Fachgespräch Historische Verantwortung gegenüber der Ukraine

Das Thema der historischen Verantwortung Deutschlands für die Ukraine beschäftigt das Parlament schon seit längerer Zeit. Zuletzt diskutierte der Bundestag am 19. Mai 2017 auf unsere Initiative, was aus den deutschen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg auf dem Gebiet der Ukraine für unseren heutigen Umgang mit dem ukrainischen Streben nach Demokratie und Selbstbestimmung folgt. Trotz lobender Worte auch aus CDU/CSU und SPD für unseren Antrag fand sich letztlich leider keine Bereitschaft der anderen Fraktionen, einen gemeinsamen Beschluss zur historischen Verantwortung gegenüber der Ukraine zu fassen.

Umso mehr war es uns ein Anliegen, das Thema nochmals vor und mit einem breiteren Publikum zu erörtern. In ihrer Begrüßung der mehr als 300 Teilnehmenden erinnerte die Fraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckardt mit Blick auf die Politik Putins daran, dass gerade Deutschland aufgrund der im Zweiten Weltkrieg begangenen Massenverbrechen in Mittelosteuropa jedem Versuch selbsternannter "Gestaltungsmächte", über das Schicksal anderer Länder zu entscheiden, sehr kritisch begegnen müsse. Sie forderte mehr Respekt, "wenn unsere östlichen Nachbarinnen und Nachbarn mit all ihrem Mut für Demokratie, für Freiheit und Selbstbestimmung kämpfen und, wie in der Ukraine, sogar mit ihrem Leben dafür bezahlen". Die Menschen auf dem Maidan seien für unser gemeinsames Europa auf die Straße gegangen. Auch die ukrainische Parlamentsabgeordnete Hanna Hopko, die sich als frühere Aktivistin nun im Parlament für die demokratische Erneuerung der Ukraine einsetzt, und der Botschafter der Ukraine, Andrij Melnyk, appellierten in ihren Grußworten daran, dass Deutschland die souveräne und unabhängige Ukraine in ihrem Reformprozess stärker unterstützen solle. Damit dieser erfolgreich sein könne, brauche die Ukraine vor allem endlich einen Waffenstillstand.

Snyder: Blinde Flecken einer kolonialen Vergangenheit aufarbeiten

Der Historiker und Autor Timothy Snyder betonte in seinem Vortrag, Deutschland habe mit seinem Vernichtungsfeldzug im Zweiten Weltkrieg darauf abgezielt, eine auf Auslöschung zielende Kolonialherrschaft im östlichen Europa zu errichten. Im geographischen Zentrum dieses nationalsozialistischen "Projekts der Kolonialisierung und der Versklavung" habe dabei die Ukraine gestanden. Mehr als 3,5 Millionen Zivilistinnen und Zivilisten seien der deutschen Mordpolitik auf dem Gebiet der heutigen Ukraine zum Opfer gefallen. Weitere 3 Millionen hätten in den Reihen der Roten Armee im Kampf gegen die Wehrmacht ihr Leben gelassen. Deshalb müsse die Ukraine an erster Stelle genannt werden, wenn über die historische Verantwortung Deutschlands gegenüber Osteuropa gesprochen werde. Deutschland müsse seine Rolle als europäische Kolonialmacht im Zweiten Weltkrieg aufarbeiten und heute jeder Versuchung widerstehen, den einstigen Opfern erneut das Recht auf eigene Geschichte und Souveränität abzusprechen.

Mit Blick auf die heutige Diskussion, in der gerade in Deutschland häufig vor nationalistischen Tendenzen in der Ukraine gewarnt werde, erklärte Snyder, dass Deutschland sich klar machen müsse, dass es als Besatzungsmacht im Zweiten Weltkrieg entscheidend zum ukrainischen Nationalismus beigetragen habe. Ukrainischer Nationalismus spiele in der Geschichte und Gegenwart eine untergeordnete Rolle. Auch sei irreführend, wenn vor allem über ukrainische Kollaboration im Zweiten Weltkrieg gesprochen werde, die es zudem auf allen Seiten gegeben habe: "Viel mehr Ukrainerinnen und Ukrainer sind gestorben, weil sie in der Roten Armee gegen, nicht weil sie für die deutschen Besatzer kämpften.", so Snyder.

Überbleibsel der Kolonisation im heutigen Diskurs

Wenn heute versucht werde, die Verantwortung gegenüber der Ukraine zu umgehen, ihr die Souveränität abgesprochen oder sie als "gescheiterter Staat" bezeichnet werde, so sei dies das "Erbe eines Versuchs, ein Volk zu kolonialisieren, das nicht als Volk anerkannt werde". Die heutige Sprache in Deutschland sei nicht unschuldig und müsse reflektiert werden.

Eindringlich warnte Snyder: "Wenn Sie die Geschichte von Kolonisation und Sklaverei falsch verstehen, kann sie zurückkehren." Die gegenwärtige russische Außenpolitik setze darauf, das deutsche Verantwortungsgefühl für ihre Zwecke zu manipulieren. Es sei eine verführerische Falle, mahnte Snyder, entgegen der historischen Fakten Russland mit der Sowjetunion gleichzusetzen und dabei Russland mit Befreiung, die Ukraine mit Kollaboration im Zweiten Weltkrieg zu verknüpfen. Die Gefahr sei, dass sich Deutschland und Russland erneut zu Lasten der Ukraine verständigten. Stattdessen müsse Deutschland seine Wahrnehmung von Verantwortung vervollständigen: "Nicht, um der Ukraine zu helfen [sondern im Eigeninteresse] Deutschlands als einer Demokratie […]".

Imperiale Politik in Europa zurückweisen

In der anschließenden Podiumsdiskussion mit Beteiligung des Publikums erinnerte Moderator Wilfried Jilge daran, dass 1991 eine erdrückende Mehrheit der Ukrainerinnen und Ukrainer für die Unabhängigkeit gestimmt habe und dass gerade Deutschland vom unveräußerlichen Recht jedes Landes zur souveränen Gestaltung seiner Zukunft erheblich profitiert habe. Marieluise Beck, grüne Sprecherin für Osteuropapolitik, beklagte die mangelnde Empathie in Deutschland für die Freiheitsbewegung in der Ukraine. Es sei skandalös, wenn man sich einerseits auf europäische Werte berufe und andererseits über die Ukraine, in der um diese Werte gerungen werde, hinwegschaue, um sich mit einem autokratischen Russland zu verständigen. Erst, wenn Deutschland alle Aspekte seiner Geschichte ausleuchte, werde es an demokratischer Festigkeit gewinnen und imperiale Ansprüche, wie sie in der Annexion der Krim zum Ausdruck kämen, konsequent zurückweisen. Dazu müsse auch eine Aufarbeitung des Hitler-Stalin-Paktes gehören.

Die Schriftstellerin Katja Petrowskaja beklagte, dass es in Deutschland kaum Bilder von der Ukraine, geschweige denn positive Bilder gebe: "Wir wissen, was die russische Seele oder die russische Kultur ist. Aber wir wissen nichts über die Ukraine." Zeichen einer imperialen Monopolisierung der ukrainischen Geschichte durch Russland sei auch, dass vieles heute als "russisch" bezeichnet werde, was tatsächlich gar nicht "russisch" sei.

Gleichberechtigung in Europa erstrebenswert, aber noch unerreicht

Daran, dass es im Verhältnis zwischen den Staaten immer noch viel Ungleichheit gebe, erinnerte der ukrainische Essayist Jurko Prochasko. Die Grenzen zwischen früheren imperialen Mächten und Unterdrückten verliefen mitten durch das heutige Europa. "Wir aber tun so, als wäre die Ukraine in der gleichen Lage, wie Deutschland […]. Als hätte es einen freien Wettbewerb gegeben, in dem alle die gleichen Chancen gehabt hätten." Deutschland sei heute dort, wo es ist, "weil viele andere daran gearbeitet haben, es aus dem nationalsozialistischen Sumpf herauszuholen und aufzupäppeln." Deutschland solle deshalb Verständnis für diejenigen haben, die weniger Hilfe und keinen Marshallplan gehabt hätten und deshalb mehr Zeit bräuchten, so Prochasko. In diesem Zusammenhang kritisierte er die Ungeduld mit der Ukraine nach der Euromaidan-Revolution.

In seinem Schlusswort plädierte Manuel Sarrazin, grüner Sprecher für Europapolitik, für eine gemeinsame, europäische Diskussion über die Geschichte. Gerade mit Blick auf Zentraleuropa gelte es zu verstehen, dass Geschichte eine unglaubliche Macht entfalten könne. Nicht Gegenkonstruktionen von Geschichte, sondern eine lebendige europäische Debatte sei die beste Antwort auf die propagandistische Macht des Kremls.

Hinweis: Wir haben das Fachgespräch live übertragen. Die Videoaufzeichnung steht mit deutscher Simultanübersetzung zum Abruf bereit (siehe oben). Sie können wahlweise auch den Originalton oder Simultanübersetzungen in ukrainischer, russischer oder englischer Sprache zuschalten (siehe unten).

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Timothy Snyder hatte in seinem Buch "Bloodlands" die brutalen Mechanismen stalinistischer und nationalsozialistischer Kolonialisierung und Massentötungen in Mittelosteuropa analysiert. Insbesondere die Ukraine hat unter der Terrorherrschaft der imperialen Mächte extrem gelitten.

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1 Kommentar
Die ukrainische Verpflichtung Deutschlands | ZAG
Andreas Umland 25.06.2017

Excellent that Timothy Snyder is finally raising these important issues for German memory politics. When I tried, in early 2013, to make a similar argument in a brief article called "Germany's Ukrainian Obligation," I could not find a German outlet for that. After months of silence and various rejections by several German editorial boards, finally, an obscure Berlin anti-racism journal "ZAG - Antirassistische Zeitschrift" published my little piece: https://www.academia.edu/3639945/Die_ukrainische_Verpflichtung_Deutschlands

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