Bundestagsrede 26.10.2006

Kai Gehring, Exzellenzwettbewerb - Fachhochschulen

Kai Gehring (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Die Exzellenzinitiative ist ein Erfolg. Sie hat die Hochschullandschaft in Bewegung gebracht - und das ist gut so. Diese Bewegung verläuft aber, zumindest was die Prämierung und die Finanzen betrifft, entlang einer Einbahnstraße. Denn in erster Linie wandert das Geld für Exzellenzcluster, Graduiertenkollegs und Spitzenuniversitäten in den Süden: 86 Prozent der Exzellenz-mittel gehen dorthin.

Ähnliches wird die im Rahmen des Hochschulpakts vorgesehene Forschungsförderung bewirken: Denn Vollkosten werden natürlich nur dort finanziert, wo auch DFG-Anträge bewilligt werden. Dies ist wiederum vor allem in Süddeutschland der Fall. Der von der Bundesregierung geplante Hochschulpakt und die Exzellenzinitiative werden demnach vor allem eines bewirken: einen weiteren "Aufbau Süd". Diesem Trend müssen wir entgegensteuern. Denn er belohnt die fatale Herangehensweise, vordringlich in Forschung zu investieren und bei Lehre und Kapazitätsausbau zu sparen.

Diejenigen Hochschulen, die bislang überproportional ausgebildet und sich um gute Lehre gekümmert haben, sind nach der Ernennung der Spitzenunis die Deppen der Republik. Die Bundesregierung muss zudem zahlreiche Fragen beantworten, die nach der Prämierung der Gewinneruniversitäten bleiben: Wie schaffen wir es, neben der Spitze die Breite zu erhalten? Wie schaffen wir es, dass die Studierenden davon profitieren? Wie schaffen wir es, dass Sozial-, Geistes- und Ingenieurwissenschaften nicht zu kurz kommen? Wie ermöglichen wir die Chance auf Aufstieg für nicht prämierte Universitäten?

Mit dem bisherigen Rezept "viel Forschung, wenig Lehre" lässt sich auf Dauer keine ausgewogene Kost für die Hochschulen zubereiten. Das Erfolgsrezept der deutschen Hochschulen besteht vielmehr in der Einheit von Forschung und Lehre bei genügend ausfinanzierten Studienplätzen.

Dieses Zukunftskonzept müssen wir belohnen. Dazu dient aus meiner Sicht erstens ein Hochschulpakt, der zuallererst die bedarfsgerechte Schaffung neuer Studienplätze finanziert. Dazu gehört zweitens, die Prämierung herausragender Forschung zügig um die Belohnung exzellenter Lehre zu ergänzen.

Genau diese qualitative Erweiterung der Exzellenzinitiative schlagen wir in unserem Antrag heute vor: Um die Qualität und die Innovationskraft in der Hochschullehre nachhaltig zu verbessern, muss die Förderung der Hochschulen durch Bund und Länder schon im kommenden Jahr um einen Wettbewerb zur Förderung exzellenter Lehre ergänzt werden. Eine solche Wettbewerbskomponente belohnt Anstrengungen für exzellente Lehre und etabliert einen höheren Stellenwert sowie ein neues Qualitätsverständnis für herausragende und innovative Lehre.

Auch in der Lehre muss sich Leistung lohnen. Der von uns vorgeschlagene Wettbewerb für herausragende Lehre hat mehrere Vorteile: Hochschulen erhalten finanzielle Anreize dafür, ein eigenes Profil als Standort für exzellente Lehre zu entwickeln. Damit erhalten auch diejenigen Hochschulen Aussicht auf Fördermittel, die aufgrund ungleicher Voraussetzungen im Wettbewerb um Forschungsexzellenz vorerst keine Chance haben. Die von vielen geforderte Anschlussfähigkeit in der Hochschullandschaft, der Aufstieg in die "Bundesliga", wird leichter möglich. Dem einzelnen Professor, der sich außerordentlich in der Lehre engagiert, winken zudem Reputation und Fördergelder, nicht bloß der Beifall nach den Sonntagsreden.

Daher sagen wir: Ab 2011 muss die bestehende Exzellenzinitiative um eine Linie zur Förderung exzellenter Lehre erweitert werden. Das heißt: Künftig kann eine Hochschule nur als Spitzenuniversität mit überzeugendem Zukunftskonzept gelten, wenn sie auch exzellente Leistungen in der Lehre bringt. Exzellenz bedeutet dann, weder das Standbein Forschung noch das Standbein Lehre zu vernachlässigen.

Möglicherweise kann auch ein Exzellenzwettbewerb der Fachhochschulen, wie im FDP-Antrag vorgeschlagen, ein sinnvoller Baustein sein. Mit den von Ihnen geforderten mageren 2,5 Millionen Euro offenbaren Sie jedoch eher eine Geringschätzung für die Fachhochschulen. Auch halte ich es für falsch, zahlreiche unpassende und nicht operationalisierbare Förderkriterien detaillistisch durch die Politik vorzugeben.

Mein Fazit: Es wird dringend Zeit, dass wir die Fehlanreize im deutschen Hochschulsystem korrigieren: mit einem wirksamen und gerechten Hochschulpakt für mehr Studienplätze und mit einem Wettbewerb für herausragende Lehre.

 

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