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ErinnerungskulturIllegal, asozial, scheißegal?

An einem Tisch sitzen Personen nebeneinander
Erinnerungskultur ist ein zentrales Thema für die grüne Bundestagsfraktion. Die Aufarbeitung des Nationalsozialismus wollen wir fortsetzen, denn die NS-Verbrechen sind noch längst nicht ausreichend erforscht. In einem öffentlichen Fachgespräch haben wir über die Anerkennung von sogenannten Asozialen und Berufsverbrechern als Opfer des Nationalsozialismus diskutiert.

Erinnerungskultur ist ein zentrales Thema für die grüne Bundestagsfraktion. Die Aufarbeitung des Nationalsozialismus wollen wir fortsetzen, denn die NS-Verbrechen sind noch längst nicht ausreichend erforscht. Eine exemplarische Leerstelle ist das Schicksal jener mehrere zehntausend Menschen, die als sogenannte Asoziale und Berufsverbrecher verfolgt und in Konzentrationslagern interniert wurden. Erst in letzter Zeit wurde das Thema verstärkt wissenschaftlich untersucht. Und kürzlich haben sich Wissenschaftlerinnen und Vertreter von KZ-Gedenkstätten mit einem Appell an Mitglieder des Deutschen Bundestages gewandt, in dem sie einen interfraktionellen Beschluss des Parlaments zur Anerkennung der Opfergruppen fordern. Mit unserem öffentlichen Fachgespräch „Illegal, Asozial, Scheißegal? Anerkennung von sogenannten Asozialen und Berufsverbrechern als Opfer des Nationalsozialismus“ haben wir dieses Anliegen aufgegriffen.

Niemand saß zu Recht im KZ

Der Sozialwissenschaftler Prof. Dr. Frank Nonnenmacher erklärte die Vernachlässigung dieser Opfergruppen unter anderem damit, dass sie sich aus Scham nie als Gruppen organisiert hätten. Dr. Jörg Skriebeleit von der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg sprach davon, dass das Stigma „asozial“ im Unterschied etwa zur Verfolgung als politischer Gegner des NS-Regimes keinen „Identifikationsanker“ darstelle und so die politische Artikulation blockiert habe. Da „asozial“ bis heute ein Schimpfwort ist, hält sich bei vielen Menschen immer noch die Meinung, dass „Asoziale“ und „Berufsverbrecher“ doch irgendwie „zu Recht“ im KZ gesessen hätten. Dieser völlig falschen Sicht auf den NS-Unrechtsstaat müsse durch politische Bildungsarbeit an KZ-Gedenkstätten und an Schulen entgegengewirkt werden. Wichtig sei es deshalb, so die einhellige Meinung auf dem Podium, dass vermehrt Forschungsmittel zur Verfügung gestellt und die KZ-Gedenkstätten als Orte der politischen Bildung besser ausgestattet werden.

Eine Schwierigkeit bei der notwendigen Sichtbarmachung der als „Asoziale“ und „Berufsverbrecher“ Verfolgten ist laut der Historikerin Dr. Dagmar Lieske, sie nicht aufs Neue zu stigmatisieren. Tucké Royale von dem Kunstprojekt „Zentralrat der Asozialen in Deutschland“ betonte, dass es trotz des Unbehagens bei der Verwendung der Begriffe wichtig sei zu benennen, als was Menschen verfolgt wurden. Royale versucht durch künstlerische Strategien der Fiktionalisierung, öffentliche Aufmerksamkeit für das Thema zu erreichen.

Dezentrale Aufarbeitung ist entscheidend

In der angeregten Diskussion mit dem bunt gemischten Publikum wurden mehrere Szenarien für die politische Umsetzung angesprochen. Zu überlegen wäre, ob nicht der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus dazu genutzt werden sollte, öffentlich den „Asozialen“ und „Berufsverbrechern“ zu gedenken. Auch die Idee eines Gedenkortes wurde diskutiert. Konsens bestand darüber, dass die Aufarbeitung dezentral an verschiedenen Orten stattfinden müsse.

 

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