Bundestagsrede 18.01.2007

Kai Gehring, Generation Praktikum

Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse:

Ich erteile das Wort Kollegen Kai Gehring, Fraktion Bündnis 90/Die Grünen.

Kai Gehring (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! "Der dümmste Hund im ganzen Land, das ist und bleibt der Praktikant" - so titelte die "tageszeitung" vor einigen Wochen zum Thema Generation Praktikum. Ich fürchte, dies trifft das Gefühl und die Lebensrealität zahlreicher junger Menschen in unserem Land gut. Belegt wird dies unter anderem durch die beeindruckende Unterstützung für die Petition gegen die Ausbeutung von Praktikanten. Über 60 000 junge Menschen, darüber hinaus fairwork e. V. und die Gewerkschaften dürfen wir hier im Bundestag nicht ignorieren. Daher bringen wir heute auch eine wichtige gesellschaftliche Debatte ins Parlament.

Die Realität sieht folgendermaßen aus: Viele Hochschulabsolventinnen und -absolventen finden nach dem Studium nicht sofort eine feste Stelle. Um Lücken im Lebenslauf zu vermeiden, nehmen sie fast jede Form von Beschäftigung an. "Schwarze Schafe" unter den Unternehmen nutzen dies aus und bieten statt vollwertiger Jobs geringfügig oder nicht bezahlte Praktika an. Das geht dann klar zulasten regulärer Beschäftigung. Gleichzeitig gilt auch: Ein Hochschulabschluss ist und bleibt die beste Versicherung gegen Arbeitslosigkeit. Wir dürfen das Problem der Generation Praktikum also weder verharmlosen noch dramatisieren, sondern wir müssen es anpacken und Lösungen dafür vorschlagen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Die Ausnutzung von Praktikantinnen und Praktikanten dürfen wir nicht akzeptieren. Ich habe die Hoffnung, dass das hier im Parlament auf breiten Konsens stößt. Es ist offensichtlich: Die Generation Praktikum ist kein Medienhype, sondern für Tausende junger Menschen prekäre Realität. Die Botschaft unserer heutigen Debatte muss daher lauten: Wo Praktikum draufsteht, muss Fairness drin sein.

Es wurde Zeit, dass sich der Bundestag endlich mit dem Thema beschäftigt. Es hat ja über ein Jahr gedauert, bis ein Kabinettsmitglied erstmals das Problem erkannt und benannt hat. Frau Kramme, es ist schon wirklich ein starkes Stück, dass Sie unsere Vorschläge mal eben so abkanzeln und sich dazu inhaltlich überhaupt nicht positionieren, obwohl Sie selber als Koalition noch gar nichts vorgelegt haben.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN - Anette Kramme [SPD]: Was machen Sie denn für Vorschläge? Ein bisschen Öffentlichkeitsarbeit, dabei bleibt es!)

Wir Grüne sind da schon weiter: Wir waren die erste Fraktion, die das Thema im Parlament auf die Agenda gesetzt und eigene Vorschläge für faire Praktika gemacht hat. Wir haben in unserem Antrag ein Maßnahmenbündel vorgelegt, um der Generation Praktikum Perspektiven zu eröffnen.

Auch das Agieren der Linksfraktion in dieser Debatte ist wenig hilfreich. Gleich den Holzhammer herauszuholen, sei es der gesetzgeberische oder rhetorische, hilft uns in dieser Debatte nicht weiter.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und der FDP)

Wir Grüne wollen erstens keine Endlospraktika. Je länger ein Praktikum dauert, desto mehr steht Arbeit statt Lernen im Vordergrund. Deswegen sollen Praktika während des Studiums in der Regel nicht länger als vier Monate dauern. Praktika nach dem Studium sollten eher die Ausnahme sein. Ein Studium muss für den direkten Berufseinstieg qualifizieren und nicht für Praktikaschleifen.

Wir wollen zweitens kein Praktikum ohne Vergütung. Wer ein Praktikum macht, soll dafür auch eine Aufwands-entschädigung erhalten. Die Tarifpartner sind gefordert, hierzu angemessene Regelungen zu treffen; denn neben einem Vollzeitpraktikum kann man keinen Lebensunterhalt mehr verdienen. Deshalb muss gerade Unternehmen, die Praktikanten teilweise fest als billige Arbeitskraft einplanen, klargemacht werden: Ein Praktikum ist ein Lern- und kein Arbeitsverhältnis.

Ein Mindestlohn für Praktikanten schafft aus unserer Sicht allerdings eher einen Niedriglohnsektor für Akademikerinnen und Akademiker und könnte das Problem zementieren, anstatt es zu lösen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Wir wollen drittens keine falschen Versprechungen. Deshalb ist es richtig, ein unabhängiges Gütesiegel "Faires Praktikum" einzuführen. Die Arbeitgeber verpflichten sich damit auf überprüfbare Mindeststandards für faire Praktika, damit diejenigen, die eine Praktikumsstelle suchen, auch wissen, was sie erwartet und wo es fair zugeht.

Viertens. Wichtig ist bei dieser ganzen Debatte auch, darauf hinzuweisen, dass wir den Praxisbezug im Studium stärken wollen. Wer Praktika von Absolventen reduzieren will, muss letztlich Praktika im Studium fördern. Deswegen fordern wir auch die Hochschulen auf, in allen Studiengängen Praktika verbindlich zu verankern; denn so lernen Studierende früher, was sie später für die Berufspraxis brauchen, wobei Praxisbezug kein Selbstzweck ist.

Wir wollen fünftens auch eine bessere Studierenden- und Absolventenberatung; denn das ist gut für den besseren Übergang vom Studium zum Beruf.

Ich bin auch der Meinung, dass wir prüfen sollten, ob es beim Berufsbildungsgesetz Änderungsmöglichkeiten gibt. Ich bin sehr gespannt, was hierzu aus dem Müntefering-Ministerium auf den Tisch kommen wird.

Sie sehen, es gibt keine einfachen Lösungen für das komplexe Problem, aber mit den Vorschlägen der Grünen können wir einen großen Schritt tun, um die Ausnutzung von Praktikantinnen und Praktikanten zu beenden.

Wir haben als erste Fraktion im Deutschen Bundestag faire Mindeststandards für Praktikanten in Fraktions- und Abgeordnetenbüros beschlossen. Wir appellieren auch an alle anderen Fraktionen: Folgen Sie unserem Beispiel oder machen Sie die Regelungen, die Sie haben, transparent! Wir alle müssen mit gutem Beispiel vorangehen, wenn es um faire Praktikumsbedingungen geht.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Das gilt übrigens auch und ganz besonders für die Bundesregierung. Es ist ein Armutszeugnis, wenn Sie freimütig erklären, dass es für Praktika im Kanzleramt oder in den Ministerien grundsätzlich keine Vergütung gibt.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Das zeigt, dass die Problematik der Generation Praktikum Anstrengungen von allen Seiten erfordert. Politik, Hochschulen, Arbeitgeber, Gewerkschaften, Arbeitsagenturen, Studierende und Absolventen, sie alle müssen gemeinsam an einem Strang ziehen. Es ist höchste Zeit, dass auch die Große Koalition hierzu einen Beitrag leistet. Dann können wir die Generation Praktikum hoffentlich bald wieder aus unserem Wortschatz streichen.

Herzlichen Dank.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

 

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