GesundheitsversorgungPerspektiven kommunaler Gesundheitslandschaften

Fachgespräch zur kommunalen Gesundheitsvorsorge. Von links nach rechts: Prof. Dr. Heike Köckler (Hochschule für Gesundheit Bochum), Dr. Almut Satrapa-Schill (Kuratorium Deutsche Altershilfe), Kordula Schulz-Asche MdB, Sprecherin für Prävention und Gesundheitswirtschaft, Dr. Albrecht Kloepfer (Büro für gesundheitspolitische Kommunikation, Prof.Dr. Klaus Jacobs (wissenschaftliches Institut der AOK),Maria Klein-Schmeink MdB, Sprecherin für Gesundheitspolitik, Elisabeth Scharfenberg MdB, Sprecherin für Pflege- und Altenpolitik

Seite 5: Diskussion: Vision oder Abenteuer?

In der Diskussionsrunde „Kommunale Gesundheitsversorgung - Vision oder Abenteuer?“ ging es um Fragen, ob es an Erkenntnis- oder Umsetzungsdefiziten läge, inwieweit der gute Wille ausreiche, oder ob es mehr Kohärenz in der Politik benötige, um kommunale Gesundheitslandschaften zu etablieren. In der Debatte wurde auch die Rolle der Kassenärztlichen Vereinigungen für den Sicherstellungsauftrag, die Aufhebung der Trennung von SGB V und SGB XII, die sich zuspitzende Kommerzialisierung und Ökonomisierung im Gesundheitswesen, die Frage der regionalen Budgets und die Befähigung von Bürgerinnen und Bürgern, Patientinnen und Patienten selbst zu Expertinnen und Experten zu werden, diskutiert.

Prof. Dr. Klaus Jacobs, Wissenschaftliches Institut der AOK, erörterte, dass die kommunale Versorgung eine Illusion sei. Es bestehe Reformbedarf, der schon seit Langem bekannt sei. Die Frage sei jedoch, wie der Weg hin zu einer patientenorientierten, ganzheitlichen Versorgung ermöglicht werden könne. In der DDR seien die Kommunen zentraler Akteur in der Versorgung vor Ort gewesen, zum Beispiel durch Polikliniken. Sie wurden nicht übernommen, ebenso wie die Gesundheitskonferenzen, die in vielen Kommunen im Westen des Landes zum Erliegen gekommen seien. Jacobs stellte fest: Wenn die vorhandenen Organisationsstrukturen bestehen blieben, würden Ergänzungen wenig helfen und es ändere sich nichts. Dafür seien ökonomische Anreizstrukturen wichtig. Es dürfe sich nicht mehr lohnen, so weiter zu machen wie bisher. Dazu müsse man auch Akteuren auf die Füße treten. Die Kommune sei dazu nicht in der Lage, diese Systemdefizite zu beheben. Zentrale Strukturen müssten umgeformt werden, damit sich tatsächlich etwas ändere.

Prof. Dr. Heike Köckler, Hochschule für Gesundheit Bochum, verdeutlichte, dass es aus der Sicht der Raumplanerin eine Pflicht sei, gesunde Wohnverhältnisse zu schaffen. Gesundheitsförderung und –versorgung müsse im Sinne der „Health in all policies“-Strategie heruntergebrochen und in allen Sektoren integriert und verfolgt werden. In Gesundheitskonferenzen könnten Aktivitäten unterschiedlichster Akteure gebündelt und koordiniert werden. Die Daseinsvorsorge sei entsprechend in Koproduktion zu erbringen. Es fehle an strategisch formulierten Zielen in den Kommunen. Neue, innovative Instrumente sollten genutzt werden. Die Daseinsvorsorge solle sich an „Outcomes“ orientieren. Die Debatte dürfe zudem nicht nur für den ländlichen Raum geführt werden, sondern auch für unterversorgte Bereiche in Städten. Es gäbe überall Menschen, die besser oder schlechter versorgt seien – dies müsse beachtet werden. Konkrete Handlungsansätze müssten in den Kommunen umgesetzt, aber kein Parallelsystem aufgebaut werden.

Dr. Almut Satrapa-Schill, Vorstand Kuratorium Deutsche Altershilfe, betonte den Handlungsdruck. Es gäbe keine Wahlmöglichkeiten mehr. Die Ungleichheiten verschärften sich. Das jetzige System könne nicht verbessert werden, sondern müsse verändert werden, es müsse ein Umdenken stattfinden. Die Kommune solle für die Daseinsvorsorge verantwortlich sein, denn sie kenne die Bedürfnisse der Bürgerinnen und Bürger. Sie wisse, wen sie einbeziehen muss und wer über bürgerschaftliche Engagement integriert werden könne. Es ginge vor allem darum, wie Ideen oder Ansätze auf die jeweilige Kommune übertragen werden können.

Kordula Schulz-Asche, Sprecherin für Prävention und Gesundheitswirtschaft der grünen Bundestagsfraktion, stellte die Kommune als Ort der Selbstverwaltung von Bürgerinnen und Bürgern heraus, in der auch Fragen der Daseinsvorsorge und –fürsorge eine Rolle spielten. Es gäbe viele gute Beispiele, die zeigten, dass kommunale Gesundheitsversorgung schon heute Realität sei, aber bisher vom Engagement Einzelner abhängig sei. Es stelle sich jedoch die Frage, welche Anreize vernetztes Denken, Zusammenarbeit und Teilhabe von Bürgerinnen und Bürgern fördern könnten. Das Präventionsgesetz habe eindrücklich gezeigt, dass Versorgung nicht von der Ebene der Kommunen aus gedacht werde. Das Bild der Autobahn verdeutliche eindrucksvoll, dass das Präventionsgesetz direkt an den Kommunen vorbeiführe. Aber wenn es um Schulen und Gesundheitsförderung gehe, seien doch Kommunen die Träger. Wenn es um Pflege und Prävention von Pflegebedürftigkeit ginge, stehe am Anfang die Frage der sozialen Teilhabe im Stadtteil. Es gehe jedoch auch um Machtfragen, die Frage was gesamtgesellschaftliche Aufgaben seien, die auch gesamtgesellschaftlich finanziert werden müssten sowie Verteilungsfragen. Zentral sei auch die Frage, wie das Geld in die Kommune fließen könne. Fakt sei, dass so nicht weitergemacht werden könne und Schlüsse für politisches Handeln gezogen werden müssten.

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1 Kommentar
Kommunale Gesundheitslandschaften
Eberhard Göpel 29.12.2015

Ich finde es sehr verdienstvoll,dass mit dieser Veranstaltung das Konzept von kommunalen Gesundheitslandschaften in der gesundheitspolitischen Diskussion verbreitet wird. Es ermöglicht, die Engführung auf Krankenhäuser und Pflegheime zu überwinden und die alltäglichen Lebensbedingungen der Menschen gesundheitsfördernd zu gestalten. Kommunale Daseinsvorsorge wird damit konkretisiert. Bitte entschlossen weiter gehen auf diesem Weg zu einer nachhaltigen , gesundheitsfördernden und inklusiven Lebenswelt-Politik mit den Bürgerinnen und Bürgern. Endlich wird eine "grüne" Vision einer Gesundheits-Wende sichtbar mit einer Stärkung kommunaler Selbstverwaltung und nachhaltiger Daseinsvorsorge. Prima!

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