SüdafrikaNelson Mandelas Vermächtnis

Der Tod Mandelas erfüllt uns alle mit tiefer Trauer. Die Welt verliert einen ihrer mutigsten Freiheitskämpfer, Menschenrechtsverteidiger und Friedensmacher. Sein Kampf gegen die Apartheid, gegen Rassismus, Entwürdigung, Hass, Menschenverachtung und Ungerechtigkeit hat viele inspiriert. Mandela hat damit nicht nur Südafrika und Afrika, sondern die Welt verändert. Er wird als Symbol und Vorbild des beharrlichen Widerstands und der Bereitschaft zur Versöhnung weiterleben und damit kommenden Generationen bei ihrem Einsatz für Freiheit und Gerechtigkeit Inspiration und Kraft geben.

Mandela kämpfte seit seiner Kindheit gegen die Willkür, Unterdrückung und Ungerechtigkeiten des südafrikanischen Apartheid-Regimes. Anders als vergleichbare Persönlichkeiten wie Mahatma Gandhi oder Martin Luther King, war Mandela nicht zu jeder Zeit Pazifist oder Anhänger des zivilen Ungehorsams. Aber er hatte einen starken Willen und den festen Glauben, dass die Würde jedes Menschen unantastbar ist.

Er ließ sich im Gefängnis nicht brechen und nicht kaufen.

Die Welt wird sich daran erinnern, wie Nelson Rolihlahla Mandela 1990 nach 27 Jahren Haft mit erhobener Faust das Victor-Verster-Gefängnis verlässt. Seine Freilassung war Symbol für das Scheitern des Apartheid-Regimes und besiegelte den Neuanfang. Eine neue Zeitrechnung begann.

Alles schien plötzlich möglich am Kap der Guten Hoffnung, nicht zuletzt als Mandela vier Jahre später zum ersten schwarzen Präsidenten Südafrikas gewählt wurde. Mandela, aber auch der Einsicht des damaligen Präsidenten des Apartheid-Regimes, Willem De Klerk, ist es zu verdanken, dass die Apartheid ohne einen blutigen Bürgerkrieg endete. Dafür haben beide zu Recht 1993 den Friedensnobelpreis erhalten.

Anders als von vielen weißen Afrikaans erwartet, war Mandela selbst nach 27 Jahren Haft nicht auf Rache, sondern Ausgleich aus. Er wollte den Hoffnungen und den Ängsten von Schwarzen und Weißen gerecht werden und eine neue Regen­bogennation schaffen. Seine Glaubwürdigkeit dafür schöpft er aus seinem Charisma, seiner eisernen Selbstdisziplin und dem Umstand, dass er seinen weißen Peinigern keinerlei Verbitterung entgegenbrachte. Mandela zog die Kraft, um seine Visionen umzusetzen, aus seiner einzigartigen Inspiration. Diese Inspiration ist es gewesen, die ihn die Jahre in Robben Island überstehen ließ.

Noch heute herrschen große Missstände

Die südafrikanische Regenbogennation befindet sich seit Jahren in einer sozialen und politischen Krise. Die Schere zwischen arm und reich geht immer weiter auf. Die Menschen leiden unter der grassierenden Armut und hohen Arbeitslosigkeit. Der soziale Zusammenhalt zeigt tiefe Risse. Die Fremdenfeindlichkeit gegenüber anderen Afrikanerinnen und Afrikanern hat stark zugenommen. Einmal mehr machen streikende Bergarbeiter ihrem Zorn über die sozialen Missstände im Land Luft. Heute schießen schwarze Polizisten auf schwarze streikende Arbeiter. Viele Südafrikanerinnen und Südafrikaner haben Angst, dass das von Krisen geschüttelte Land im Chaos versinken könnte. Sie haben den Glauben an die politische Klasse verloren.

Ein Großteil der politischen Klasse kümmert sich vor allem um den Selbsterhalt. Die Fußball-Weltmeisterschaft 2010 wurde von den Verantwortlichen nicht genutzt, eine gesellschaftliche Trendwende einzuleiten. Das gilt besonders für den African National Congress (ANC), dem ehemaligen Hoffnungsträger vieler Schwarzer. Der ANC von heute, hat mit Mandelas ANC von damals leider nicht mehr viel gemein. Mit Mandelas Tod ist ihm auch noch seine wichtigste moralische Instanz abhanden gekommen.

Erbe bewahren

Südafrika braucht eine neue Allianz für Freiheit und Gerechtigkeit. Shosholoza! – Geht voran! Es liegt vor allem in den Händen der Südafrikanerinnen und Südafrikaner, dass Mandelas Traum von der Regenbogennation Südafrika, vom friedlichen Zusammenleben Aller - unabhängig ihrer Hautfarbe, ihres Geschlechts, ihrer Herkunft oder ihrer Religion - über seinen Tod hinaus weiterlebt. Es ist Zeit, dass ein Ruck durch Südafrika geht und die Menschen im Land wieder zusammenrücken. Das gilt vor allem für Südafrikas Politikerinnen und Politiker. Sie tragen eine besondere Verantwortung, Mandelas Erbe fortzuführen. Aber auch Europa, das so lange das verhängnisvolle Apartheid-Regime unterstützt hat, sollte dazu beitragen, Südafrika als Freund und Partner zur Seite stehen.

Mandelas besonderes Vermächtnis ist Südafrikas Wahrheits- und Versöhnungs­kommission. Sie ist Vorbild für die Aussöhnung auf der ganzen Welt von Liberia bis Brasilien. In seiner zutiefst bewegenden Rede vor dem Deutschen Bundestag (22. Mai 1996) hat Mandela seine Vision eindrucksvoll beschrieben: „Wahrheit ist die Saat, die als Versöhnung und nicht als Rache aufkeimen wird“. Wir alle sind dafür verantwortlich, dass sein unbequemes Vermächtnis der „Reconciliation“ weiterlebt, dass es ohne Aussöhnung keinen Frieden, keine Freiheit und keine Demokratie geben kann. Es liegt auch an uns, Mandelas long walk to freedom weiterzugehen.

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