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Gesprächsreihe über HeimatPolitik. Heimat. Herkunft.

Das Thema Heimat wird derzeit leidenschaftlich diskutiert. Als Definition von Herkunft und Zugehörigkeit, als verlorener Ort für die, die aus der Heimat fliehen müssen oder als Besitzanspruch und Abgrenzung gegenüber vermeintlich Nicht-Zugehörigen.

Was bedeutete „Heimat“ in einer pluralistischen Gesellschaft?

In unserer Reihe “Gespräche über Heimat“ diskutieren wir über die Bedeutung des Begriffs im politischen Raum. Was bedeutet „Heimat“ in einer pluralistischen Gesellschaft? Schafft der Begriff Identität oder grenzt er aus? Kann man sich seine Heimat neu erfinden oder trägt man „sein Dorf“ doch immer mit sich herum?

„Heimatgeschichten“ war das Motto der Auftaktveranstaltung

Die Auftaktveranstaltung Anfang Juni 2018 unter dem Motto „Heimatgeschichten“ griff diese Fragen auf und zeigte deutlich: Der Begriff Heimat lässt niemanden kalt. Er weckt sehr unterschiedliche Assoziationen, für viele ist er positiv besetzt und für andere ambivalent. Über das Suchen, Finden, Geben, Verlieren, Verlassen von Heimat diskutierten Katrin Göring-Eckardt, Vorsitzende der grünen Bundestagsfraktion, und Erhard Grundl, Sprecher für Kulturpolitik, mit ihren Gästen: der Schauspielerin Michaela May, der Autorin Fatma Aydemir und Holger Beeck, Vorstandsvorsitzender von McDonalds Deutschland. Ins Gespräch kommen wollten die Abgeordneten auch mit den anwesenden Zuhörerinnen und Zuhörern aus Kultur, Medien, Wissenschaft, Wirtschaft und Politik.

Kontroverse Diskussion um den Begriff Heimat

Den Begriff Heimat wolle sie nicht den Rechten überlassen, erklärte Göring-Eckhardt eingangs. Deutlich wurde in der angeregten Diskussion, dass die biographische Heimat nicht der Ort sein muss, an dem man sich zu Hause fühlt.

„Ich tue mich schwer mit dem Begriff“, erklärte Erhard Grundl. Er würde eher von Zuhause sprechen oder vom Kiez, dem Ort, an dem man lebt und den man mitgestaltet. Fatma Aydemir, Autorin des viel beachteten Romans „Ellbogen“, sprach über die Generation ihrer Eltern, die als Teenager aus der Türkei nach Deutschland kamen. Für die Gastarbeitergeneration war klar, ihre Heimat ist nicht hier. Das mache etwas mit einem, wenn die Heimat woanders ist, so Aydemir, und es belaste die Beziehung zu dem Ort an dem man eigentlich wohnt. „Wir erschaffen uns unsere Heimat dort, wo wir uns gerade befinden“, sagte Aydemir. Für sie ist der Begriff belastet. Rechte Sprache sollte man sich nicht zu eigen machen. Das Heimat-Ministerium würde sie am liebsten umbenennen.

Katrin Göring-Eckhardt zitierte die Migrationsforscherin, Naika Foroutan, die Ähnlichkeiten sieht zwischen den Erfahrungen, die Ostdeutsche machen und Erfahrungen von migrantischen Personen. „Dazu gehören Heimatverlust, vergangene Sehnsuchtsorte, Fremdheitsgefühle und Abwertungserfahrungen.“ Als Ostdeutsche, so Göring-Eckhardt, habe sie nach der Wiedervereinigung kein Problem damit gehabt, ganz Deutschland als ihre Heimat zu bezeichnen.

Holger Beeck, gebürtiger Hallenser, der schon 1984 die DDR verlassen hatte, um im Westen neu anzufangen, sieht sich nicht als Kosmopolit. Deutschland sei seine Heimat, erklärte er. Aber Heimat könne sich im Laufe des Lebens ändern. Vorausgesetzt, man nehme die neue Heimat an. Beeck gefällt der Begriff: „Heimat ist ein schönes Wort, kuschelig“, meinte er. Und zeigte sich überzeugt, dass die Grünen den Begriff Heimat besetzen müssten.

Michaela May, die durch Helmut Dietls "Münchner Geschichten", durch die Kult-Serien "Monaco Franze" oder "Kir Royal" bekannte, sozial engagierte Münchner Schauspielerin, sagte, sie sei nicht nur in ihrer Heimatstadt zu Hause. Heimat seien für sie vor allem die Menschen. Mit ihrer Familie sei sie überall zu Hause. Im Übrigen, so Erhard Grundl, erzählten die „Münchner Geschichten“ keine Heimatidylle. Sie spielten im Lehel, einem Münchner Innenstadtviertel, das Anfang der 70er Jahre dem Expansionswillen der Großstadt zum Opfer fiel. Mit jedem Haus, das abgerissen wurde, verschwanden alte Bausubstanz, soziale Durchmischung und Stück für Stück kleinbürgerliches Leben. Sie erzählen also auch von Heimatverlust. Heimat, so May, sei zum einen ein geschützter Raum, den man sich zu eigen macht. Er habe aber auch etwas von „Wir sind wir und kein anderer kommt herein“, sagte sie und forderte, den Begriff neu zu denken.

Angeregt diskutieren auch die übrigen Publikumsgäste. „Heimat ist für mich der Ort, an dem es mir nicht egal ist, wie es ist, betonte etwas Olaf Zimmermann vom Deutschen Kulturrat. Wir müssten den Begriff zu unserem Begriff machen und dürfen ihn nicht dem Ministerium überlassen. „In dem Moment, wo ich anfing mich zu engagieren, fühlte ich mich zu Hause“, erklärte eine Zuhörerin und warb dafür, dass beides wichtig sei: „Bewahren und verändern müssen mit am Tisch sitzen.“ Nicht den Begriff Heimat zu definieren sei entscheidend, so eine andere Teilnehmerin, sondern die Gefühle, die mit dem Begriff Heimat verbunden sind ernst zu nehmen und Angebote zu gestalten.

Fazit: Heimat muss immer wieder neu ausgehandelt werden

Heimat ist nichts Statisches, so das Resümee des Abends, sondern etwas, das immer wieder neu ausgehandelt wird. Denn was Zugehörigkeit und Identität in einer offenen und multikulturellen und multireligiösen Gesellschaft ausmacht, lässt sich nicht ein für alle Mal festlegen, sondern entsteht im Austausch.

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