitspolitische Stellung sei unübersichtlich. Nichtsdestotrotz sei kommunale Gesundheitsversorgung möglich.

Prof. Dr. Kerstin Hämel erläuterte, dass immer komplexere und langfristigere Gesundheitsprobleme die Versorgung bestimmen, die eine kontinuierlich aufeinander abgestimmte Versorgung erfordern würden. Diese Leistung könne die derzeitige stark fragmentierte Versorgung nicht leisten, insbesondere nicht in der ambulanten Versorgung. Eine Option würde jedoch in der Etablierung von Gesundheitszentren bestehen. Die Kommune könne vornehmlich als Planungsinstanz und Moderator die bedarfsgerechte Versorgung in der Region ermöglichen.

Kommunen benötigten hierfür Instrumente, die den Versorgungsbedarf messen könnten; Ressourcen, die ihnen mehr Spielräume ermöglichten, um Personal und Expertise zu binden. Den Kommunen müsse die Zielvision vorgegeben werden und dafür wären klare Modelle notwendig.

Eine Option: die umfassende Primärversorgung. Diese bündele vielfältige Sozialleistungen in der wohnortnahen, interprofessionell vernetzten Versorgung. Diese führe zu einer besseren Versorgung, zu einem besseren Gesundheitsstatus und einem geringeren Hospitalisierungsrisiko der Patientinnen und Patienten.

Gesundheitszentren seien Orte, an denen die umfassende Primärversorgung unter einem Dach etabliert und gleichzeitig der Zugang zu anderen Versorgungsbereichen organisiert würde. Zentral sei die persönliche Ansprechperson im Gesundheitszentrum sowohl für die Patientin und den Patienten, aber auch für die Kommune selbst. Das Gesundheitszentrum kläre die Versorgung und gucke, wie es um die Gesundheit vor Ort stehe. Die Ausrichtung müsse sich dabei unbedingt an Gemeinde und Quartier orientieren und weiterentwickeln. Das multiprofessionelle Team gewinne eine ganzheitliche Sicht auf die Nutzerinnen und Nutzer. Die Akademisierung der Pflege wäre vor allem auch im Bereich der Gesundheitsbildung wichtig. Gesundheitsschulungen, -beratungen und –kurse seien für die Kompetenzen und Selbstmanagementpotentiale der Versicherten zentral. Gesundheitszentren böten nicht nur bessere Arbeitsbedingungen, in anderen Ländern würde vor allem die Teamarbeit als Qualitätsgewinn beschrieben. Die Aufgabenverteilung könne zudem die Gesundheitsberufe stärken und deren Attraktivität erhöhen.

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