Interaktive KarteSo kaputt ist das deutsche Bahnnetz

Die Illustration zeigt einen ICE, der sich einer beschädigten Bahnbrücke nähert.
In Deutschland gibt es gut 25.000 Bahnbrücken. Zum zweiten Mal seit 2014 haben wir die Bundesregierung gefragt, in welchem Zustand sie sind. Die Antworten sind erschreckend. Unsere interaktive Karte zeigt alle maroden Bahnbrücken.

Albbruck, Bückeburg und Chorin stehen nicht jeden Tag in der Zeitung. Und doch stehen diese Orte ganz beispielhaft für eine schleichende Infrastrukturkrise in Deutschland. Denn alle drei Orte verbindet eines: Hier stehen einige der marodesten Bahnbrücken Deutschlands.

Nicht nur Bahnhofsgebäude verfallen zusehends. Hecken überwuchern vielerorts nicht genutzte Gleise. Insbesondere bröckelnde Brücken stellen zunehmend ein ernstzunehmendes Problem im Bahnverkehr dar. Mit dem Verfall wird der Bahnverkehr ausgebremst oder gar Brücken für mehrere Wochen ganz gesperrt – wie in diesem Frühjahr in Ostholstein auf der ICE-Strecke zwischen Hamburg und Kopenhagen geschehen. Kurzfristiger Ersatzverkehr mit Bussen und frustrierte Fahrgäste sind die Folge. Einmal vergraulte Fahrgäste kommen so schnell nicht wieder zurück. Was passiert, wenn die Infrastruktur nicht gepflegt wird, kann man gerade bei der Rheintalbahn sehen. Wenn eine zentrale Strecke gesperrt werden muss, gibt es keine Alternativen.

Deswegen ist es wichtig, dass der Staat seine Infrastruktur dauerhaft in Schuss hält. Im Bahnnetz ist das immer weniger der Fall. Wie schon im Jahr 2014 haben wir Grüne im Bundestag den Zustand unserer Schieneninfrastruktur in Deutschland abgefragt. In 16 Kleinen Anfragen haben wir uns einen Überblick über alle 25.700 Bahnbrücken verschafft. Damit legen wir erneut die Fakten auf den Tisch und diese sind in vielen Regionen Deutschlands geradezu erschreckend.

  • In Brandenburg hat sich der Zustand der Bahnbrücken weiter verschlechtert, inzwischen ist jede zehnte der gut 800 Brücken dringend sanierungsbedürftig.
  • Von Berlins 904 Brücken ist jede zwölfte abrissreif.
  • In Hamburg ist die hochfrequentierte Brücke an der Sternschanze in solch einem schlechten Zustand, dass auch sie vollständig abgerissen und neuerrichtet werden müsste.
  • In Baden-Württemberg sind 101 Brückenbauwerke nicht mehr zu retten – gleich 10 Brücken mehr als noch 2014.
  • In Nordrhein-Westfalen haben ganze 40 Prozent aller Brücken umfangreiche, zum Teil gravierende Schäden.
  • In Rheinland-Pfalz, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Bayern sind es jeweils noch immer ein Drittel aller Bahnbrücken.

Im Durchschnitt sind unsere Eisenbahnbrücken 65 Jahre alt. Deutschlandweit sind 1.100 Brücken so stark beschädigt, dass nur noch ein Abriss und Neuaufbau vertretbar ist. Allein an dieser Zahl lässt sich erkennen, dass die Verkehrspolitik der großen Koalition vier verlorene Jahre waren. Allein um den Verfall des Bahnnetzes aufzuhalten, müssten bei einer angenommenen Lebensdauer von 100 Jahren jedes Jahr 257 Brücken ersetzt werden. Seit dem Amtsantritt der Bundesregierung wurden jedoch durchschnittlich nur 115 Brücken im Jahr erneuert. Selbst ihr eigenes Ziel, von 2015 bis 2019 deutschlandweit 875 Brücken zu ersetzen, werden CDU/CSU und SPD so nicht erreichen.

Dass sich die Schieneninfrastruktur verschlechtert, zeigt sich auch in den Entwicklungen seit 2014. 662 Brücken der 1.100 Brücken in der schlechtesten Zustandskategorie 4 der Deutschen Bahn waren auch schon bei unseren letzten Anfragen 2014 in diesem desolaten Zustand. Auf der Deutschland-Karte wird das alles leicht erkennbar.

Die Zahlen zeigen erstens, dass täglich viele hundert Brücken überfahren werden, die schon jahrelang zu den marodesten Brücken Deutschlands zählen und dringend erneuert gehören. Zweitens zeigt die Deutschland-Karte die Geschwindigkeit, in der unsere Schieneninfrastruktur verfällt. In den letzten zwei Jahren hat sich der Zustand von mindestens 438 Brücken so weit verschlimmert, dass eine Sanierung kaum noch wirtschaftlich wäre. Hätte die Bundesregierung für diese Brücken Geld zur Sanierung zur Verfügung gestellt und diese Brücken bereits vor einigen Jahren saniert, hätten der Bund und die Bahn – und somit die Steuerzahlenden – sehr viel Geld sparen können. Jetzt ist vielerorts nur noch der komplette Austausch der Brücken möglich. Das zieht nicht nur neue Kosten, sondern auch monatelange Streckensperrungen und Verspätungen nach sich – alles verzichtbarer und vermeidbarer Ärger für die Fahrgäste der Bahn.

Verfehlte Verkehrspolitik - Deutschlands veraltete Infrastruktur

Mit der Stillstandpolitik von Verkehrsminister Dobrindt wird die Schieneninfrastruktur älter und verfällt zusehend. Damit schadet er unserer Volkswirtschaft. Das Durchschnittsalter der 1.100 marodesten Brücken Deutschlands liegt schon jetzt bei 86 Jahren. 554 dieser Brücken wurden im Jahr 1927 gebaut und wurden somit schon während des Zweiten Weltkriegs genutzt. Die mit Abstand ältesten Brücken sind in Sachsen und Thüringen zu finden. Die bundesweit älteste Brücke steht in Saalfeld/Saale, unweit vom ICE-Bahnhof entfernt. Sie wurde bereits 1871 in Betrieb genommen und zählt damit stolze 146 Jahre. Nur 36 Jahre zuvor hat die erste deutsche Bahnlinie in Deutschland zwischen Nürnberg und Fürth ihren Betrieb aufgenommen.

Was wir vorhaben

In nächster Zukunft wird dieser Verfall nur mit deutlich mehr Geld und Planungskapazitäten für die Bahn aufzuhalten sein. Unter der jetzigen großen Koalition wandern gerade einmal 59 Euro pro Einwohner in die Schiene. In vielen Nachbarländern wie in Österreich oder der Schweiz sind die Investitionen in die Schiene um ein Vielfaches höher. Wer Klimaschutz ernst nimmt, muss die umweltfreundliche Bahn zum Herzstück einer modernen und vernetzten Mobilität machen und der Wirtschaft einen schnellen und zuverlässigen Gütertransport auf der Schiene ermöglichen.

Daher wollen wir …

  • deutlich höhere Investitionen ins Schienennetz und effizienten Mitteleinsatz sicherstellen,
  • eine Netzgesellschaft in unmittelbarem Bundeseigentum ohne Renditevorgaben schaffen,
  • mehr Planungskapazitäten für den Erhalt unseres Schienennetzes,
  • Mehreinnahmen aus der Lkw-Maut zur Finanzierung von Schienenprojekten nutzen,
  • klare Qualitätskriterien für ein gutes Bahnnetz, die einer unabhängigen Kontrolle standhalten,
  • eine umfassende Rechenschaftspflicht gegenüber dem Bundestag und Bundesrechnungshof und
  • größte Transparenz zum Zustand der Schieneninfrastruktur gegenüber der Öffentlichkeit.

Die rot markierten Brücken waren schon 2014 in der schlechtesten Zustandskategorie 4 eingestuft, der Zustand der gelb markierten Brücken hat sich in den letzten zwei Jahren so erheblich verschlechtert, dass sie neu in die Kategorie 4 gerutscht sind.

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5 Kommentare
Umso unverständlicher...
Heinz Dieterich 07.09.2017

...ist die Strategie der DB, hauptsächlich politisch gewollte Projekte auf Biegen und Brechen durchzusetzen: Der riesige Sanierungsbedarf nicht nur für marode Brücken, sondern auch für Gleisstrecken nimmt seit Jahren nicht ab. Unpünktlichkeiten bei den Zugverbindungen ist die logische Folge daraus. Ebenso werden z.B., statt Verträge mit der Schweiz für die Nord / Süd Linie zügig umzusetzen, Prestigeprojekte wie S21 wieder aufgenommen. Dieses Projekt wurde von Bahnchef Ludewig bereits zu dessen Dienstzeit wegen Unwirtschaftlichkeit abgesetzt. Inzwischen explodieren die Kosten dafür, sie haben mit den bei der sog. Volksabstimmung genannten längst nichts mehr zu tun.

...die Daten.
Ich Hinterfrage... 07.09.2017

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich kann aktuell nur von Hamburg sprechen.

Die in Hamburg gekennzeichneten Brücken sind größtenteils im (Neu-)Bau und stehen kurz vor Fertigstellung.

Dies ist auch sehr deutlich in den Satelliten-/ Luftbildern der einschlägigen Maps zu sehen.

Daher stellt sich mir die Frage, wie belastbar die Zahlen überhaupt sind.

Denn es wird behauptet, dass nicht ausreichend Instandgesetzt wird, aber die Brücken die im Bau sind, also aktuell instandgesetzt werden, sind nicht mit in der Statistik aufgeführt, aber genau diese Bauwerke würde die Karte, zumindest für den Großraum Hamburg, wesentlich verändern.

Mit freundlichen Grüßen

Prof. Dr.-Ing. Arnd Hennemeyer 07.09.2017

Leider ist die Angabe des Baujahres bei vielen Brücken offenbar nicht korrekt. Für eine Vielzahl von Brücken ist 1927 angegeben. Tatsächlich sind sie aber wohl 1927 oder früher errichtet worden. Darunter befinden sich auch wichtige Technikdenkmäler, deren Abriss und Ersatz durch Neubau einen gravierenden Verlust bedeuten würde.

blödes Titelbild
Marc Andeßen 08.09.2017

Da hättet ihr nichts anderes finden können, als eine Zeichnung, die nach Che Guevara-Fan-Club aussieht? Das muss doch "Grün" wirken und nicht nach MLPD und Klassenkampf....

... die Berliner Daten
Ich hinterfrage .... 13.10.2017

möchte mich dem Hamburger Vorredner anschließen.

Die Könenicker Brücken auf der Strecke Ostbahnhof - Erkner - Frankfurt Oder sind ebenfalls größtenteils im (Neu-)Bau bzw stehen kurz vor Fertigstellung. Brücke Hämmerlin

Daher stellt sich mir auch die Frage, auf welchem Stand die Zahlen sind bzw wie belastbar überhaupt.

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