FachtagungGeflüchtete Kinder und Jugendliche

Seite 9: Workshop 8, Religionsgemeinschaften

Mit dabei: Susanna Kahlefeld, religionspolitische Sprecherin der grünen Abgeordnetenhausfraktion, und Sindyan Qasem von dem Berliner Verein "ufuq.de"

Welche Rolle spielen die verschiedenen Religionsgemeinschaften in Deutschland bei der Aufnahme von Flüchtlingen? Welche Bedeutung haben sie für die Geflüchteten, insbesondere Kinder und Jugendliche? Vor welchen Herausforderungen stehen die Gemeinden im Hinblick auf die Flüchtlingsarbeit? Das waren die Fragen des Workshops.

Zunächst war man sich am Tisch darüber einig: Viele geflüchtete Familien suchen und finden schnell Kontakt zu Religionsgemeinschaften. Kirchengemeinden sind aktiv. Christliche Syrer suchen den Kontakt zu ihren hiesigen Gemeinden. Moschee-Vereine kümmern sich um Geflüchtete. Und im Ganesha-Tempel in Neukölln wiederum treffen sich die hinduistischen Afghanen.

Und während die chaotischen Zustände vor dem LAGESO in Berlin denkbar ungeeignet sind, ein positives Bild unserer Gesellschaft zu vermitteln, erleben Flüchtlinge in den Gemeinden Fürsorge, Wärme und Anteilnahme. Davon profitieren gerade Kinder und Jugendliche. Die Gemeinden haben eine wichtige Unterstützungsfunktion: Sie sind zumeist in den Quartieren vernetzt und können den Familien mit ihren Kontakten weiterhelfen - sei es zu Ärzten oder Anwälten, in Kitas oder an Beratungsstellen.

Vor welchen Herausforderungen sich hier die - oftmals ja auf die türkische Muslime ausgerichteten - islamischen Dachverbände - angesichts der vielen Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak oder Afghanistan - gestellt sehen, das ist nicht pauschal zu beantworten - zumal es in den östlichen Bundesländern (und auf dem Land) ja oft gar keine Moscheegemeinden gibt. Aber sichtbar ist: Die Gemeinden, die - gleich welcher Konfession - in der Flüchtlingsarbeit engagiert sind, knüpfen hierüber neue Netzwerke. Sie werden für Übersetzungen angefragt, stellen Räume zur Verfügung und können ihrerseits auf Angebote der Netzwerke zurückgreifen. Man lernt sich kennen, qualifiziert sich in neuen Themenbereichen und verändert sich so - Stück für Stück.

Es wurde intensiv beraten, was die Moschee-Gemeinden an Unterstützung für ihre Arbeit brauchen würden, da sie - anders als die großen Kirchen - ihre seelsorgerische und soziale Arbeit ehrenamtlich machen müssen. Es gab Einigkeit darüber, dass mehr Anerkennung und der Zugang zu Fördermitteln notwendig wären. Die grüne Bundestagsfraktion hat deshalb mit Erfolg gefordert, Projektgelder für die Flüchtlingsarbeit in Moscheegemeinden bereitzustellen.

Zum Schluss der Diskussion kam ein weiterer Punkt auf: Der Verfassungsschutz warnt vor "islamistischen Gefährdern" untern den Flüchtlingen. Und der Zentralrat der Juden sorgt sich darum, dass der Antisemitismus in unserem Land - angesichts der vielen Flüchtlinge z. B. aus Syrien - größer werden könnte. Was bedeutet dies für die jungen Geflüchteten? Zunächst wurde einvernehmlich festgestellt: Viele jungen Flüchtlinge haben im Krieg und auf der Flucht nicht nur zum Teil Traumatisches erlebt. Sie hatten oft auch keine Chance, eine normale Jugend zu erleben. Gleichzeitig wollen und müssen alle jugendliche - auch junge Flüchtlinge - sich "freischwimmen" (dürfen): Sie brauchen Freiräume für altersspezifische Experimente und Erfahrungen - und in gewissen Rahmen auch für Grenzüberschreitungen. Inwiefern das Thema "Radikalisierung" im Hinblick auf junge Flüchtlinge relevant ist - das kann heute niemand sicher beantworten. Sindyan Qasem aber empfahl einen seriösen Blick: Alle Jugendliche fragen sich: Wer bin ich? Wo gehöre ich hin? Wo verorte ich mich in der Gesellschaft? Die Antworten hierauf seien oftmals sozial bedingt. Für junge MigrantInnen und Flüchtlinge spielten zudem Diskriminierungserfahrungen eine große Rolle. Und genau hier würde die Sprache von Islamisten ansetzen, an der sog. "Opferideologie". Und genau hier müssen auch Gegenstrategien ansetzen.

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