Bundestagsrede 01.02.2007

Krista Sager, Geistes- und Sozialwissenschaften stärken

Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt:

Jetzt spricht Krista Sager für Bündnis 90/Die Grünen.

(Irmingard Schewe-Gerigk [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN]: Jetzt wollen wir ein Gedicht hören!)

Krista Sager (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Das Jahr der Geisteswissenschaften und die Empfehlungen des Wissenschaftsrates schaffen gute Voraussetzungen dafür, deutlich zu machen, dass die Geisteswissenschaften in Deutschland auch international ein hohes Ansehen genießen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der CDU/CSU und der SPD)

Sie sind keineswegs nachrangig, sie sind überhaupt nicht irgendwie defizitär; im Gegenteil: Sie sind unverzichtbar. Ich gebe allen recht, die gesagt haben: Der Bedarf an geistes- und sozialwissenschaftlichen Orientierungsleistungen wird noch höher werden.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)

Die Geisteswissenschaften haben allen Grund, sich vor dem Hintergrund dieser Feststellungen erhobenen Hauptes nicht nur in der wissenschaftlichen Community, sondern auch in der Gesellschaft zu präsentieren. Dass die Empfehlungen des Wissenschaftsrates von der Bundesregierung zügig umgesetzt werden, lässt sich für die Geisteswissenschaften auf der Habenseite verbuchen. Aber man wird den Eindruck nicht los, dass sich hinter diesem Feuerwerk der Sympathiebekundungen für die Geisteswissenschaften eine große Portion schlechten Gewissens gegenüber den Stiefkindern der Wissenschaftspolitik verbirgt.

(Jörg Tauss [SPD]: Das müssen wir nicht haben!)

- Schauen Sie sich die Länder an! -

(Jörg Tauss [SPD]: Da ja!)

Ich denke, dieses schlechte Gewissen besteht durchaus zu Recht.

(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNIS-
SES 90/DIE GRÜNEN)

Herr Professor Lepenies hat bei der Eröffnung des Jahres der Geisteswissenschaften sehr eindrucksvoll erklärt, dass sich selbst technische Universitäten in China höchst lebendige geisteswissenschaftliche Fachbereiche leisten. In Deutschland geht die Entwicklung längst in eine andere Richtung.

(Jörg Tauss [SPD]: Eine Schande, aber nicht unser Problem!)

Da, wo in Deutschland geklotzt und nicht gekleckert wird - bei Hightech, Bio- und Gentechnik und jetzt auch bei der Sicherheitsforschung -, kann im Ernst nicht wirklich die Rede von der vielbeschworenen interdiszi-plinären Einbeziehung der Geisteswissenschaften und Partnerschaft mit diesen sein.

(Jörg Tauss [SPD]: Die haben wir ausdrücklich drin, Frau Sager!)

- Ja, auf dem Papier, aber nicht in der Realität.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN - Jörg Tauss [SPD]: Nein!)

So positiv die Autonomie der Hochschulen auch ist - ich bin ausdrücklich dafür -: In Deutschland scheint man der Meinung zu sein, Profilbildung sei, wenn alle das Gleiche machen. Wie soll eigentlich Profil entstehen, wenn alle der Meinung sind, die angeblich nützlichen Fächer werden gepflegt und die angeblich weniger nützlichen geisteswissenschaftlichen Fächer werden gerupft?

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Ich glaube, dass in Bezug auf dieses Jahr der Geisteswissenschaften der Prüfstein, ob das nicht nur ein Jahr des schlechten Gewissens wird, tatsächlich ist, ob es gelingt, verbindliche Vereinbarungen mit den Ländern zu treffen und konkrete Anreize für den Erhalt der sogenannten kleinen Fächer zu schaffen. Daran wird sich vieles messen lassen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Da erwarte ich in der Tat auch von der Bundesministerin, dass sie dafür sorgt, dass der Ruf nach dem Erhalt der kleinen Fächer nicht einfach im föderalen Nirwana verhallt. Da muss wirklich Butter bei die Fische!

In einer Sache gebe ich meinen Kollegen recht: Wir brauchen einen viel stärkeren Blick auf die Lehre gerade in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Wenn der größte Teil der jungen Leute, die wir von den Universitäten ins Berufsleben entlassen, geistes- und sozialwissenschaftliche Studien absolvieren, dann kann es nicht sein, dass nur über die Leistungsfähigkeit in der Forschung gesprochen wird und die Lehre immer weiter aus dem Blick gerät. Deswegen hat Herr Schulz vollkommen recht: Wir brauchen auch einen Qualitätswettbewerb für gute Lehre.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)

Das muss nicht bedeuten, dass eine einzelne Uni ein Hütchen aufbekommt, sondern man muss wirklich schauen, wo in Deutschland systematisch und strukturell etwas für gute Lehre getan wird, und das muss dann auch honoriert werden. Sonst bekommt die Lehre nicht den Stellenwert, den sie braucht und den sie verdient hat.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Wir sollten im Ausschuss gemeinsam darüber beraten, was Bund und Länder dazu beitragen können, dass das Jahr der Geisteswissenschaften nicht nur ein Jahr der freundlichen Reden bleibt.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

 

167121