InsektensterbenFünf nach Zwölf

Noch vor 20, 30 Jahren war im Sommer nach einer längeren Autofahrt die Windschutzscheibe voller Insekten. Heute ist das nicht mehr so. Es ist ein anschauliches Beispiel dafür, wie dramatisch sich die Zahl der Insekten in den letzten Jahrzehnten reduziert hat.

Stummer Frühling ante portas

Rund 120 Interessierte kamen am 6. März 2017 zu einem Fachgespräch der grünen Bundestagsfraktion. Zusammen mit Insekten-ExpertInnen ging es um die Frage: Was tun gegen das dramatische Insektensterben? Diskutiert wurden Ursachen, Folgen und geeignete Gegenmaßnahmen.

Artenvielfalt ist wie ein Netz. Mit jedem Teil, das verschwindet, wird die Stabilität und Tragfähigkeit dieses Netzes geschwächt, bis es zerreißt. Die planetaren Grenzen sind beim Artensterben bereits weit überschritten. Damit steigt wie bei der Klimakrise die Gefahr, dass ökosystemare Kipppunkte erreicht werden, die Folgen Mensch und Umwelt werden unkontrollierbar. Doch wenn es um ernsthafte Maßnahmen für den Artenschutz geht, betreibt die große Koalition Arbeitsverweigerung, obwohl klar ist, dass die deutschen Biodiversitätsziele weit verfehlt werden. Wir Grüne im Bundestag tun was wir können, um die Bundesregierung zum Handeln zu bringen. Das belegen verschiedene Anträge aber auch mehrere Anfragen, die wir im Bundestag gestellt haben. Die Antworten der Bundesregierung sprechen für sich.

Landwirtschaft ist abhängig von Bienen und anderen Bestäubern

Honigbienen und wilde Bestäuber sind überlebenswichtig für die Landwirtschaft und den Fortbestand von Wildpflanzen. Allein der Anteil der Weltwirtschaftsproduktion, der von der Insektenbestäubung abhängig ist, hat einen Wert, der auf 577 Milliarden US-Dollar pro Jahr geschätzt wird. Doch über 40 Prozent der Bienenarten in Deutschland und in weiteren Ländern stehen bereits auf der Roten Liste. Viele Ursachen wie Landnutzungsänderung und Verluste von Lebensräumen, der Einsatz von Pestiziden und Kunstdünger, Verluste an Lebensräumen, intensive Weidenutzung und blütenarme Landschaften durch Monokulturen stehen in engem Zusammenhang mit der industriellen Landwirtschaft. Auch Klimakrise, Krankheiten und invasive Arten bedrohen Bestäuber weltweit.

Für viele Insekten ist es schon jetzt Fünf nach Zwölf

Gerade in den letzten Jahren gab es in vielen Regionen Deutschlands dramatische Arten- und Bestandsrückgänge bei vielen Insektengattungen und auch Vogelarten. In den Isar-Auen ist die Artenvielfalt um 75 Prozent geschrumpft, in Leipziger Auwäldern der Wildbienenbestand um 90 Prozent zurückgegangen. In Nordrhein-Westfalen ist die gesamte Insektenbiomasse sogar in Naturschutzgebieten um 80 Prozent eingebrochen. Auch bislang häufige Arten sind massiv betroffen. Es sei „bereits Fünf nach Zwölf“, so NABU-Insektenexpertin Dr. Melanie von Orlow.

Selbst Naturschutzgebiete und Pflegemaßnahmen zur Förderung bestimmter Arten haben diese besorgniserregende Entwicklung nicht aufgehalten. Schutzgebiete bieten also keinen echten Schutz mehr. Auch die bisherigen zarten Ansätze für eine umweltverträglichere Landwirtschaftspolitik wie das Greening und Blühstreifen zeigen keine nennenswerte Wirkung. Das Insektensterben hat sich in den letzten zehn Jahren dennoch beschleunigt. Das ganze Ausmaß des Problems ist aber noch nicht erfasst, weil bislang kein systematisches Langzeit-Monitoring existiert.

Insektengiftige Neonikotinoide sind eine massive Bedrohung

Insektengifte aus der Gruppe der Neonikotinoide gefährden Insekten auf vielerlei Weise. Sie werden vor allem in der Saatgutbehandlung (Beizung) eingesetzt. Die Wirkstoffe werden dabei in allen Pflanzenteilen einschließlich Pollen und Nektar aufgenommen. 95 Prozent der Wirkstoffmenge des Beizmantels reichert sich im Boden an oder wird in Gewässer ausgeschwemmt. Daher besteht ein sehr hohes Risiko, dass Bestäuber, Nützlinge und viele andere „Nichtziel-Organismen“ in der Umwelt geschädigt werden. Auch Wildpflanzen nehmen die Gifte in ihre Blüten auf und gefährden damit Bestäuber. Das belegen Feldstudien. Zudem zeigen neuere Studien einen deutlichen statistischen Zusammenhang zwischen dem Einsatz von Neonikotinoiden und Bestandsrückgängen bei Wildbienen, Schmetterlingen und Vögeln auf.

Mehrere hundert Publikationen in wissenschaftlichen Fachzeitschriften bestätigen massive negative Effekte dieser Stoffe auf die Umwelt, auch bei niedrigen, nicht tödlichen Dosierungen (subletale Effekte). So zeigten Studien, dass Neonikotinoide neben der Beeinträchtigung der Orientierung und Kommunikation bei Honig- und Wildbienen auch die Fruchtbarkeit und Fitness von Bestäubern verschlechtern.

Wildbienen sind besonders gefährdet

Wildbienen sind noch viel stärker gefährdet als Honigbienen, da sie Verluste durch Pestizide kaum abpuffern können. Ihre Völker sind viel kleiner oder es überwintert nur die Königin. Auch Wasserorganismen reagieren sehr viel empfindlicher als Honigbienen auf die Gifte. Honigbienen dienen aber bislang als Modellorganismus in Zulassungsverfahren. Alle Risiken durch Neonikotinoide, welche die EU-Risikobewertungsbehörde EFSA im Jahr 2013 festgestellt habe, bestehen damit unverändert fort oder sind sogar größer als früher eingeschätzt.

Pestizide nur als letztes Mittel anwenden

Der großflächige Einsatz von Saatgut mit Neonikotinoid-Vorabbehandlung ohne konkreten Anlass steht im Widerspruch zum Grundprinzip des Integrierten Pflanzenschutzes, wonach Pestizide nur als letztes Mittel und abhängig von tatsächlichen Schadensschwellen zum Einsatz kommen sollen.

Alle Expertinnen und Experten teilten die Einschätzung, dass Neonikotinoide eine bedeutende Rolle beim Insektensterben spielen. Als Lösungsmöglichkeiten wurden ein umfassendes Moratorium beziehungsweise ein Totalverbot für die Neonikotinoide wie in Frankreich vorgeschlagen, da die bisherigen Teilverbote nicht zu einer Verringerung der Gesamtmenge dieser Wirkstoffe geführt haben. Es wurde allerdings deutlich, dass ein umfassendes Verbot der Neonikotinoide allein nicht ausreicht, um die Insekten zu retten, da auch andere Pestizide und weitere Faktoren zum Problem beitragen.

Ökologisierung der Landwirtschaft

Neben einem Ausstieg aus den Neonikotinoiden sind eine wesentliche Reduktion des gesamten Pestizideinsatzes und eine Ökologisierung der Landwirtschaft insgesamt nötig, um Bestäubern und anderen Nützlingen wieder gute Lebensbedingungen zu verschaffen. Sonst sägt die Landwirtschaft weiter an dem Ast, auf dem sie selber sitzt. Agrargelder müssen zukünftig an Leistungen für das Gemeinwohl wie für Umwelt- und Naturschutz, Klimaschutz und besonders artgerechte Tierhaltung geknüpft werden. Wichtig sind auch eine Umschichtung von Forschungsgeldern zugunsten nichtchemischer Alternativen zu Pestiziden und die Förderung von Anbausystemen mit einer größeren Blütenvielfalt. Auch die Risikobewertung für Pestizide in den Zulassungsverfahren muss erheblich verbessert werden, um Mensch und Umwelt wirksam zu schützen. Wir Grüne im Bundestag setzen uns mit einer ganzen Reihe parlamentarischer Initiativen dafür ein, dass diese Maßnahmen umgesetzt werden.

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