ErinnerungskulturGemeinsame deutsche Geschichten?

Vier Personenn sitzen an einem Tisch und reden

Am 20. Mai 2015 kamen knapp 60 Gäste zu dem Fachgespräch „Gemeinsame deutsche Geschichten? Die neue Vielfalt in der Erinnerungskultur“. Einführend benannte die kulturpolitische Sprecherin Ulle Schauws die Leitfragen der Debatte: Wie kann die Erinnerungskultur den Realitäten der Einwanderungsgesellschaft gerecht werden? Wie können wir zu einer Auseinandersetzung mit der deutschen Kolonialgeschichte kommen und dabei die Perspektiven der Kolonialisierten angemessen einbeziehen?

Opfer wurden lange Zeit vergessen

Der innenpolitische Sprecher Volker Beck betonte, dass Erinnerungskultur immer das Ergebnis von „Kämpfen um die historische Wahrheit“ sei. Lange Zeit seien Opfergruppen vergessen worden, die aktuelle Debatte um Entschädigungen für sowjetische Kriegsgefangene zeige, dass der Aufarbeitungsprozess noch nicht abgeschlossen ist.

Verschiedene Perspektiven zulassen

In ihrem Input plädierte Professor Astrid Messerschmidt von der TU Darmstadt für ein „kritisches Geschichtsbewusstsein“, das verschiedene Perspektiven und Konflikte zulässt statt selbstgenügsam zu bleiben. Dr. Yasemin Shooman, Leiterin der Akademieprogramme des jüdischen Museums Berlin, erläuterte Debatten in den USA und verwehrte sich gegen eine „Sonderpädagogik für MigrantInnen“, da Rassismus und Antisemitismus genau so ein Problem der sogenannten Mehrheitsgesellschaft seien. Die wichtige Multiperspektivität in der Erinnerungskultur dürfe aber nicht zu einer unproduktiven „Opferolympiade“ führen.

Kontrovers wurde über die Forderung von Rainer Ohliger (Netzwerk Migration in Europa e.V.) diskutiert, das Gedenken zu „europäisieren und globalisieren“. Dies könne, so Astrid Messerschmidt, zu einer Relativierung der deutschen Schuld führen.

Kolonialzeit wurde verdrängt

In der Runde zum postkolonialen Gedenken wies Moctar Kamara vom Zentralrat der afrikanischen Gemeinde in Deutschland e.V. darauf hin, dass die Kolonialzeit in Deutschland eines der meisten verdrängten historischen Themen sei. Er forderte eine „psychologische Wiedergutmachung“ gegenüber den kolonisierten Ländern. Dass die kolonialen Verbrechen nicht nur materielle Folgen sondern auch geistige haben, fasste Professor Maria do Mar Castro Varela von der Alice Salomon Hochschule Berlin im Begriff der „epistemischen Gewalt“. Ganze Wissensformen seien von den Kolonialmächten ausgelöscht worden.

Optimistisch äußerte sich in der Schlussdiskussion Günter Saathoff (Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“): Es sei eine neue Dynamik entstanden, in der vergessene Geschichten aufgearbeitet würden – dies betreffe insbesondere die Geschichte des deutschen Kolonialismus.

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