Bundestagsrede 09.11.2006

Cornelia Behm, Agroforstwirtschaft

Cornelia Behm (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Die Landwirtschaft in Deutschland steht an der Schwelle einer neuen Ära: Nicht allein qualitativ hochwertige Nahrungsmittel werden von ihr erwartet, sondern auch zunehmend ein Wirtschaftsgut, das die Landwirtschaft bisher eher eingekauft als produziert hat, nämlich Energie. Darüber hinaus sollen Arbeitsplätze geschaffen, hohe Sozial- und Umweltstandards eingehalten und eine tourismusfreundliche Kulturlandschaft gestaltet werden.

Um diesen vielen Anforderungen gerecht zu werden, muss über neue Landnutzungsformen nachgedacht werden. Zwangsläufig stößt man da auf das Thema Agroforstwirtschaft. Mit unserem Antrag wollen wir die Aufmerksamkeit der Politik auf dieses Thema lenken und die erforderlichen Fördermaßnahmen auf den Weg bringen, damit es bei der Agroforstwirtschaft nicht bei einer schönen Idee bleibt, sondern sie breiten Einzug in die Praxis hält. Zwar gibt es inzwischen auch in Deutschland eine Reihe von Landwirten, die auf diesem Gebiet experimentieren. Von einem Durchbruch kann bisher aber noch keine Rede sein. Hierfür bleibt noch viel zu tun. Die EU legte bereits 2001 mit SAFE - Silvoarable Agroforestry for Europe - ein Forschungsprojekt auf, das Grundlagen zur Beurteilung der Rentabilität von Agroforstsystemen liefern sollte. Dieses im Jahr 2005 abgeschlossene Projekt hat gezeigt, dass Agroforstsysteme nicht nur aus Umweltsicht Vorteile bringen, sondern auch wirtschaftlich interessant sein können. Denn der Ertrag aus Acker- und Baumkultur zusammengenommen kann durchaus das heute übliche hohe Ertragsniveau erreichen oder übertreffen.

Das Prinzip der Agroforstwirtschaft ist nicht neu. Bekannte Beispiele für traditionelle Agroforstsysteme sind Streuobstwiesen und Hecken. Sie gehören seit jeher zur Kulturlandschaft. Aber in Deutschland gibt es heute kaum mehr Agroforstsysteme. Moderne und gleichzeitig nachhaltige Agroforstsysteme müssen so angelegt werden, dass nicht nur ökologische Aspekte, sondern auch betriebswirtschaftliche Erfordernisse berücksichtigt werden. Dazu gehört, dass der Einsatz moderner Landtechnik ermöglicht wird. Dazu gehört auch, dass die Auswahl der angebauten Kulturen sich am Markt orientieren muss. Nach wie vor besteht Nachfrage nach Wertholz und nach Früchten wie Holunder, Hasel- oder Walnüssen. Neu ist das rasant angestiegene Interesse an Energieholz. Während auf der einen Seite das Landschaftspflegeholz, das beim Schnitt von Hecken und anderen Gehölzstreifen anfällt, vielfach nach wie vor einfach vor Ort verbrannt wird, denken etliche Landwirte bereits darüber nach, wie sie auf ihren Äckern systematisch Energieholz produzieren können. Meist geht es ihnen dabei um Kurzumtriebsplantagen. Aber auch das so genannte Alley-Cropping - also regelmäßige Gehölzstreifen auf größeren Ackerschlägen - kommen hier in Betracht. Letztlich kann jede Form der Agroforstwirtschaft auch der Produktion von Energieholz dienen.

Es ist also nicht nur aus umweltpolitischen Gründen sinnvoll, diese Form der Landbewirtschaftung in Deutschland und Europa zu etablieren. Um sich diesem Ziel zu nähern, muss jedoch noch einiges an Vorarbeiten geleistet werden. Wir wollen daher mit unserem Antrag erreichen, dass die Bundesregierung die erforderlichen Maßnahmen ergreift. Dazu gehört, dass die Forschung zu Agroforstsystemen in Deutschland finanziell abgesichert wird. Diese Forschung muss vor allem regional und betriebswirtschaftlich angepasste Agroforstsysteme entwickeln und optimieren. Denn bisher ist der Kenntnisstand über Agroforstwirtschaft in Mitteleuropa noch zu gering, um den Landwirten ausreichende Optionen mit einer gesicherten wirtschaftlichen Perspektive bieten zu können. Um die Landwirte überzeugen zu können, auf Agroforstsysteme zu setzen, ist es jedoch notwendig, ihnen Faustzahlen über Anbauvarianten und Erträge liefern zu können.

Außerdem muss die Bundesregierung eine "Informations- und Koordinationsstelle Agroforstwirtschaft" einrichten. Sie muss die Aufgabe erfüllen, die vorliegenden Erkenntnisse über Agroforstsysteme der Fachöffentlichkeit und der Landwirtschaft bekannt zu machen und Maßnahmen der aktiven Öffentlichkeitsarbeit für die Agroforstwirtschaft und der Forschungsförderung zu koordinieren. Dies ist notwendig, um das Thema in der Forschung, in der Öffentlichkeit und bei den Landwirten stärker zu verankern.

Außerdem muss sich die Bundesregierung dafür einsetzen, dass die Förderung von extensiven Agroforstsystemen in die GAK aufgenommen wird. Die ELER-Verordnung sieht in Art. 44 vor, dass Beihilfen zur Einrichtung von Agroforstsystemen auf landwirtschaftlichen Flächen gewährt werden können. Eine Refinanzierung mit EU-Mitteln ist also möglich - eine Förderung mit Mitteln der GAK bisher allerdings nicht. Denn die konservative Mehrheit der Agrarminister in Bund und Ländern hat die Förderung von Agroforstsystemen im PLANAK für 2007 abgelehnt. Diese Entscheidung müssen sie so schnell wie möglich korrigieren.

Nicht zuletzt muss die Bundesregierung im Bundeswaldgesetz Agroforstsysteme gegenüber Wald abgrenzen und dort festlegen, dass Agroforstsysteme nicht Wald im Sinne des Bundeswaldgesetzes sind. Dies ist notwendig, um auszuschließen, dass landwirtschaftliche Nutzflächen, die zu Agroforstsystemen aufgewertet werden, zukünftig den Vorgaben des Bundeswaldgesetzes unterliegen. Ich hoffe sehr, dass die Bundesregierung die angekündigte Änderung des Bundeswaldgesetzes zügig vorlegt und diese Gelegenheit nutzt, um diese Änderung vorzunehmen.

Der Tradition dieses Hauses folgend, werden die Regierungsfraktionen unseren Antrag ablehnen. Das kann, muss aber nicht heißen, dass die Kollegen damit auch unsere Anliegen ablehnen. Ich möchte die Bundesregierung und die Kollegen der Regierungsfraktionen daher herzlich bitten, das Anliegen unseres Antrags ernst zu nehmen und möglichst viel von dem zu realisieren, was wir hier beantragen. Damit würden Sie für unsere Kulturlandschaft und die Agrobiodiversität und letztlich auch für die Landwirte und sogar für den Klimaschutz etwas Gutes tun.

 

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