Bundestagsrede 01.12.2005

Krista Sager, Bildung und Forschung

Das Wort hat jetzt die Kollegin Krista Sager vom Bündnis 90/Die Grünen.

Krista Sager (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wir sind uns hier doch alle einig, dass wir wegen der zunehmenden Herausforderungen durch den internationalen Wettbewerb, der Herausforderungen aufgrund der demographischen Entwicklung, der Mängel, die in internationalen Vergleichen deutlich werden, aber auch wegen der zentralen Frage, mit der wir es hier zu tun haben, nämlich mit der Gerechtigkeit in Bezug auf die Teilhabechancen eines jeden, mehr für Bildung, Forschung und Innovation tun müssen.

Wenn wir uns darin aber so einig sind, ist es natürlich besonders interessant, sich einmal anzusehen, wie diese große Koalition startet.

(Jörg Tauss [SPD]: Ganz ordentlich!)

Sie startet damit, dass sie der Bildungsministerin Zuständigkeiten nimmt, ihre Kompetenzen beschneidet und ihren Forschungsbereich zerstückelt. Das ist ein schlechter Start.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der FDP)

Ich hätte mir in einer neuen Regierung lieber eine gestärkte als eine geschwächte Bildungsministerin gewünscht, auch wenn es eine schwarze ist.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der FDP)

Frau Merkel hat gestern gefordert, dass wir unsere Schulen und Hochschulen wieder an die Spitze Europas bringen müssen. Sie hat auch gesagt - das war mir besonders wichtig -, Bildungschancen dürften nicht mehr von der sozialen Herkunft abhängen. Richtig! Dann stellt sich aber doch die Frage, wie wir das hinbekommen. Ich sage Ihnen: Wir schaffen das nur durch verstärkte gesamtstaatliche - ich betone: gesamtstaatliche - Anstrengungen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)

Wir schaffen das nicht, wenn sich der Bund aus der Bildungs- und Hochschulpolitik herausdrängen lässt und sich auf schöne Worte beschränkt.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie der Abg. Ulrike Flach [FDP])

Frau Ministerin Schavan, Sie müssen aufpassen, dass Sie nicht als Ministerin der warmen Worte in die Geschichte der großen Koalition eingehen. Das wäre wirklich zu wenig.

(Beifall des Abg. Dr. Ernst Dieter Rossmann [SPD])

Wenn ich mir den Koalitionsvertrag anschaue, muss ich feststellen, dass Sie hauptsächlich von der Vorarbeit Ihrer Vorgängerin leben wollen, und dies leider teilweise auch noch schlecht. Das Ganztagsschulprogramm mit einem Volumen von 4 Milliarden Euro muss natürlich weiterlaufen; alles andere wäre verrückt. Erzählen Sie doch einmal den Menschen im Lande, dass jetzt aber eine Verfassungsänderung erfolgen soll, wodurch unterbunden wird, dass jemals etwas Ähnliches fortgeführt oder auf den Weg gebracht wird. Das ist verrückt. Kein Mensch in diesem Land begreift das.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie der Abg. Ulrike Flach [FDP])

Man fragt sich doch, was hier eigentlich passiert ist. Offensichtlich haben sich die Bildungspolitiker zusammengesetzt und über die Gestaltung der Wissensgesellschaft geredet und die Arbeitsgruppe zur Föderalismusreform hat daneben gesessen und den Bildungspolitikern den Boden unter den Füßen weggezogen und das Licht ausgemacht.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN und der Abg. Ulrike Flach [FDP])

Hier weiß die eine Hand nicht, was die andere tut. Frau Merkel hat uns doch eine Politik aus einem Guss versprochen. Herr Müntefering hat ja schon damals befürchtet, dass nur ein Aufguss dabei herauskommt.

Im Wesentlichen haben Sie heute die von der rot-grünen Regierung erbrachte Vorarbeit als Ihre Highlights verkauft. Ich nenne beispielsweise den Schwerpunkt Nanotechnologie, das 3-Prozent-Ziel im Bereich Forschung, die Exzellenzinitiative und den Pakt für Forschung. Ich habe nichts gegen die Weiter- und Wiederverwendung von Vorhaben im politischen Raum. Das ist besser, als sie wegzuschmeißen. Man sollte aber nicht vergessen, dass gerade Ihre schwarzen Freunde diese Erfolge zum Teil heftig bekämpft haben.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Auf der anderen Seite fragt man sich aber doch, was sich diese Regierung über die "Verwaltung dieser Vorräte" hinaus vorgenommen hat. Sie sagen im Koalitionsvertrag, dass 17 Prozent der jungen Menschen eines Jahrgangs zu der Risikogruppe gehören, die keinen Schulabschluss und keine Berufsausbildung haben. Ich finde wichtig, dass das im Koalitionsvertrag steht. Was aber werden Sie mit dieser Risikogruppe tun? Glauben Sie im Ernst, dass das Problem ohne Zusammenarbeit, ohne Kooperation zwischen Bund, Ländern und Gemeinden irgendwie zu lösen sein wird? Sie schreiben in Ihrem Koalitionsvertrag: Menschen mit Berufsabschluss soll der Weg in die Hochschulen erleichtert werden. Die Verfassungsreform, die Sie vereinbart haben, sieht aber vor, dass der Bund in diesem Bereich gar keine Einflussmöglichkeiten mehr hat.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Sie sagen, die Quote der Studienanfänger - das war Ihnen heute ein wichtiger Punkt - soll auf 40 Prozent eines Jahrgangs erhöht werden. Das ist bitter nötig. Das wissen wir alle. Das ist hier Konsens. Diese Steigerung ist im OECD-Vergleich noch nicht einmal besonders viel. Wir haben das Glück - das haben Sie richtig gesagt -, dass bis zu den Jahren 2012 bis 2014 eine große Zahl von Studienanfängern in die Hochschulen will. Das ist wirklich ein Glück und keine Tatsache, über die man sagen muss: Oh Gott, oh Gott! Aber jetzt fragt man sich doch: Was passiert denn im Moment? In fast allen Ländern werden Studienplätze abgebaut.

Wie sieht die Situation aus, in die wir in Deutschland hineinlaufen? Wir laufen doch in die Situation, dass es real in den Hochschulen weniger Studienplätze geben wird oder schlechtere Studienbedingungen oder beides. Dafür sollen die jungen Leute dann auch noch Gebühren zahlen. Die sind doch zu Recht auf der Straße.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Die jungen Leuten haben den Eindruck, die Bildungspolitiker erzählen ihnen nur, sie wollen mehr Studienanfänger haben, aber real wird eine Politik gemacht, die darauf hinausläuft, die jungen Leute von einem Studium abzuschrecken. Das passt doch nicht zusammen. In diesem Bereich brauchen wir eine andere Politik.

Dazu sage ich Ihnen - auch als ehemalige Landessenatorin - eines: Wir müssen den Hilfeschrei der Hochschulrektorenkonferenz wirklich ernst nehmen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP)

Ich bin fest davon überzeugt, dass die Hochschulen das Problem nicht alleine in den Griff bekommen werden. Aber so, wie diese Verfassungsreform geplant ist, wird es die Hochschulsonderprogramme der Vergangenheit - von Möllemann bis Bulmahn - in der Zukunft nicht mehr geben können. Auch das ist eine falsche Entscheidung.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der FDP)

Es geht hier nicht um den Widerspruch zwischen Zentralisten und denen, die bürgernahe Entscheidungen wollen. Auch ich bin für bürgernah und ortsnah. Das heißt aber mehr Autonomie, mehr Freiheit für die Bildungseinrichtungen und nicht ein Flickenteppich von staatlichen Länderregelungen, die die Mobilität von Schülerinnen und Schülern, von Familien, von Studierenden und von wissenschaftlichem Personal erschweren. Das ist nicht bürgernah.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der FDP)

Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass wir uns einig sind, dass wir mehr gesamtstaatliche Anstrengungen brauchen, dass wir dafür auch eine gesamtstaatliche Agenda brauchen, die alle Einrichtungen vom Bund über die Länder bis zu den Gemeinden und Bildungseinrichtungen jeweils in ihrem Kompetenzbereich umsetzen müssen. Was wir aber nicht brauchen, ist ein Kuhhandel hinsichtlich der Verfassung auf Kosten eines zentralen Zukunftsbereichs wie Bildung und Wissenschaft.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Lassen Sie mich eines zum Schluss sagen. Herr Struck betont immer, ein Gesetz geht aus dem Bundestag nicht so heraus, wie es hineinkommt.

(Jörg Tauss [SPD]: Genau! Völlig richtig!)

Das ist gestern noch einmal bekräftigt worden. Aber dann dürfen wir uns erst recht keine Fehler bei einer Verfassungsänderung leisten, weil man diese Fehler nicht mal so eben korrigieren kann. So eine Änderung bindet die Politik auf Jahrzehnte.

(Beifall des Abg. Jörg Tauss [SPD])

Auch die Ministerpräsidenten merken jetzt langsam, dass ihre Interessen in den Händen Bayerns schlecht aufgehoben gewesen sind.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Wenn wir als Bildungspolitiker es schaffen, zu sagen, bei dieser Verfassungsreform ist das letzte Wort noch nicht gesprochen, dann können Sie mich davon überzeugen, dass man auch in der Opposition manche fröhliche Stunde erleben kann.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der FDP)

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