Fachgespräch: Klimakrise im MeerZu warm und zu sauer: Korallen sterben

Auswirkungen des Korallensterbens; Lizard Island, on the Great Barrier Reef, off Queensland's coast, Australia, 15 May 2016.
Lizard Island, am Great Barrier Reef, an der Küste von Queensland's, Australia, 15.- May 2016. Im Rahmen des Fachgesprächs "Klimakrise im Meer" diskutiert die grüne Bundestagsfraktion mit Fachleuten aus Klimaforschung und Naturschutz, was getan werden muss, um dieses Problem zu lösen.

Mit dem Pariser Klimaabkommen wurde beschlossen, dass die Erderwärmung deutlich unter 2 Grad begrenzt werden muss, da es sonst zu irreversiblen Auswirkungen für Mensch und Natur kommt. Eine dieser Auswirkungen ist bereits heute in katastrophaler Weise akut, nämlich die Erwärmung und Versauerung der Meere. Die Folge ist ein massives Korallensterben, wie beispielsweise im Great Barrier Reef, dem größten Korallenriff der Erde. Weite Teile des Riffs sind ausgebleicht. Das dort ansässige Leben ist gänzlich verschwunden. Die globale Erwärmung hat Folgen für das Ökosystem Ozean, die Fischerei und alle Menschen, nicht nur jene an der Küste.

Im Rahmen des Fachgesprächs „Klimakrise im Meer“ widmete sich die grüne Bundestagsfraktion zusammen mit ExpertenInnen aus Klimaforschung und Naturschutz dem Zustand der Meere in Zeiten der Klimakrise und diskutierte, was getan werden kann und muss, um diesem Problem zu begegnen.

Die Meere erwärmen sich – die Korallen sterben

Dr. Katja Frieler vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) stellte Studien vor, die belegen, dass sich das Meer nicht nur nachweislich erwärmt hat und versauert, sondern auch, dass dies weitreichende Folgen für das Ökosystem der Ozeane und insbesondere für Korallen hat. Sie erklärte anschaulich, dass 2015 in Bezug auf die globale mittlere Temperatur ein Rekordjahr war und auch 2016 bisher als Folge des El-Niño-Jahres ein besonders heißes ist. Durch den Erwärmungstrend kommt es zu einem globalen Korallensterben, da diese empfindlichen Lebewesen durch wärmeres Wasser geschädigt werden. Vergangenes Jahr sind so viele Korallenriffe ausgebleicht wie nie zuvor. Die Wissenschaftlerin stellte auch dar, dass der Ozean die größte CO2-Senke des Planeten ist. Das Wasser kann bei einem Temperaturanstieg jedoch weniger CO2 aufnehmen und versauert durch die großen Mengen an CO2 in der Atmosphäre. Der pH-Wert der Meere sinkt, wodurch das Leben der Korallen und anderer Schalen- und Krustentiere gefährdet wird, denn ihre Schalen und Kalkgehäuse lösen sich auf. Auch Fische können sich nicht mehr in die Riffe zurückziehen. Das PIK projiziert, dass ein Großteil der globalen Korallen bereits bei einer Erhöhung von 1,5 Grad schwer beschädigt würde und sich kaum davon erholen könnte. Ende des Jahrhunderts könnte es, wenn sich der aktuelle Trend des globalen Temperaturanstiegs nicht verändert, gar keine Korallen mehr geben.

Klimakrise im deutschen Wattenmeer

Auch bei uns haben die Klimaerhitzung und der damit verbundene Temperaturanstieg des Meerwassers Auswirkungen auf Mensch und Natur. Arndt Meyer-Vosgerau vom Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer erläuterte, dass der Nationalpark sich stark verändert. Er klagt über Flächenverluste durch Anstieg des Meeresspiegels und die damit einhergehenden Probleme für ansässige Vogelarten durch fehlende Nistplätze und Futter. Auch ist das Wattenmeer ein unerlässlicher Rastplatz, bzw. „Tankstelle“ für den globalen Vogelzug. Ein weiterer Beleg dafür, dass die Veränderung der Meere eine Bedrohung für das Wattenmeer, aber auch ein Problem für das globale Ökosystem darstellt.

„Fishing down the food web“

Die Beeinträchtigung des Vogelzugs ist jedoch nicht das einzige globale Problem, das durch die Erwärmung und Versauerung der Meere entsteht. Viel stärker noch betroffen ist die Fischerei, wie es Heike Vesper vom World Wide Fund For Nature (WWF) überzeugend erklärte. Seit Jahrzehnten gibt es einen starken Fischrückgang, der nachweislich auf die zuvor beschriebenen Veränderungen der Meere zurückzuführen ist. Im Globalen Süden gibt es den größten Rückgang der Fischproduktion. Dort, wo die Abhängigkeit der Bevölkerung vom Fisch als Nahrungsmittel am Größten ist und die Bevölkerung am stärksten wächst. Fisch-Abhängigkeiten sind international und haben auch außenpolitische Relevanz. Deutsche Fischer sind, z.B. durch den Rückgang der Heringsbestände, ebenso betroffen wie Fischer in anderen Teilen der Welt. Deshalb fordert der WWF nicht nur mehr Klimaschutz, sondern auch ein neues Fischereimanagement, die Einrichtung von Meeresschutzgebieten und dass auch nicht-klimatische Belastungen der Meere, wie z.B. Umweltbelastungen, verringert werden.

In der anschließenden Diskussion stellte Annalena Baerbock MdB, Sprecherin für Klimapolitik, dar, wie sich die Bundestagsfraktion für ambitionierten und konsequenten Klimaschutz einsetzt – während die Klimapolitik der Bundesregierung derzeit in keiner Weise der globalen Erhitzung und dem nötigen Schutz der Meere gerecht wird. Und dies, obwohl die Bundesregierung das Pariser Klimaabkommen unterschrieben hat. „Der Klimaschutzplan 2050 der Bundesregierung war so leer, dass man lieber ganz ohne Plan nach Marrakesch fahren wird“, hielt Annalena Baerbock fest. Die einzige Lösung ist eine radikale Klimapolitik, das heißt ein Kohleausstieg in Deutschland innerhalb der nächsten zwei Jahrzehnte.

Klimaschutz bedeutet immer auch Meeresschutz

Abschließend betonte Steffi Lemke MdB, Sprecherin für Naturschutzpolitik, dass der Meeresschutz angesichts der Relevanz der Klimakrise eine stärkere Rolle in der Öffentlichkeit und in der Politik spielen müsse. „Für die Größe des Problems ist der öffentliche Nährboden noch nicht bereitet, deshalb ist der große Wurf politisch derzeit sehr schwer umsetzbar“, so Steffi Lemke. Das Fachgespräch war daher ein erster Schritt, weitere werden folgen.

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