Wissenschaftlicher NachwuchsMit Sicherheit gut forschen

Anton Hofreiter ist nicht nur Fraktionsvorsitzender sondern auch ein „Aussteiger“ aus dem deutschen Wissenschaftssystem. Nach seiner Promotion fand seine Zukunft in der Wissenschaft nicht in Deutschland statt, sondern er war schon auf dem Weg nach Skandinavien. Geprägt von seinen eigenen Erfahrungen, fordert er, dass sich das Personalsystem an deutschen Hochschulen weg von der Pyramide mehr einem Zylinder annähern muss. Das Missverhältnis von breiter Basis zu schmalster Spitze ist zu krass.

Kai Gehring, der Sprecher für Hochschule, Wissenschaft und Forschung, wies auf die übergeordnete Bedeutung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern für soziale, ökologische und ökonomische Innovationen hin. Die gegenwärtige Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses stelle ein Gerechtigkeitsproblem, ein Strukturproblem und ein Qualitätsproblem dar.

Das erste Panel des Fachgesprächs befasste sich mit Problemanalyse und Zustandsbeschreibung. Moderiert wurde das Panel von Mariel Luise von Halem, MdL und Vorsitzende des Ausschusses für Wissenschaft, Forschung und Kultur im Landtag Brandenburg.

Den ersten Input gab Prof. Remigius Bunia, der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft Juniorprofessur e.V. Er beschrieb das Ausmaß der Unzufriedenheit und die Dringlichkeit von Verbesserungen. Um im Bild zu bleiben: Das System entwickelt sich nicht hin zum durchlässigen und chancenreichen Zylinder, sondern in den letzten Jahren immer mehr zur breiten Pyramide: eine wachsende Basis mit immer geringeren Aufstiegschancen. Außerdem brachte er eine zusätzliche Erklärung, warum das Wissenschaftssystem starr, innovationsfeindlich und von „Main-Stream-Denken“ geprägt sei: die Entscheidung über den Verbleib im System fälle aber nur ein kleiner Teil – nämlich die 10 Prozent Hochschullehrer. Um dieses Problem zu lösen, reiche eine Änderung des Wissenschaftszeitvertragsgesetztes nicht aus. Es bedürfe vielmehr eines Programms, das die Personalstruktur nachhaltig verändere. Für ihn ist nicht die konkrete Ausgestaltung der Personalstrukturen wichtig – entscheidend ist ein deutlicher Aufwuchs an unbefristeten Stellen, deren Inhaber frei forschen können und bei Personalentscheidungen mitbestimmen können.

Den zweiten Input gab Theresia Bauer, Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst des Landes Baden-Württemberg. Sie berichtete von den Anstrengungen des Landes Baden-Württemberg, die Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses zu verbessern, Karrieren planbarer und familienfreundlicher zu gestalten. Zentrale Bausteine dabei: eine attraktive Ausgestaltung der Juniorprofessur, einen Aufwuchs der Grundfinanzierung und Vereinbarungen zu Qualitätsstandards, die zum Beispiel Vertragslaufzeiten unter zwei Jahren begründungspflichtig machen. Besonders wichtig in der aktuellen Debatte ist ihr, dass das angekündigte Programm für Nachwuchswissenschaftler*innen jetzt kommen muss. Denn „eine ganze Generation ist sonst verloren“.

Das zweite Panel „Einstieg in die Bundesfinanzierung! Über welche Instrumente? Ein Programm“ moderierte die stellvertretende Fraktionsvorsitzende Katja Dörner.

Den Beginn machte Dr. Sabine Behrenbeck vom Wissenschaftsrat mit einem Input zu den Forderungen des Wissenschaftsrates zu Karrierewegen und –zielen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Prägnant formulierte sie: „Es gibt zu viele Möglichkeiten sich auf den Weg zu machen, zu wenige, um anzukommen“. Das Ziel der notwendigen Reformen müsse sein: Mehr Professuren und mehr Dauerstellen.

Dafür müssen alle etwas tun, der Bund sei hier gefragt, weil es unter anderem eine Erhöhung der Grundfinanzierung brauche. Im Fazit forderte Frau Dr. Behrenbeck eine Pluralität der Karrierewege in der Wissenschaft. Wissenschaft als Beruf müsse normaler und anschlussfähiger werden.

Kai Gehring bewertete die Stellungnahme des Wissenschaftsrates und begründete den grünen Vorschlag, was jetzt zu tun ist. Der Mittelbau erledigt Kernaufgaben – er ist nicht nur der perfekte Dienstleiter. Im heutigen Wissenschaftssystem haben sich Unkulturen eingenistet. Es gibt einen Jugendwahn einerseits, und ein überkommenes Senioritätsprinzip andererseits. Die grüne Bundestagsfraktion will jetzt Verbesserungen– und nicht, wie die Regierungskoalition in ihrer üblichen Ankündigungspolitik, irgendwann 2017: Die Karriereleiter für Nachwuchswissenschaftler braucht endlich feste Stufen. Die Reform des Wissenschaftszeitvertragsgesetz gehört dazu. Aber darüber hinaus brauchen sowohl die WissenschaftlerInnen als auch ein funktionsfähiges Wissenschaftssystem weniger Befristungen, mehr Tenure Track und neue feste Mittelbaustellen.

Dafür muss jetzt ein neues Bund-Länder-Nachwuchsprogramm verabredet werden. Die bisherigen Vorschläge haben eine starke Fixierung auf Juniorprofessuren. Richtig ist, wir brauchen mehr Juniorprofessuren, falsch wäre ein Fokus nur auf eine Säule. Wir möchten jetzt eine Dekade für den wissenschaftlichen Nachwuchs. Der Bund muss sich engagieren! Wir fordern die Übernahme von 6 Jahren Juniorprofessur plus Tenure Track plus den Anfang der Lebenszeitprofessur. Für eine echte Verbesserung der Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses brauchen wir neue und zusätzliche 10.000 Stellen in 10 Jahren.

Zum Abschluss bedankte sich Kai Gehring für die guten und spannenden Beiträge. Er kündigte an, dass die Ergebnisse des Fachgesprächs in einen parlamentarischen Antrag einfließen werden und dass die Fraktion zum Thema „Infrastrukturen des Wissens“ ein weiteres Fachgespräch am 12. Juni veranstaltet, zu dem alle Interessierten herzlich eingeladen sind.

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