Bundestagsrede 13.12.2007

Krebsrisiken in der Umgebung von Atomanlagen

Hans-Josef Fell (Bündnis 90 / Die Grünen)

Frau Präsidentin,

Meine sehr geehrten Kolleginnen und Kollegen,

Ärzte, die in der Umgebung von Kernreaktoren praktizieren geben schon seit Jahrzehnten Hinweise darauf, dass es einen Zusammenhang zwischen Radioaktivität und Zunahmen von Erkrankungen geben könnte.

Es ist eindeutige Erkenntnis der Wissenschaft, dass Radioaktivität bereits vorgeburtlich Missbildungen und Krebs auslösen kann, letzteres auch im frühkindlichen Stadium.

Seit Jahrzehnten streiten sich Wissenschaftlicher darüber, wie hoch die Gefahr für eine Erkrankung besonders im Bereich der niedrigen radioaktiven Strahlung ist.

Tatsache ist, dass die radioaktive Belastung in der Umgebung von Kernreaktoren geringfügig höher ist als die natürliche radioaktive Strahlung. Zudem ist die Art der radioaktiven Strahlung, die aus den Schornsteinen der Kernreaktoren kommt eine ganz andere als die der natürlichen.

Aus Atomkraftwerken entweichen gasförmige Radionuklide. Darunter befinden sich auch die besonders gefährlichen Spaltprodukte aus der Kernspaltung und deren Zerfallsprodukte, die übrigens auch über Abwasserrohre in die Gewässer gelangen.

Ich weiß genau, worüber ich hier spreche: Mir wurde dieser Sachverhalt innerhalb meines Physikstudiums und in meiner Ausbildung als Strahlenschutzexperte bei der GSF in München gelehrt.

Mit jedem Regen werden diese aus den Schornsteinen der Atomkraftwerke kommenden Radionuklide als so genannter Fallout ausgewaschen. Sie erhöhen damit die Strahlung in der Umgebung. Ich persönlich messe dies kontinuierlich mit meiner privaten Radioaktivitätsmessstation in der Nähe des Kernkraftwerks Grafenrheinfeld.

Über die Atmung und über die Nahrung werden die radioaktiven Partikel in den Körper aufgenommen, wo sie ihre gesundheitsgefährdende Wirkung entfalten können. Über den exakten Wirkungsmechanismus dieser inkorporierten, höchst unterschiedlichen radioaktiven Spaltprodukte weiß die Wissenschaft zu wenig. Kritische Wissenschaftler warnen seit Jahrzehnten, dass die krankmachenden Wirkungen wesentlich höher sind, als nach den radiologischen Lehrbüchern zu erwarten wäre.

Nun hat die vorliegende Leukämiestudie erstmals zweifelsfrei nachgewiesen, dass für Kinder unter 5 Jahren, die in der Nähe von Kernreaktoren aufwachsen, das Risiko, an Leukämie zu erkranken, wesentlich höher ist als bisher angenommen. Die besondere und wissenschaftlich bisher einzigartige Qualität dieser Studie ist, dass alle anderen bekannten Leukämierisiken ausgeschlossen werden können. Diese nachgewiesenen Risiken sind nicht unerheblich.

In einem Radius von bis 5 km um die Kernreaktoren gibt es 19 Leukämiefälle mehr, als im statistischen Mittel ohne Kernreaktoren zu erwarten gewesen wären. Die Datenlage der Studie weist im 50 km Radius sogar bis zu 275 zusätzliche Krebsneuerkrankungen aus - Hunderte von Einzelschicksalen, die in jeder Familie eine Tragödie auslösen.

Falsch ist die Interpretation, es gäbe keinen Zusammenhang zwischen kindlicher Leukämie und der Radioaktivität in der Umgebung von Kernreaktoren. Nur der Wirkungszusammenhang ist nicht ausreichend bekannt. Genau dies muss aber nun Gegenstand weitere Untersuchungen sein.

Die Ergebnisse der Studie müssen zu Konsequenzen führen :

1. der bisher in der Wissenschaft angenommene Wirkungszusammenhang zwischen niedriger radioaktiver Strahlung und Krebserkrankungen muss wissenschaftlich neu bewertet und an die Erkenntnisse dieser Studie angepasst werden.

2. Hinweise von Medizinern und Wissenschaftlern zeigen, dass es auch eine erhöhte Missbildungsrate, sowie erhöhte Krebsgefahren bei Erwachsenen, die in der Umgebung von Kraftwerken leben, vorhanden sein dürften. Dies muss in neuen Studien genauer erforscht werden.

3. Ein vorsorgender Gesundheitsschutz erfordert auch entsprechendes Handeln. Die nachgewiesen erhöhten Krebsraten in der Umgebung von Kernreaktoren müssen vorsorglich dazu führen, dass die Emissionen von Spaltprodukten und anderer Radioaktivität aus den laufenden Kernreaktoren beendet wird. Wollen die Betreiber von Kernkraftwerken diese weiterbetreiben, dann müssen sie Wege finden, die radioaktiven Emissionen aus den Schornsteinen ihrer Kernreaktoren vollständig zu stoppen.

4. Da die Atomenergie eine Fülle weiterer Gefahren, wie erhöhte Terroranfälligkeit, Sicherheitsprobleme u.a. Probleme birgt, müssen zunächst die störanfälligen älteren Reaktoren stillgelegt werden.

5. Im Sinne des Verursacherprinzips müssen die Reaktorbetreiber nachweisen, dass die nachgewiesenen erhöhten Zahl von Krebsfälle nicht durch den laufenden Betrieb der Kernreaktoren verursacht wird. Sollten sie diesen Nachweis nicht erbringen, müssen sie aufgefordert werden, die Kernreaktoren stillzulegen; eine Stromversorgung aus erneuerbaren Energien -diese sind radioaktivitätsfrei- wird als Ersatz leicht möglich sein.

Die Gesundheit unserer Kinder sollte uns dies alles wirklich wert sein.

Ich danke Ihnen.

 

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