RaumfahrtZivile Raumfahrt - Chance oder teure Ware?

Der Rover steht auf der erkalteten schwarzen Lawa des Ätna.

Zu Gast waren Prof. Dr. Wörner, Generaldirektor der Europäischen Weltraumorganisation (ESA), Dr. Gerd Gruppe vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), Prof. Dr. Angelika Humbert, Leiterin der Sektion Glaziologie am Alfred-Wegener-Institut, Dr. Fritz Merkle, Vorstandsmitglied der OHB SE, und Tom Segert, Geschäftsführer von Berlin Space Technologies.

Im Fokus des Fachgesprächs stand der Beitrag der zivilen Raumfahrt zu Klimaschutz, Innovation und Entwicklungszusammenarbeit. Die Diskussion moderierten Anja Hajduk MdB, Mitglied im Haushaltsausschuss, und Dieter Janecek MdB, wirtschaftspolitischer Sprecher und Vorstandsmitglied der Parlamentariergruppe für Luft- und Raumfahrt.

Raumfahrt und Weltraumforschung kosten den Staat Milliarden

Anja Hajduk, Berichterstatterin der Bundestagsfraktion für den Etat des Bundeswirtschaftsministeriums (BMWi) im Haushaltsausschuss, stellte eingangs fest, dass der Bund jährlich rund 1,5 Milliarden Euro in die zivile Raumfahrt investiert. Im Wirtschaftsetat machen die für zivile Raumfahrt und Weltraumforschung zur Verfügung gestellten Mittel knapp eine Fünftel des Budgets aus. Ziel der Veranstaltung war es, die Relevanz, Risiken und Chancen zu erörtern und ausdrücklich kritische Rückfragen zu stellen.

In einem breit angelegten Vortrag über den Beitrag der Raumfahrt für den Klimaschutz, die Entwicklungszusammenarbeit und Innovationen gab Prof. Dr. Wörner bei Betrachtung der vom Staat investierten Summen unter anderem zu bedenken, dass staatliche Investitionen in die Programme der Europäischen Weltraumorganisation laut einer von der ESA in Auftrag gegebenen Studie ein Vielfaches an wirtschaftlicher Wertschöpfung und gesellschaftlichem Mehrwert erzeugten. Jeder Euro, der in Raumfahrt investiert werde, erbringe einen gesamtwirtschaftlichen Ertrag von circa sechs Euro.

Dass grüne Innovations- und Wirtschaftspolitik auch auf gesamtgesellschaftlichen Nutzen abhebe und dabei nicht nur ökonomisches Potenzial in den Blick nehme, betonten Kai Gehring und Dieter Janecek. Der Einsatz staatlicher Finanzmittel, die damit erzeugten Lenkungswirkungen sowie die Verteilung der Gewinne müssten auch in der Raumfahrt Ansprüchen einer ökologisch-sozialen Modernisierung und eines nachhaltigen, gesellschaftlichen Wohlstand auch für zukünftige Generationen gerecht werden.

Forschen für den Wandel

In kaum einem Industriezweig wird so viel Geld in Forschung und Entwicklung investiert wie in der Raumfahrt. Nicht immer ist dabei für die Zivilgesellschaft ersichtlich, wo genau die Trennlinien zwischen ziviler und militärischer Nutzung verlaufen.

In seiner Einführung verwies Kai Gehring, Sprecher für Hochschule, Wissenschaft und Forschung der Bundestagsfraktion der Grünen, auf die Dual-use-Problematik und hob die Wichtigkeit von Transparenz in der Raumfahrtforschung sowie der Einbindung der Zivilgesellschaft in die Entscheidungen über die Forschungsagenden in der europäischen Raumfahrtforschung hervor.

Bei Forschung und Entwicklung gehe es konkret um mehr Forschen für den Wandel. Das zielt auf eine Forschungsförderung für eine ganzheitliche Innovationspolitik: Sie soll Forschung - auch im Kontext von Raumfahrt - in ihrer Bedeutung für die ökologische Modernisierung stärken.

Klimaschutz ohne Raumfahrt kaum möglich?

Für den Klimaschutz spielt in der Raumfahrt nicht nur Erdbeobachtung eine Rolle, sondern auch unterschiedliche Grundlagenforschungsmissionen. Prof. Dr. Wörner wies unter anderem darauf hin, dass auch der Treibhauseffekt erst im Zuge der Beobachtung der Atmosphäre der Venus entdeckt worden war. Aktuell arbeite man an einem neuen Projekt, das global CO²-Konzentrationen und ihre Entstehung messen und sichtbar machen soll. Für uns Grüne ist es sicherlich ein interessanter Aspekt, um zum Beispiel internationale Umweltschutzvereinbarungen und Klimaschutzziele im Rahmen einer multilateralen Kooperation zu prüfen.

Dass Klimaforschung ohne Raumfahrt und Satellitendaten in der jetzigen Form nicht möglich sei, machte Prof. Dr. Humbert klar. Die Forscherin beobachtet die Entwicklung der Gletscher und Eisschilde Grönlands und der Antarktis mit Hilfe neuer Satelliten-Messmethoden. Nach wie vor sei aber der Zugang zu bestimmten Satelliteneinstellungen mit der entsprechenden geografischen Abdeckung, ausreichenden Auflösung und in den notwendigen Zeitintervallen stark limitiert. Die Kontinuität der für die Klimaforschung relevanten Daten sei durch die derzeit existierende Technik und die politischen Zusagen (zum Beispiel Bewilligungszeiträume) bisher noch nicht ausreichend gesichert.

Was die Frage nach der Klimaverträglichkeit der Raumfahrt selbst betreffe, so wisse man um die Tatsache, dass unter anderem die Ozonschicht auch bei jedem Raketenstart in Mitleidenschaft gezogen würde, so Prof. Dr. Wörner. Anders als angenommen, sei die Anzahl von Raketen aber vergleichsweise gering. Etwa fünfzehn Raketen mit europäischer Beteiligung starteten beispielsweise pro Jahr. Die ESA achte bei ihren Missionen auf die Treibhausgasemissionen mit dem Ziel, effizienter zu werden. Zufriedenstellend gelöst sei das Problem bisher aber nicht. So experimentiere beispielsweise ein US-amerikanischer Produzent von Raketentechnologie mit der Wiederverwertbarkeit einzelner Raketenstufen, bräuchte dafür allerdings wiederum eine erhöhte Menge an Treibstoff.

Digitalisierung als Innovationstreiber

Dr. Gruppe vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) skizzierte die aktuellen Arbeitsschwerpunkte des DLR, darunter vor allem Telekommunikation, Erdbeobachtung sowie Navigation. Neue Analysemethoden im Bereich Big Data identifizierte er als wesentlichen Impuls für die zukünftige Weltraumforschung und Entwicklung innovativer Geschäftsmodelle. Damit sei auch die Notwendigkeit verbunden, die Frage nach der Archivierung der Daten zeitnah und hinreichend zu klären.

Erklärtes Ziel der Forschung sei es, Fortschritte in der Raumfahrt in den Dienst der Bürgerinnen und Bürger weltweit zu stellen. Man arbeite beispielsweise an der Entwicklung brauchbarer Apps für die Nutzung von Satellitendaten. Dabei sei man aber immer darauf bedacht, nicht in Konkurrenz zu kommerziellen Anbietern zu treten.

Potentiale der Raumfahrt für die Entwicklungszusammenarbeit ausschöpfen

Auf Basis der Erdbeobachtung lassen sich Ressourcen wie Wasser und Böden effizienter einsetzen, Wetter- und Erntevorhersagen treffen, Infrastrukturprojekte besser planen. Satellitengestützte Kommunikation gerade in unzugänglichen ländlichen Räumen ermöglicht die direkte Kommunikation zwischen Marktteilnehmern, macht Informationen zum Beispiel über Preisentwicklungen verfügbar und erspart unnötige Wege.

Anja Hajduk betonte die Bedeutung offener Daten, nicht nur für die Wissenschaft, sondern auch für die Entwicklungszusammenarbeit und fragte, inwiefern die mit staatlichen Steuergeldern generierten Daten auch den jeweiligen Partnerstaaten und der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt würden. Bei den Daten, die im Rahmen des Copernicus-Programms von den Sentinel-Satelliten erzeugt werden, entgegnete Prof. Dr. Wörner, sei dies bereits vollumfänglich der Fall.

Kommerzialisierung der Raumfahrt und New Space

Die derzeit viel beobachteten neuen Akteure in der Raumfahrt werden allgemein als „New Space“ bezeichnet. Zunehmende Schnittstellen zwischen Raumfahrt und Digitalwirtschaft lassen es immer mehr privaten Akteuren lukrativ erscheinen, mit eigener Technik im Weltraum aktiv zu sein. Um neue Geschäftsmodelle in einer staatlich subventionierten Branche mit hohen Kosten und Zutrittsschranken tragfähig zu machen, entwickelt der New Space Sektor neue Perspektiven, Technologien und Herangehensweisen. Die Kommerzialisierung des Weltraums bleibt jedoch noch eine Frage, die unter mehreren Gesichtspunkten (zum Beispiel die Verantwortung für Weltraumschrott oder fragwürdige Rohstoffgewinnungsvorhaben im All) politisch noch zu bewerten ist.

Tom Segert, einer von drei Mitbegründern des im Jahr 2010 gegründeten Start-ups Berlin Space Technologies, sieht die Raumfahrt weltweit in einem Umbruch – weg von der Raumfahrt als Selbstzweck und einem staatsgetriebenen "Old Space" hin zum anwendungsorientierten "New Space". Der Weltraum werde zunehmend als Infrastruktur betrachtet und entsprechend optimiert.

Es entstünden immer mehr direkte, privatwirtschaftliche Kooperationen zwischen anwendungsbasierten Unternehmen und Produzenten gerade von Klein- und Kleinstsatelliten, die zusammen schnellere und preisgünstigere Wege in den Weltraum fänden. Durch Kostenreduktionen bei Raketenstarts, für Satelliten- und Weltraumtechnik sowie in der Folge für Versicherungen waren die Kosten pro auf einer Rakete platziertem Kilogramm zuletzt stark gesunken. Diese Entwicklungen eröffneten neue Räume, der Zugang zu Technik im und Daten aus dem Weltall werde immer erschwinglicher.

Kostenentwicklungen und Investitionsentscheidungen nachhaltig gestalten

Das Fachgespräch hat verdeutlicht, wie stark die zivile Raumfahrt die Lebenswelten der Menschen prägt. Die neusten Entwicklungen lassen eine Überprüfung sinnvoll erscheinen, welche aktuellen staatlichen Investitionen aus grüner Perspektive mittel- und langfristig sinnvoll und zukunftsfähig sind. Teure Prestigeprojekte im Weltraum gehören sicher nicht dazu. Wo Steuermittel eingesetzt werden, muss der Nutzen der Allgemeinheit im Vordergrund stehen. Das muss im Sinne heutiger und zukünftiger Generationen auch einen ökologisch-sozialen Mehrwert für die Gesellschaft bedeuten. Dass es hierfür in der zivilen Raumfahrt einige vielversprechende Ansatzpunkte gibt, wurde durch das Fachgespräch sicher deutlich. Grüne Innovations-, Wirtschafts- und Haushaltspolitik wird darauf hinarbeiten, dieses Potential voll zum Tragen zu bringen und gleichzeitig einen effizienten Einsatz steuerlicher Mittel zu gewährleisten.

Mehr zum Thema Haushalt

Dieser Artikel ist älter als zwei Monate, deshalb werden keine Kommentare mehr angenommen.

4402532