Bundestagsrede 10.11.2006

Kai Gehring, Zukunft der Lehre und Forschung an Hochschulen

Kai Gehring (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

"Mit der Einrichtung der Juniorprofessur wurde eine zusätzliche, international wettbewerbsfähige und zukunftsweisende Option für eine wissenschaftliche Karriere an deutschen Hochschulen geschaffen." Dies klingt nach Eigenlob - ist es aber nicht. Denn so bewertet das unionsgeführte Bildungsministerium die von der Vorgängerregierung eingeführte Juniorprofessur.

Die von Rot-Grün initiierte Juniorprofessur ist ein Erfolgsmodell, ungeachtet des Störfeuers aus unionsregierten Ländern. Sie bringt junge Nachwuchswissenschaftler und -wissenschaftlerinnen früher in verantwortungsvolle Positionen. Bereits nach der Promotion können sie eigenständig forschen sowie eigene Forschungsprojekte initiieren und umsetzen. Die paternalistische Abhängigkeit und der jahrelange Prüfungsmarathon junger Forscher und Forscherinnen an deutschen Hochschulen gehören damit der Vergangenheit an. Zudem erhöht die Juniorprofessur mit der Öffnung eines Karrierewegs an der eigenen Hochschule die Lebensplanungssicherheit der Nachwuchswissenschaftler und -wisschenschaftlerinnen. Die Option zum Tenure Track hilft zudem auch den Hochschulen: Juniorprofessuren können für langfristige Personalentwicklung genutzt werden.

Die Juniorprofessur ist nicht zuletzt ein wichtiges Element der Frauenförderung. Der wissenschaftliche Karriereweg wird dadurch transparenter und besser planbar, ein Kriterium, das für Frauen - vor allem als Mütter - noch wichtiger ist als für Männer. Deshalb sind deutlich mehr Juniorprofessuren als Vollzeitprofessuren mit Frauen besetzt.

Insgesamt schafft die Juniorprofessur einen neuen attraktiven Qualifikationsweg in der Wissenschaft. Er kann dazu beitragen, jungen Nachwuchsforschern und -forscherinnen Perspektiven im Inland und damit Bleibegründe im internationalen Wettbewerb zu geben oder sie aus dem Ausland für den Wissenschaftsstandort Deutschland zu gewinnen bzw. zurückzugewinnen.

Aus diesem Grund ist die Förderung der Juniorprofessur unbedingt fortzusetzen. Zur Weiterentwicklung der Personalstruktur und der Schaffung von Lehrkapazitäten muss die Juniorprofessur zusammen mit weiteren Instrumenten wie die vorübergehende Doppelbesetzung von Professuren und die Einführung des Hochschuldozenten - "Lecturer" - betrachtet werden. Alle drei Personalkategorien müssen Teil eines ausgewogenen, zukunftsorientierten Personalmix an den Hochschulen sein. Dafür setzen wir uns in unserem soeben vorgelegten Antrag zum Hochschulpakt ein, in dessen Rahmen wir die Zukunft der Juniorprofessur absichern wollen.

Allein insofern ist ein isolierter Antrag zur Juniorprofessur, wie jetzt von der Linksfraktion vorgelegt, nicht erforderlich und sinnvoll. Zudem versäumt es die Linke, die Juniorprofessur im umfassenden Kontext "Wissenschaft als Beruf" zu betrachten. Hierzu gehören auch Fragen der Befristung, die wir in Kürze in der Ausschussanhörung zum Wissenschaftszeitvertragsgesetz der Koalition behandeln werden, der Verbeamtung und neuer Personalkategorien wie dem Hochschuldozenten.

Sachlich und logisch falsch ist die Forderung der Linken, Einstellungsvoraussetzungen für Juniorprofessoren hochschulübergreifend zu vereinheitlichen, um damit Hausberufungen zu erleichtern. Beim Tenure Track geht es ja eben um den Verbleib an der Hochschule und nicht um den Wechsel zwischen Universitäten. Mit unnötigen Forderungen zur Vereinheitlichung schränken Sie die Autonomie der Hochschulen ein. Außerdem reißen Sie damit alte Gräben zwischen den Ländern auf. Was bringen wohlfeile Forderungen nach Vereinheitlichung von hochschulgesetzlichen Regelungen, wenn die Länder die Klagen dagegen längst gewonnen haben und seit der Föderalismusreform ohnehin die alleinige Kompetenz dafür innehaben?

Aus diesen Gründen können wir Ihrem Antrag nicht zustimmen. Für die fortgesetzte Förderung der Juniorprofessur setzen wir Grüne uns auf Bundesebene beim Hochschulpakt und auf Landesebene unvermindert ein.

 

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