DivestmentDie „Carbon Bubble“ ernst nehmen

Braunkohlekraftwerks Frimmersdorf

Der G7-Gipfel von Elmau hat das Ziel bekräftigt, die Erderwärmung auf unter zwei Grad Celsius zu beschränken. Denn das ist laut Weltklimarat das, was gerade noch für die Menschheit beherrschbar scheint. Um dies zu erreichen, soll die Weltwirtschaft im Laufe dieses Jahrhunderts „dekarbonisiert“ werden. Doch was sind die unmittelbaren Auswirkungen auf die Förderer von Öl, Kohle und Gas – unter ihnen Firmen wie RWE, Shell und Staaten wie Venezuela oder Russland?

Was im Boden bleiben muss: „Unburnable Carbon“

Die Akteure haben bereits fossile Rohstoffe in ihren Reserven und somit im Wert ihrer Unternehmen eingepreist, die – wenn sie alle wie geplant genutzt werden würden – fast 3.000 Gigatonnen CO2 freisetzen würden. Zum Vergleich: die Menschheit stößt derzeit über 30 Gigatonnen CO2 pro Jahr aus. Wissenschaftler der britischen Carbon Tracker Initiative haben berechnet, dass das 2-Grad-Limit maximal nur noch weitere 500 Gigatonnen CO2 erlaubt. Der Rest darf nicht verbrannt werden – unburnable carbon also. Das haben sogar die Internationale Energieagentur (IEA), Shell oder BP selbst bereits anerkannt.

Wenn ein Großteil der Reserven dieser Unternehmen durch eine ambitionierte und verbindliche Klimapolitik ihren Wert verlieren, wäre das auch für Kreditgeber und Investoren ein Risiko. Eine Studie der Grünen Europafraktion hat dieses Risiko für die EU berechnet: Versicherungen, Banken und Pensionskassen haben demnach über eine Billion Euro zu riskant angelegt. Auch andere Akteure wie die britische Investmentbank HSBC oder die Bank von England warnen Versicherungen explizit vor fossilen Geldanlagen.

Bundesregierung verschläft die Entwicklung

Weltweit hat sich bereits eine Bewegung für ein aktives „Divestment“ – also den Rückzug von Geldern aus CO2-belasteten Anlagen – gebildet. Städte wie San Francisco oder Paris haben bereits beschlossen, Gelder aus fossilen Investitionen zurückzuziehen, ebenso die Rockefeller Stiftung, zahlreiche Kirchen, Universitäten und zuletzt sogar der milliardenschwere Norwegische Staatsfonds. Auch in Deutschland gibt es zahlreiche lokale Initiativen.

Die Grüne Bundestagsfraktion hat deswegen eine Anfrage zu den Risiken einer „Carbon Bubble“ gestellt. Die Bundesregierung räumt in ihrer Antwort ein, sich noch nicht ausreichend eine Meinung hierzu gebildet zu haben und kündigt ein Forschungsgutachten an. Dennoch verweist sie im Kern auf die bestehende Bankenaufsicht und möchte lediglich internationale Prozesse wie das UNEP Inquiry oder das Basler Financial Stability Board begleiten, anstatt wie die Bank of England eigene Schritte zu gehen.

„Divestment“ Kampagnen unterstützen

In der Vergangenheit haben wir Kampagnen wie zum Beispiel „Atomausstieg selber machen“ unterstützt, um ganz praktisch das Geld von klima- und umweltbelastenden Energieformen in Richtung Erneuerbarer und Effizienz umzuschichten. Doch das moralisch schon immer einleuchtende Klimaschutzargument erhält jetzt durch das Risiko der „Carbon Bubble“ eine neue zusätzliche Begründung. Die Grünen in Münster haben bereits im Koalitionsvertrag ein Divestment beschlossen, wie Stadtrat Otto Reiners im Fachgespräch der Fraktion erläuterte. Nun haben auch die Grünen in Frankfurt/Main durchgesetzt, dass es keine Investitionen in fossile Energieträger mehr geben darf. Die grüne Bundestagsfraktion wird dieses Thema weiter intensiv bearbeiten, zum Beispiel hinsichtlich eines notwendigen Divestments der Versorgungsrücklagen des Bundes (also der Kasse mit allen Beamtenpensionen).

Mehr zum Thema Klimaschutz

Dieser Artikel ist älter als zwei Monate, deshalb werden keine Kommentare mehr angenommen.

4395730