DiskussionGeschichten der Vielfalt

Ulle Schauws (MdB, kulturpolitische Sprecherin Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen), Prof. Dr. Aleida Assmann (Literaturwissenschaftlerin), Dr. Marianne Zepp (Referentin Zeitgeschichte, Heinrich-Böll-Stiftung) in der Diskussion zum Thema Erinnerungskultur in der Einwanderungsgesellschaft
v.l.n.r.: Ulle Schauws (MdB, kulturpolitische Sprecherin Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen), Prof. Dr. Aleida Assmann (Literaturwissenschaftlerin), Dr. Marianne Zepp (Referentin Zeitgeschichte, Heinrich-Böll-Stiftung)

Wie muss Erinnerungskultur neu gestaltet werden, wenn sie die den Realitäten der Einwanderungsgesellschaft gerecht werden soll? Wie kann sie insbesondere die Perspektiven und Erfahrungen von Geflüchteten aufnehmen? Wie kann eine multiperspektivische Erinnerungskultur entstehen, die ohne bevormundende Leitkultur-Appelle auskommt?

Diese und andere Fragen wurden am 7. Juni bei der Veranstaltung „Geschichten der Vielfalt – Erinnerungskultur in der Einwanderungsgesellschaft“ in der Heinrich Böll Stiftung in Berlin diskutiert. Im Zentrum der Diskussion zwischen der kulturpolitischen Sprecherin der Bundestagsfraktion, Ulle Schauws, und der Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Professor Aleida Assmann stand ein Positionspapier der grünen Bundestagsfraktion zur Erinnerungskultur in der Einwanderungsgesellschaft, das an diesem Abend erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. (LINK)

Ein Einwanderungsgesellschaft braucht eine offene und plurale Erinnerungskultur

Zu Beginn stellte Ulle Schauws die Kernaussagen des Fraktionspapiers vor. In der Einwanderungsgesellschaft müsse es um eine offene und plurale Erinnerungskultur gehen. Diese sei nur möglich, wenn die Geschichten und Perspektiven aller Menschen, die in Deutschland leben, ernst genommen würden. Ebenso dürfe die Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte im Kontext der aktuellen Flüchtlingsdebatte nicht ausgeblendet werden. Dies sei eine moralische Verantwortung.

Neben der Politik seien Bildungseinrichtungen, Wissenschaft und Kunst, die Medien und die Zivilgesellschaft wichtige Akteure, wenn es darum geht, ein gemeinsames Erinnerungsnarrativ zu entwickeln, erklärte Aleida Assmann. Die Erinnerungskultur lebe regelecht von den verschiedenen Instanzen und deren Perspektiven, die sich ergänzen und bereichern können. Ulle Schauws betonte, dass Politik in diesem Prozess eine aktive Rolle habe. Sie habe die Aufgabe, Rahmenbedingungen zu schaffen, aber auch unmissverständlich aufzuzeigen, dass demokratische Grundwerte in der Debatte um Erinnerungskultur unantastbar seien.

Internationale Debatte notwendig

In der lebhaften Diskussion wurde betont, dass Erinnerungskultur von Stimmenvielfalt und der Öffnung hin zu einer transnationalen Debatte lebe. Gerade auch im europäischen Kontext sei eine Auseinandersetzung über nationale Grenzen hinweg wichtig, so Aleida Assmann. In diesem Zusammenhang wertete sie das Positionspapier der Bundestagsfraktion von Bündnis90/Die Grünen als wichtigen Schritt in Richtung einer Erinnerungskultur, die sich den Wirklichkeiten der Migration öffnet. Insbesondere angesichts einer zunehmenden Spaltung der Gesellschaft sei das dynamische Verständnis von Einwanderung und Erinnerungskultur, wie es in dem Papier zum Ausdruck kommt, zu begrüßen. Aus dem Publikum wurde dieses Verständnis von Erinnerungskultur durch Beispiele aus der Praxis – insbesondere von kleinen zivilgesellschaftlichen Projekten – mit Leben gefüllt.

Mehr zum Thema Kultur

Dieser Artikel ist älter als zwei Monate, deshalb werden keine Kommentare mehr angenommen.

4399638