Lage der StudierendenBAföG erhöhen und reformieren

Studierende im Hörsaal einer Universität
Zuverlässig deckt die Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks auf, wo Studierende der Schuh drückt. Die 21. Ausgabe zeigt vor allem: Das Vertrauen ins BAföG ist deutlich gesunken und die Wohnkosten fressen zu viel vom Lebensunterhalt weg.

Die 21. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks steht in einer langen Tradition. Zuverlässig deckt sie seit Jahrzehnten auf, wo Studierende der Schuh drückt. Die neueste Ausgabe mit Stand 2016 zeigt vor allem: Das Vertrauen ins BAföG ist deutlich gesunken und die Wohnkosten fressen zu viel vom Lebensunterhalt weg.

BAföG schleunigst erhöhen

Zwischen 2012 und 2016 haben zwei Bundesregierungen unter Führung der Union das BAföG nicht erhöht. Entsprechend schlecht waren die Entwicklungen für die soziale Lage der Studierenden: So ist der Anteil derjenigen, die neben dem Studium arbeiten, von 62 auf 68 Prozent gestiegen. Das Vertrauen der Studierenden auf das BAföG ist im gleichen Zeitraum gesunken.

Zur Erinnerung: Das BAföG ist geschaffen worden, um auch Menschen aus sozial oder finanziell schlechter gestellten Herkunftsgruppen das Studieren zu ermöglichen. Denn sowohl die soziale Gerechtigkeit als auch die Leistungsfähigkeit von Gesellschaft und Wirtschaft hängen davon ab, dass alle ihre Potenziale entfalten können. Nun sagen 37 Prozent der 60.000 befragten Studierenden, dass sie erst gar keinen BAföG-Antrag stellen, weil sie Angst vor der Verschuldung haben. Hier muss die nächste Bundesregierung dringend handeln.

Grüne Initiativen

Wir haben nicht nur in dieser Legislatur kontinuierlich beantragt, dass das BAföG erhöht und zukünftig automatisch angepasst wird und eine ortsabhängige Wohnpauschale enthält. So können Studierende steigende Lebenshaltungskosten und Mieten schultern.

Wir haben auch unser Reformkonzept vorgelegt: Im zweiten Schritt wollen wir die Studienfinanzierung zum Zwei-Säulen-Modell weiterentwickeln. In der ersten Säule erhalten alle Studierenden einen Studierendenzuschuss ‒ einen gleich hohen Basisbetrag für alle. Mit der zweiten Säule kommt ein individuell bemessener Bedarfszuschuss hinzu. Beides soll, anders als das jetzige BAföG, nicht zurückgezahlt werden müssen.

Die große Koalition hat in ihren vier Regierungsjahren kaum mehr hinbekommen, als einen großen Popanz: Der Bund zahlt seit dem 1.1.2015 allein fürs BAföG. Davon haben die Studierenden, die seit 2010 auf eine Erhöhung warteten, leider gar nichts gehabt. Neben dem Vertrauensverlust gab es noch einen weiteren Grund, warum die Nutzungsquote auf 18 Prozent aller Studierenden gesunken ist: Die Freibetragsgrenzen wurden nicht angepasst, die mittleren Einkommen fielen aus der Förderung heraus.

Herausforderungen

Für viele Studierende hat das gravierende Konsequenzen: Sie müssen neben dem Studium noch mehr arbeiten. Auch das Wohnen frisst bei Studierenden immer mehr vom Einkommen auf. Nur die Wohngemeinschaft und das Wohnheim sind im Rahmen des BAföG noch finanzierbar. Und auch die Auslandsmobilität (Studium, Praktika und Sprachkurse) ist gesunken: Von 2012 bis 2016 hat sie von 31 Prozent auf 28 Prozent abgenommen. Hier wird allerdings die soziale Spaltung deutlich. Während von den Uni-Studierenden ein steigender Anteil von 19 Prozent gegenüber 17 Prozent im Jahr 2012 im Ausland war, stagnierte der Anteil der Fachhochschul-Studierenden bei 11 Prozent. Dieser große Unterschied ist nur zum Teil mit den typischen Fächern erklärbar. Die unterschiedliche soziale Herkunft und die daraus resultierende finanzielle Situation der Studierendengruppen an den beiden Hochschultypen spielt auch eine Rolle.

Andere Herausforderungen, die die große Koalition ignoriert hat, sind das steigende Durchschnittsalter der Studierenden und die Zunahme von Teilzeitstudiengängen. Für beides blieb das BAföG „blind“.

Bedauerlich ist, dass ein seit 20 Jahren bestehender zentraler Indikator der Sozialerhebung fehlt. Der sogenannte „Bildungstrichter“ zeigte in klaren Zahlen die jeweilige Wahrscheinlichkeit an, dass ein Kind aus einem Arbeiterhaushalt beziehungsweise aus einem Akademikerhaushalt ein Studium aufnimmt. Im Jahr 2012 betrugen diese Zahlen 23 von 100 versus 77 von 100. Diese klare Aussage über die soziale (Un-)Durchlässigkeit der Gesellschaft und die geringen Aufstiegschancen durch Bildung fehlt in der aktuellen Erhebung. Dass ausgerechnet diese Grafik der Verschlankung von 600 auf 200 Seiten zum Opfer fiel, macht stutzig. Angesichts der anderen oben genannten Entwicklungen wird sich das Missverhältnis zwischen diesen beiden Ziffern und damit zwischen realen Lebensperspektiven in unserem Land nicht verbessert haben. In der 22. Sozialerhebung sollte diese Zahl von Anfang an wieder enthalten sein. Denn Wegschauen hat noch nie geholfen.

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