Bundestagsrede 02.02.2007

Britta Haßelmann, 5. Altenbericht

Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:

Das Wort hat jetzt die Kollegin Britta Haßelmann vom Bündnis 90/Die Grünen.

Britta Haßelmann(BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Sehr geehrte Frau Ministerin, Herr Staatssekretär Thönnes - auch Ihr Ministerium ist ja berührt, wenn wir über das Thema "ältere Menschen" und über die Potenziale der Menschen im Alter reden -, ich beginne mit dem, was uns sicherlich eint. Aus meiner Sicht ist es höchste Zeit, sich mit der Vielfalt des Alters zu beschäftigen und sich gerade mit den Potenzialen und den Chancen des Alters auseinanderzusetzen. Die jüngsten Medienberichterstattungen haben gezeigt, dass wir hier alle gefordert sind, die Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen und auch die anderen Fraktionen im Hause.

Es ist jetzt anderthalb Jahre her, dass der Altenbericht fertiggestellt und der Bundesregierung übergeben wurde. Frau Ministerin und Herr Staatssekretär, ich frage Sie: Warum hat es eigentlich so lange Zeit gedauert, bis Sie dem Parlament und den entsprechenden Ausschüssen die Ergebnisse des fünften Altenberichts vorgelegt haben? Fehlt Ihnen der Mut für eine konsequente Umsetzung der Erkenntnisse, die im Altenbericht von allen Expertinnen und Experten eindeutig formuliert worden sind, oder wissen Sie nicht, wie Sie die notwendigen Veränderungen in Politik und Gesellschaft bewirken sollen?

Gerade vor dem Hintergrund so mancher öffentlichen Diskussion und Medienberichterstattung, die ein Bild vom Alter zeigen, das von Düsterkeit, Krankheit und Einsamkeit geprägt ist, ist es umso wichtiger, dass wir als Deutscher Bundestag - damit auch die die Bundesregierung tragenden Fraktionen - diesem Bild endlich etwas entgegensetzen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Es muss uns doch zu denken geben, dass nach Umfragen und Studien gerade die Menschen hier bei uns in Deutschland diejenigen sind, die am meisten Angst vor dem Alter haben. In einer kürzlich erschienen Umfrage erklärte sogar jede dritte bzw. jeder dritte Befragte, lieber den Freitod wählen als zum Pflegefall werden zu wollen. Das ist - das gebe ich zu - ein absolut drastisches Beispiel, aber es zeigt eben einen Aspekt des Alters. Es ist dringend geboten, dass wir uns damit auseinandersetzen, vor allem auch damit, wie weit verbreitet die Unsicherheit beim Thema Älterwerden in dieser Gesellschaft ist.

Ein Blick auf den Arbeitsmarkt reicht völlig aus, um zum Teil zu verstehen, warum das so ist. Hier wie in Unternehmen glaubt man immer noch, mit 50 Jahren verliere man schlagartig die Leistungsbereitschaft und die Innovationskraft. Denn anders ist es doch nicht zu erklären, dass jemand, der mit 55 Jahren zum Arbeitsamt geht, eigentlich überhaupt keine Chance auf Vermittlung mehr hat und jemand, der mit 50 oder 55 Jahren eine Weiterbildungsmaßnahme beginnen will, eher fragend angesehen als unterstützt wird.

Die unglaubliche Jugendzentriertheit der Unternehmen hält nach wie vor an, auch wenn wir seit längerer Zeit darüber diskutieren und diesen Zustand beklagen. Es ist eine unglaubliche gesellschaftliche Ausgrenzung älterer Menschen, die besonders unverständlich ist angesichts des demografischen Wandels und der eigentlich völlig klar auf der Hand liegenden Notwendigkeit, dass auch ältere Menschen als Fachkräfte gebraucht werden.

Gerade vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung werden in Zukunft immer weniger junge Menschen mit immer mehr älteren Menschen zusammenleben. Darauf werden wir uns einzustellen haben. An dieser Stelle sind wir nicht mehr einer Meinung. Ich finde, es reicht nicht, dass Sie in Bezug auf notwendige gesellschaftliche Veränderungen in diesem Bereich seit anderthalb Jahren immer, wenn wir über dieses Thema sprechen, die Initiative "50 plus", die schon in der letzten Legislaturperiode auf den Weg gebracht wurde, oder die Mehrgenerationenhäuser zum Allheilmittel erklären. Hier ist aus meiner Sicht die Bundesregierung gefordert, systematisch alle Politikfelder daraufhin durchzugehen, wo Diskriminierung von alten Menschen wirksam entgegengewirkt werden kann, mit unterschiedlichen Maßnahmen, die wir in diesem Haus auf den Weg bringen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der FDP)

Meine Damen und Herren, der Auftrag, den die rot-grüne Bundesregierung noch in der letzten Legislaturperiode an die Kommission zur Erstellung des Altenberichts stellte, lautete, ausdrücklich die sogenannte Habenseite des Alters zu betrachten: Was ist möglich, wo liegen Stärken und Potenziale alter und älterer Menschen? - Wir reden ja nicht über eine homogene Gruppe. Wir reden über Menschen ab 60, die vielleicht 90 Jahre alt werden, und sprechen mittlerweile längst über einen dritten und vierten Lebensabschnitt. Wir reden nicht über eine Gruppe von Menschen, die einfach alt ist und einem bestimmten stereotypen Bild entspricht.

Was stellt sich heraus - und verwundert eigentlich niemanden, wenn man einmal links und rechts von sich schaut? Ältere Menschen sind wichtige Stützen familiärer Netzwerke und sozialer Netze. Ihr bürgerschaftliches Engagement in dieser Gesellschaft ist kennzeichnend. Ihr Erfahrungswissen und Innovationspotenzial nicht nur am Arbeitsmarkt sind unerlässlich für diese Gesellschaft.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Ihr Einfluss als Konsumenten und Konsumentinnen ist schon jetzt prägend. Sie sind - das ist völlig klar - ein aktiver Bestandteil dieser Gesellschaft.

Dabei spielen für das Leben im Alter viele Faktoren eine Rolle. Hierzu gehören etwa ein über die Jahre geführter gesunder Lebensstil, aber auch das Interesse oder die Verpflichtung - auch darüber werden wir diskutieren müssen - zur Weiterbildung, Qualifikation und Bildungspotenzialentwicklung. Die geringste Rolle in der Wahrnehmung älterer Menschen in dieser Gesellschaft spielt heutzutage eigentlich das Erreichen der Altersgrenze. Menschen mit sozialen Kontakten, sei es über Familie oder andere Netzwerke, sind und bleiben aktiv eingebunden in dieser Gesellschaft und werden das auch nicht aufgeben wollen, nur weil sie eine bestimmte Altersgrenze erreicht haben.

Die Chance auf Teilhabe am kulturellen, gesellschaftlichen und sozialen Leben beanspruchen wir alle ganz selbstverständlich für uns. Das sollten wir natürlich auch allen anderen Menschen ermöglichen, egal wie alt sie sind.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Deshalb ist es umso bedeutender, dass wir uns endlich mit der Vielfalt des Alters, mit den Potenzialen und Chancen beschäftigen.

(Markus Grübel [CDU/CSU]: Richtig!)

Wir werden gleich in der Aktuellen Stunde auch noch die andere Seite des Alters, nämlich die Pflegebedürftigkeit und die Hilfe und Unterstützung, die Menschen in dem Lebensabschnitt des Alters brauchen, diskutieren. Aber ich fordere Sie an dieser Stelle auf, mit konkreten Maßnahmen über die Initiative "50 plus" und die Mehrgenerationenhäuser hinaus jetzt endlich aktiv zu werden und deutlich zu machen, dass wir die Potenziale alter Menschen in dieser Gesellschaft brauchen.Ich glaube, es muss Schluss sein mit den Sonntagsreden. Wir müssen endlich etwas tun. Deshalb haben wir heute einen Antrag vorgelegt.

 

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