Bundestagsrede 19.01.2006

Katrin Göring-Eckardt, Deutsche Nationalbibliothek

Vizepräsidentin Gerda Hasselfeldt:

Das Wort hat nun die Kollegin Katrin Göring-Eckardt.

Katrin Göring-Eckardt (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen! Liebe Kollegen! Zuerst einmal freue ich mich, dass die neue Bundesregierung - Herr Neumann hat bereits darauf hingewiesen - den Entwurf der alten eins zu eins übernommen hat. Das heißt, dass die neue Regierung doch nicht alles anders machen will, zumindest was das Bibliothekswesen und die zukünftige Nationalbibliothek angeht.

Frau Jochimsen, ich finde es unangebracht, wie Sie auf die geplante Umbenennung reagieren. Die Behauptung, dass man mit dem Namen "Deutsche Nationalbibliothek" nationale Bücher dorthin holen wollte, ist weit hergeholt. Das ist ein unverantwortlicher Umgang, auch mit der guten Arbeit, die diese Institution leistet. Darüber sollten Sie noch einmal nachdenken.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der CDU/CSU und der SPD)

Ich glaube, dass es ein sehr guter, wichtiger und überfälliger Schritt ist, den Auftrag um die Bewahrung und die Nutzung des digitalen Kulturerbes zu erweitern. Dass dazu die Stärkung der Medienkompetenz älterer Menschen im digitalen Bereich gehört, ist, glaube ich, eine Selbstverständlichkeit. Wir machen damit deutlich, dass alle Personen Zugang zu diesem Kulturgut haben müssen. In dieser Hinsicht gibt es für die künftige Nationalbibliothek noch einiges zu tun.

Die Umbenennung in Deutsche Nationalbibliothek sollten wir mit dem notwendigen Selbstbewusstsein angehen, und zwar gerade vor dem Hintergrund, dass der Bund diese Bundesinstitution alleine finanziert. Das halte ich für richtig.

(Hans-Joachim Otto [Frankfurt] [FDP]: Dass das ausgerechnet die Grünen sagen! Eine überraschende Äußerung!)

- Dass das ausgerechnet jemand von den Grünen sagt, darüber können Sie sich noch eine Weile wundern, Herr Otto.

Ich glaube, dass mit dem Namen "Deutsche Nationalbibliothek" nicht nur das beschrieben wird, was dort gemacht wird, sondern dass damit auch unser Anspruch an diese Bibliothek und an das, was wir kontrollieren wollen, formuliert wird. Insofern, finde ich, ist die Aufregung über diesen Namen nicht angebracht.

(Hans-Joachim Otto [Frankfurt] [FDP]: Ist der Joschka auch dieser Meinung?)

Ich bin ganz sicher, dass der Einspruch, den die Länder formuliert haben, weniger mit Föderalismus als mit falsch verstandenem Selbstbewusstsein zu tun hat. Es ist nicht notwendig, an dieser Stelle zu bohren. Es wird noch viele Diskussionen im Rahmen der Föderalismusreform geben. Dann sollte aber die Selbstgefälligkeit ein bisschen in den Hintergrund treten. Man sollte sich auf einen Zusammenschluss unter anderem aus Deutscher Bücherei und Deutscher Bibliothek in Frankfurt am Main verständigen und sich darüber freuen, dass wir dann eine wunderbare Bibliothek haben.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)

Der letzte Punkt, auf den ich gern eingehen möchte, hat mit der Nationalbibliothek nur mittelbar zu tun. Er betrifft die Lage der Bibliotheken in unserem Land. Den damit verbundenen Herausforderungen müssen wir uns in Zukunft stellen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Wenn man auf die Internetseite "bibliothekssterben.de" geht, dann sieht man, dass jedes Jahr in Deutschland Hunderte Bibliotheken zugemacht werden. Es ist fast jeden Tag eine. Dieser Situation dürfen wir uns nicht nur im Kulturausschuss stellen, sondern darauf müssen wir auch im Parlament eingehen. Wir müssen uns fragen, welche Bedeutung diese Entwicklung für die Zukunft hat.

Ich möchte an dieser Stelle einen Zahlenvergleich anführen. Die erste Fußballbundesliga hatte in der Saison 2004/05 11,56 Millionen Besucher. Die Bibliotheken hatten mehr; dort waren es 11,75 Millionen aktive Besucher, also Menschen, die tatsächlich etwas ausgeliehen haben. Sie werden sicherlich länger als 90 Minuten gebraucht haben, um die Bücher zu lesen oder die Filme zu sehen, die sie ausgeliehen haben.

Ich glaube, dies zeigt sehr deutlich, welche große Bedeutung die Bibliotheken in unserem Land nach wie vor haben. Trotz der Schließungen gibt es mehr Nutzerinnen und Nutzer. Wir müssen uns aber fragen, was es eigentlich bedeutet, dass Bibliotheken gerade in kleinen Kommunen zunehmend geschlossen werden, was das für Kinder, für die Zugänge sowie für die Bildung und insbesondere für die kulturelle Bildung in unserem Land bedeutet. Wir tun uns einen großen Gefallen, wenn wir denjenigen Ländern, die laut PISA sehr viel weiter sind als wir, nacheifern, zum Beispiel Finnland, wo jede Schule eine Bibliothek besitzt oder wo es eine 100-prozentige Verbindung zu den kommunalen Bibliotheken gibt.

Wir sollten uns aufraffen und in den nächsten Monaten im Deutschen Bundestag über ein deutsches Bibliotheksgesetz diskutieren, und zwar in fruchtbarer Auseinandersetzung mit den Bundesländern. Ich würde mich freuen, wenn wir uns in besonderer Weise für den Ausbau der Partizipationsmöglichkeiten gerade von Kindern und Jugendlichen verantwortlich zeigten.

Vielen Dank.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)

 

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