Fachgespräche Kreativwirtschaft"Mit Kommunikation kann man viel lösen"

Richard (Tim Ehlert), Gerda (Maria Radomski), Paul (Andreas Köhler) und Johanna (Sandra-Uma Schmitz) (v.l.) wollen mit ihrer Band "Plastic Wings" im Theaterstück "Lange Straße Abbey Road", das in Rostock am Theater gespielt wurde, ganz nach oben.
Die Band "Plastic Wings" will in dem Theaterstück "Lange Straße Abbey Road" von Mark Auerbach, ganz nach oben. Für diejenigen, die von ihrer kreativen Arbeit leben, sieht es in einer sich rapide digitalisierten und verändernden Welt oft wirtschaftlich nicht gut aus. Die grüne Bundestagsfraktion hatte im September 2016 zu zwei Fachgsprächen für Kreativschaffende eingeladen. Der Fokus lag vor allem auf Solo-Selbständigen, das heißt Ein-Personen-Unternehmen und Freiberuflern.

Die Rahmenbedingungen ihrer Arbeit sind für Kreativschaffende in einer sich rapide digitalisierenden und verändernden Welt oft nicht so, wie sie sein sollten. Das ist das Ergebnis zweier Fachgespräche, die die Bundestagsfraktion am 23. und 26. September 2016 durchführte. Der Fokus lag hierbei vor allem auf Solo-Selbstständigen, das heißt Ein-Personen-Unternehmen und Freiberuflern.

Wie vernetzen sich die Kreativschaffenden?

Im ersten Block ging es um die Selbstorganisation, also: Wie vernetzen sich Kreativschaffende untereinander und unterstützen sich gegenseitig – jenseits von offiziellen Strukturen wie zum Beispiel Gewerkschaften?

Lisa Jopt, Schauspielerin und Mitgründerin des „Ensemble-Netzwerks“, gab einen lebendigen Überblick über die Schwierigkeiten, mit denen Schauspielerinnen und Schauspieler zu kämpfen haben, und erklärte, wie der Zusammenschluss des Ensemble-Netzwerks sich gegen die bestehenden Missstände gewandt hat. „Mit Kommunikation kann man viel lösen“, stellte Lisa Jopt fest. „Wir wollen nicht immer nur meckern, sondern auch ganz konkrete Lösungsvorschläge machen.“ Christian Rost vom „Büro für Urbane Zwischenwelten“ berichtete von verschiedenen lokalen Initiativen Kreativschaffender, wie „Kreatives Leipzig“ oder „Kreatives Chemnitz“. Auch wenn die kreativen Teilbranchen sehr unterschiedlich seien, gebe es doch immer einen kleinsten gemeinsamen Nenner, der für die gemeinsame politische Interessenvertretung wichtig sei. In der sich an die Vorträge anschließenden Diskussion tauschten sich die anwesenden Kreativschaffenden über die akuten Probleme der unterschiedlichen Branchen aus. Vielerorts würden Tarif- und Vergütungsregelungen oder Mindesthonorare nicht eingehalten. Daher haben sich in der Journalisten- und der Schauspielbranche Initiativen gegründet, die sich gemeinsam, über Beschäftigungsverhältnisse hinweg, für faire Bezahlung und Öffentlichkeitsarbeit für die eigenen Belange einsetzen. Aus vielen Branchen wird auch der Ruf nach einem Verbandsklagerecht zur Durchsetzung von Vergütungsvereinbarungen laut. Dies würde gewährleisten, dass einzelne Aktive für ihr Engagement in ihrem Bereich nicht auf eine schwarze Liste gesetzt würden und sich so langfristig die Karrieremöglichkeiten ruinierten.

Gründungsförderung für kreative Solo-Selbstständige.

Josephine Hage, Projektmanagerin aus der Kultur- und Kreativwirtschaft, betonte in ihrem Input, dass in vielen Bereichen die Datenlage für die Kultur- und Kreativwirtschaft unzureichend sei. Wer beispielsweise ein von der Rechtsform her nicht-eintragungspflichtiges Unternehmen gründe, tauche im Monitoring der Teilmärkte der Kultur- und Kreativwirtschaft nicht auf. Und obwohl jede achte Unternehmensgründung in Deutschland derzeit in der Kreativbranche erfolge, werde beispielsweise die Kredithürde für Solo-Selbstständige im ifo Konjunkturtest nicht erfasst. Dabei ist bereits seit Langem bekannt, dass der Zugang zu Kleinstkrediten für Soloselbstständige ein großes Problem ist. Hinzu kommt, dass für Kleinstunternehmen der Antragsaufwand für die Gründungsförderung oft zu hoch ist. Laut Josephine Hage sind nicht unbedingt neue Förderprogramme vonnöten, sondern eher mehr Gründungscoaching und Wissensvermittlung für in die Selbstständigkeit startende Kreative. So bräuchte es u. a. mehr Universitäten, die Absolventinnen und Absolventen in den Jahren nach dem Abschluss auf dem Weg in die Selbstständigkeit betreuten.

Im Anschluss sprach Karsten Wenzlaff vom Bundesverband Crowdfunding über die vielen unterschiedlichen Varianten von Crowdfunding, die Kreativen heute zur Verfügung stehen, um ihre Projekte zu finanzieren. „Crowdfunding löst noch nicht alle Probleme, zeigt aber viele innovative Ansätze auf“, erklärte Wenzlaff. Hier wären vor allem mehr Modelle einer Co-Finanzierung vielversprechend, wie es sie bereits in Schweden gibt. Dort werden Gelder, die durch Crowdfunding gesammelt werden, bei bestimmten Projekten in gleicher Höhe vom Staat ergänzt.

Soziale Absicherung und durchsetzbare Rechte

Beim zweiten Fachgespräch lag der erste Schwerpunkt auf dem Thema soziale Absicherung. Die Soziologin Lisa Basten hat für ihr neues Buch „Wir Kreative“ viele Interviews mit Kreativschaffenden geführt. Sie konstatiert, dass die staatlichen Absicherungssysteme derzeit immer noch von einer Vollbeschäftigung ausgingen. Kreative Arbeit finde aber oftmals in zeitlich begrenzten Projekten statt. Im Anschluss wurde kontrovers über viele Aspekte und Fragen der sozialen Absicherung diskutiert: Sollte man vielleicht die Zahl der Kreativschaffenden staatlich beschränken, die aus den Hochschulen auf den Markt drängen, um ihnen ein Auskommen und eine Absicherung garantieren zu können? Gibt es eine Pflicht zu unternehmerischem Denken? Sollte man die staatlichen Absicherungssysteme komplett neu denken und auf die Bedürfnisse der stark anwachsenden Kreativbranchen zuschneiden? Viele der anwesenden Kreativschaffenden äußerten, für sie bestehe eine der zentralen Schwierigkeiten darin, nicht streiken zu können und keine Verhandlungsmasse zu haben. Im Zweifelsfalle würde sich immer jemand finden, der einen kreativen Auftrag für noch weniger Geld ausführen würde, was die Preise in dieser Branche immer weiter nach unten drücke.

Im anschließenden und letzten Schwerpunkt zu durchsetzbaren Rechten von Kreativen sprach Matthias Hornschuh, Komponist und Vorsitzender von mediamusic e.V., über die sich verändernden Wertschöpfungsketten bei MusikerInnen und KomponistInnen. „Kein Komponist lebt heute vom Komponieren“, führte er aus. Nur durch die Lizenzvergütungen könnten KomponistInnen überhaupt Geld verdienen. Umso wichtiger sei es deshalb, die Plattformen, die diese Werke nutzten, zu Zahlungen zu bewegen. Die Versprechen der Digitalisierung hätten sich für diese Branche nicht bewahrheitet. Auch an den Kurzvortrag von Matthias Hornschuh schloss sich eine kontroverse und lebhafte Diskussion zu den angesprochenen komplexen Schwierigkeiten an.

Die Bundestagsfraktion Bündnis 90/die Grünen wird die Inputs und die Diskussion nun auswerten und ihre weitere Arbeit zum Thema Kreativwirtschaft einfließen lassen.

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