Bundestagsrede 23.06.2009

Maßnahmen gegen Magersucht

Irmingard Schewe-Gerigk (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Die Ursachen einer Essstörung sind vielfältig. Aber wir wissen, dass neben biologischen, psychosozialen und soziokulturellen Faktoren das gesellschaftliche Schönheitsideal eine wichtige Rolle spielt. Körperliche Attraktivität ist gerade für Frauen ein wesentliches Attribut. Vorbild sind hier häufig die extrem dünnen Models aus Mode und Werbung. Magersucht ist eine Frauenkrankheit: Sie betrifft zu über 90 Prozent Mädchen und junge Frauen und nur selten junge Männer. Doch auch bei Jungen findet mehr und mehr ein körperbezogener Normierungswahn statt.

Wenn wir alle körperlichen und seelischen Krankheiten vergleichen, ist Magersucht die dritthäufigste chronische Erkrankung im Jugendalter. Magersucht hat mit 10 bis 15 Prozent die höchste Sterblichkeit von allen psychischen Erkrankungen. Diese Krankheit ist nicht auf die Jugendzeit begrenzt. Die Konsequenzen für die Betroffenen sind auch in den folgenden Jahren, manchmal ein Leben lang, gravierend. Neueste Untersuchungen aus Schweden zeigen, dass 25 Prozent der Magersüchtigen später aufgrund von seelischen Problemen erwerbslos sind.

National wie auch international gibt es viel zu wenige Therapiestudien. Auch die Forscherinnen und Forscher wissen bisher nicht, wie sie der Krankheit ausreichend begegnen können. Wir müssen uns dafür einsetzen, dass langfristige Studien kontinuierlich finanziert werden. Zurzeit wird sehr viel Geld für die Altersforschung ausgegeben. Auch wenn die Gruppe der alten Menschen immer größer wird, brauchen wir neben der Altersforschung auch verstärkt Gesundheitsforschung für Kinder und Jugendliche.

Die Folgen der Magersucht sind auch im Erwachsenenalter zu spüren: Seelische Erkrankungen, Depressionen, Angst- und Zwangserkrankungen, aber auch körperliche Beeinträchtigungen wie Osteoporose sind typische Spätfolgen. Ärztinnen und Ärzte sowie Personen aus anderen Gesundheitsberufen müssen stärker geschult werden. Obwohl viele Betroffene in medizinischer Behandlung sind, wird oftmals das Lebensbedrohliche der Störungen nicht erkannt.

Lehrerinnen und Lehrer, Eltern, pädagogische Fachkräfte in der Kinder- und Jugendarbeit müssen besser informiert werden. Auch hier gibt es Forschungsbedarf. Wie können die Betroffenen und ihr soziales Umfeld richtig angesprochen werden? Frontalveranstaltungen in der Schule sind nach aktueller Kenntnis eher kontraproduktiv als hilfreich. Wir brauchen mehr Forschung zu Prävention und Therapie. Gezielte Präventionsarbeit kann im besten Fall das Schlimmste verhindern. Sie muss rechtzeitig bei den Mädchen ansetzen, die ein niedriges Selbstwertgefühl haben. Denn diese sind besonders gefährdet, später eine Essstörung zu entwickeln. Eine frühe Behandlung kann hier von entscheidender Bedeutung sein.

Im Bereich der Therapie wurde bereits vielfach von der stationären stärker auf die tagesklinische Behandlung umgestellt. Dadurch können auch Familien besser einbezogen werden. Aber der Bedarf ist größer. Hierfür sind neue Konzepte erforderlich, wie sie beispielsweise von Professor Herpertz-Dahlmann am Universitätsklinikum Aachen entwickelt wurden.

Die vom Frauenministerium initiierte Kampagne "Leben hat Gewicht" war ein erster Schritt, um der Gesellschaft zu zeigen, dass die Politik die Krankheit Magersucht ernst nimmt. Damit effektive Behandlung und Forschung möglich sind, müssen sich zukünftig nicht nur die beteiligten Ministerien besser vernetzen, sondern auch die Akteurinnen und Akteure auf der Arbeitsebene.

Wir erwarten von der Bundesregierung, dass sie auf eine Selbstverpflichtung der Modeunternehmen und Modelagenturen hinwirkt, keine Verträge mit untergewichtigen Models abzuschließen und diese nicht in ihre Karteien aufzunehmen. Diese Maßnahme dient nicht zuletzt dem Schutz der Models. Magersüchtige Models gehören nicht auf den Laufsteg, sondern in eine Therapie.

Es ist in den letzten zehn Jahren gelungen, die Sterblichkeit bei Magersucht zu senken. Dies ist ein Ergebnis der verbesserten Vorgehensweise bei dieser Erkrankung. Die Investition in die Forschung zeigt also bereits Fortschritte bei der Behandlung und der Genesung. Darauf dürfen wir uns aber nicht ausruhen. Es ist dringend erforderlich, kontinuierlich und dauerhaft die Krankheit Magersucht zu erforschen. Die Politik muss die Verantwortung hierfür mit tragen. Ich fordere Sie daher auf, unseren Antrag zu unterstützen.
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