Ackergift Glyphosat

(Kein) Ausstieg in Sicht

Ein Bauer spritzt mit seinem Traktor Herbizide auf ein Feld
2017 verhinderte der CSU-Landwirtschaftsminister maßgeblich ein EU-Glyphosat-Verbot. Kurz darauf versprach Schwarz-Rot den Ausstieg ohne zu handeln. 2022 entscheidet die EU erneut. Die Weichen werden jetzt gestellt – mit schwierigen Vorzeichen. picture alliance / Benjamin Beytekin
28.06.2021
  • Wir setzen uns weiterhin für einen schnellstmöglichen Glyphosat-Ausstieg ein.
  • Denn Glyphosat gefährdet die menschliche Gesundheit und die biologische Vielfalt.
  • Um den Ausstieg einzuleiten, braucht es jetzt strikte Beschränkungen auf nationaler Ebene, 2022 ein Verbot auf EU-Ebene – und endlich eine Verantwortungsübernahme der Glyphosat-Hersteller, allen voran des deutschen Unternehmens Bayer.

Es wird Zeit, endlich Schluss zu machen mit Glyphosat. Die vom Bundesrat am 25. Juni 2021 in der sogenannten Pflanzenschutzanwendungsverordnung beschlossenen Anwendungsbeschränkungen sind ein erster, wenn auch zaghafter Schritt in die richtige Richtung. Die landwirtschaftlichen Betriebe brauchen eine klare Roadmap bis zum Ausstieg, um sich darauf einstellen zu können – und angemessene flankierende Maßnahmen.

Ein Glyphosat-Ausstieg: Der keiner ist

Das Ausstiegsdatum 2024 hat die Bundesregierung zusammen mit dem Bundesrat vorsichtshalber auf nach die Bundestagswahl und nach die anstehende EU-Entscheidung gelegt. 2022 werden die EU-Staaten über eine bis zu 15 Jahre gültige Genehmigungsverlängerung abstimmen, die grundsätzlich EU-weit bindende Wirkung hat. Die Begründung der Bundesrats-Verordnung weist ausdrücklich auf den dadurch möglicherweise entstehenden „Evaluierungsbedarf“ hin. Seit der Vereinbarung im schwarz-roten Koalitionsvertrag von 2018, „die Anwendung so schnell wie möglich grundsätzlich zu beenden“ wurden mehr als drei wertvolle Jahre mit Nicht-Handeln verspielt. Es ist also nicht mehr als ein Pseudo-Ausstieg, was gerade beschlossen wurde. Klar ist: Die Weichen für den tatsächlichen Ausstieg müssen 2021/22 in Brüssel gestellt werden. Unser Ziel ist ein EU-weites Auslaufen der Glyphosat-Anwendung. Lässt sich das nicht erreichen, müssen wenigstens nationale Verbote rechtlich abgesichert werden.

Wahrscheinlich krebserregend beim Menschen

Glyphosat tötet erst alles Grün auf dem Acker, dann gelangt es in unsere Luft, Gewässer und Lebensmittel. Neuere Untersuchungen zeigen, dass es fast überall in der Umwelt zu finden ist. Auch wenn deutsche und europäische Behörden das anders sehen: Die Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation (IARC) stufte das Ackergift bereits 2015 gut begründet als „wahrscheinlich krebserregend beim Menschen“ ein. Trotzdem haben die EU-Mitgliedsstaaten mit Zustimmung des damaligen CSU-Landwirtschaftsministers die Genehmigung für Glyphosat Ende 2017 nach langem Zögern um fünf Jahre verlängert.

15 weitere Jahre Glyphosat auf Acker und Teller?

Nun steht eine erneute Genehmigung für weitere 15 Jahre konkret im Raum. Wieder ignorieren die zuständigen Behörden, diesmal nicht das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung, sondern ein Konsortium aus vier EU-Mitgliedsstaaten - Frankreich, Niederlande, Schweden und Ungarn - die offensichtlich vorhandene wissenschaftliche Unsicherheit. Sie bescheinigen Glyphosat im ersten Schritt fast völlige Harmlosigkeit – offenbar ohne dass neue Krebsstudien durchgeführt worden wären und wie immer basierend auf Herstellerunterlagen. Nur hinter die Auswirkungen auf die biologische Vielfalt machen sie ein großes Fragezeichen. Aber diese sind nicht Teil des EU-Bewertungsverfahrens. Als nächster Schritt folgt – im Rahmen neuer Transparenzbemühungen – eine öffentliche Konsultation der Europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde EFSA und der Europäischen Chemikalienagentur ECHA, die im September beginnt. Unabhängige Wissenschaftler:innen, weitere Behörden und die Zivilgesellschaft sind aufgerufen, sich hier mit klarer Stimme einzubringen!

Bürger*innen ernst nehmen: Glyphosat stoppen

2022 müssen die EU-Mitgliedsstaaten neu entscheiden, ob Glyphosat in der EU erlaubt bleibt. Mehr als eine Million Bürger*innen haben ihr Votum bereits abgegeben und die Europäische Bürgerinitiative (EBI) „Stop Glyphosat“ zu einem großen Erfolg geführt. Dieser hat allerdings bisher nur punktuelle Verbesserungen bei den allgemeinen Pestizidprüfungen nach sich gezogen hat. Die Agrarlobby will das europaweite Verbot unbedingt verhindern. Wir dagegen wollen nicht zulassen, dass dieses Gift weiterhin auf unsere Äcker und Teller kommt.

Glyphosat: Pflanzenschutz? Pflanzengift!

Glyphosat gilt als der meistverwendete Pestizidwirkstoff der Welt und tötet jede Pflanze – es sei denn, sie ist entsprechend gentechnisch verändert oder durch jahrelangen massiven Glyphosateinsatz gegen den Stoff resistent geworden. Der Begriff „Pflanzenschutzmittel“ könnte nicht weniger passend sein. Auf dem totgespritzten Acker bleibt für Insekten und andere Feldbewohner keine Nahrung mehr. Der hemmungslose Glyphosat-Einsatz wurde deshalb beispielsweise vom Umweltbundesamt als ein wesentlicher Treiber des dramatischen Biodiversitätsrückgangs in der Agrarlandschaft eingestuft.

Unabhängige Studien aussortiert

Die Hersteller - allen voran Monsanto, das inzwischen durch den deutschen Bayer-Konzern übernommen wurde - und Zulassungsbehörden betonen seit der Markteinführung in den 1970er Jahren die Harmlosigkeit des Gifts, obwohl es schon lange Hinweise auf massive Gesundheitsgefahren gibt. Unabhängige Wissenschaftler haben den umfangreichen EU-Bewertungsbericht, der vom deutschen Bundesinstitut für Risikobewertung als Grundlage für die letzte Zulassungsentscheidung verfasst wurde, kritisch unter die Lupe genommen. Fazit: Die Behörde hat – auf Vorschlag der Glyphosat-Hersteller – eine ganze Reihe Studien nicht berücksichtigt. Vor allem solche, die Hinweise auf das Krebsrisiko von Glyphosat geben. Wiederholt haben angesehene Wissenschaftler:innen aus aller Welt Bedenken formuliert. Diese wurden, ebenso wie kritische Politiker:innen und Aktivist:innen von Bayer auf eine „schwarze Liste“ gesetzt. Zudem finanzierte der Hersteller verdeckt Studien, um die Bewertung zu beeinflussen.

Hintergrund ist ein Zulassungsverfahren, das dringend reformiert werden muss, damit Risiken für Mensch und Natur nicht erst nach Jahrzehnten erkannt beziehungsweise in politisches Handeln umgesetzt werden. Dazu gehören insbesondere die Entkoppelung von Finanzierung und Vergabe der vorgeschriebenen Zulassungsstudien, die bisher sogar in konzerneigenen Laboren durchgeführt werden dürfen, sowie die bessere Berücksichtigung von industrieunabhängigen Studien.

Gesundheitsgefahr: Glyphosat

Glyphosatrückstände sind inzwischen in vielen Lebensmitteln und sogar in unseren Körpern nachweisbar. Das Umweltbundesamt hat gezeigt, dass die Glyphosatbelastung der Bevölkerung in den letzten 15 Jahren erheblich gestiegen ist. Am meisten sind allerdings die Anwender:innen betroffen. Und diese kämpfen in den USA nun zu Tausenden erfolgreich um Entschädigungszahlungen für ihre Krebserkrankungen. Der Versuch des Glyphosat-Herstellers Bayer, zukünftige Klagen mittels eines „Expert*innen-Gremiums“ zu begrenzen und die Milliardenkosten so zu deckeln, wurde vom zuständigen Richter als nachteilig für die Betroffenen bewertet und abgelehnt. Glyphosat wäre nicht das erste Pestizid, das wegen solcher Haftungsrisiken freiwillig vom US-Markt genommen wird. Im Moment denkt Bayer aber erstmal über einen Krebs-Warnhinweis nach, um sich aus der Verantwortung zu stehlen. Wir sagen: Gemäß dem Vorsorgeprinzip gilt es, die Belastung beziehungsweise Exposition der Bevölkerung gegenüber dem Wirkstoff soweit wie möglich zu minimieren. Dies ist durch ein entsprechendes Human-Biomonitoring zu begleiten.

Kein Glyphosat-Ausstieg ohne Pestizidreduktion

Eine Landwirtschaft ohne Glyphosat ist möglich, das sagen selbst überzeugte Glyphosat-Befürworter*innen. Mechanische Bodenbearbeitung, vielfältige Fruchtfolgen und angepasste Wahl von Kulturen und Sorten können den Chemieeinsatz ganz verzichtbar machen. Das beweisen Öko-Landwirte Jahr für Jahr – auch dank hoher Fortbildungs- und Innovationsbereitschaft. Glyphosat gilt aufgrund seines geringen Preises als Innovationsbremse. Doch der Mehraufwand für nicht-chemische Alternativen ist überschaubarer als oft behauptet. Wir wollen Forschung und Wissenstransfer in den Fokus nehmen – und die Beratung der landwirtschaftlichen Betriebe nicht länger den Pestizidherstellern überlassen. Eine konsequente Pestizidreduktionsstrategie soll dazu beitragen, die Abhängigkeit vom chemischen Pflanzenschutz insgesamt zu beenden.

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