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Panel 2Militarisierte Männlichkeit – eine feministische Kritik

Auf dem zweiten Panel saßen die Gründerin von Medica Mondiale und Trägerin des Alternativen Friedensnobelpreises, Monika Hauser, sowie die Direktorin des „Centre For Feminist Foreign Policy“, Kristina Lunz.

Sie wurden von der Moderation, Claudia Roth, Vizepräsidentin des deutschen Bundestags, eingangs gefragt, was es mit militarisierter Männlichkeit auf sich habe, was genau sie bedeute und warum sie so schädlich sei - für alle Menschen.

Politik anders und besser machen

Zuvor hatte sie ausgeführt, dass eine gerechte Teilhabe an der Gesellschaft ohne Diskriminierung keine radikale Idee sei, sondern das Grundanliegen von Demokratie und der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Eine intersektional-feministische, internationale Politik sei schlicht eine Frage der Gerechtigkeit, eine Frage wie Politik anders und besser gemacht werden könne.

Man müsse sich damit befassen, wieso ausgeprägte „Maskulinisten“ wie Bolsonaro, Trump, Putin und anderen an die Macht zu gelängen, deren Weltbild genau dem entgegenstünde? Die Beschneidung von Frauen- und Minderheitenrechten sei meist das erste und sichtbarste Zeichen einer nach rechts gerichteten Regierung.

Konflikt und Konfliktfolgen

Monika Hauser zeigte anhand der Statistiken zu Gewalt an Frauen in Konflikten noch einmal die Dimension der Benachteiligung von Frauen auf. Die Gewalt ende nicht, wenn kriegerische Konflikte beendet seien, im Gegenteil: die Zahlen von häuslicher Gewalt stiegen in Nachkriegsgesellschaften meist noch an. Somit setzten sich Gewalt und Traumata auch in der nächsten Generation fest.

Entscheidend sei dabei, wie eine Gesellschaft vor einem Konflikt strukturiert sei. Wenn hier bereits eine männliche Dominanz herrsche, die das Bild des männlichen Beschützers propagiere, würde die massenhafte Vergewaltigung von Frauen den Gegner in seiner „Ehre“ treffen und als „Bestrafung“ verstanden werden.

Es könne also nicht darum gehen, sich nur mit der Entgrenzung von Gewalt und Vergewaltigung als Kriegswaffe in Kriegen zu beschäftigen, sondern es müsse stetig an einer geschlechtergerechten Gesellschaft  und der Veränderung der diskriminierenden Strukturen gearbeitet werden.

Kristina Lunz bemängelte, dass genau das in der Wissenschaft kaum stattfinde. Lehrpläne sähen die Rolle von Frauen für eine funktionierende Staatlichkeit nicht vor. In sicherheitspolitischen Doktrinen würde die Frage nach Stärke und Dominanz gestellt, was angesichts der Herausforderungen unterkomplex und ein falscher Fokus sei.

Eine feministische Außenpolitik würde „Sicherheit“ hingegen immer anders hinterfragen, das Wohlergehen des Menschen in den Mittelpunkt stellen und eben nicht auf Unterdrückung und Überlegenheit setzen.

“My nuclear button is bigger than yours”

Als ein wichtiger Baustein für die Dominanz militarisierter Männlichkeit wurde die Sprache identifiziert. Durch stete Wiederholung und permanente Erörterung in den Medien prägten sich Begrifflichkeiten ein, die mit dem eigentlichen Sachverhalt wenig zu tun hätten und wodurch patriarchales Machtdenken transportiert würde.

Zudem finde viel zu häufig eine sprachliche Verrohung und Bagatellisierung von Gewalt gegen Frauen statt. Kristina Lunz berichtete ebenfalls von online Hass und Hetze, die insbesondere junge, politische engagierte und feministische Frauen einschüchtern soll.

Ohne feministische Innenpolitik keine feministische Außenpolitik

Im letzten Teil der Diskussion wollte Claudia Roth von den Panelistinnen wissen, welche Änderungen für eine zukünftige Außen-, Sicherheits- und Entwicklungspolitik nötig seien.

Diese waren sich einig, dass es eine glaubwürdige feministische Außenpolitik nur geben könne, wenn es auch in der Innenpolitik konsequent und kohärent feministisch zuginge. Das sei unter anderem der entscheidende Vorteil Schwedens gewesen, die bei der Einführung des Begriffs „feministische Außenpolitik“ auf eine 30-jährige Geschlechterpolitik in Schweden aufbauen und damit Glaubwürdigkeit nach außen vertreten konnten.

Diese Vorarbeiten fehlten immer noch in Deutschland. Hier lägen beispielsweisen die Verurteilungen für Vergewaltigungen im einstelligen Bereich. Solange auch hier kein Zeichen gegen Straflosigkeit gesetzt und Frauen stattdessen die Kontrolle über ihren Körper und ihre sexuellen und reproduktiven Rechte abgesprochen würde, sei es schwierig, diese Veränderungen von anderen Ländern einzufordern.

Laut und radikal bleiben

An Empfehlungen für Zukunft mangelte es in diesem Panel nicht. Häufig lägen die Erkenntnisse bereits seit vielen Jahren vor. So wie im Fall von Flüchtlingslagern, in denen Frauen stets Opfer von Übergriffen seien. Seit Jahren gelänge es nicht, Frauen zu Leiterinnen dieser Institutionen zu ernennen oder mindestens abschließbare Sanitärräume vorzusehen.

Auch die Zwangsprostitution rund um militärische Einrichtungen sei bekannt, aber eine Abhilfe nicht in Sicht. Hier seien auch die UN oder internationale Hilfsorganisationen ein Teil des Problems und nicht der Lösung.

Für eine echte Fluchtursachenbekämpfung sei der Blick auf die Verbesserung der Situation der Frauen und marginalisierter Gruppen vor Ort unerlässlich, ebenso wie das Abfragen der Expertise vor Ort. Dazu gehöre auch, den Export von Rüstungsgütern zu stoppen.

Politische Veränderungen müssten „von oben“ kommen: Ohne eine klare feministische Ausrichtung würden keine Änderungen herbeigeführt.  Auch die Einsetzung von Botschafterinnen im diplomatischen Dienst sei keine Angelegenheit einer „Bewegung von unten“, sondern Folge einer gezielten Personalpolitik. Dies alles müsse gewollt sein und dafür brauche es die entsprechenden Politikerinnen und Politiker und eine kohärente geschlechtergerechte Politik in allen Bereichen.

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