Bundestagsrede von Sylvia Kotting-Uhl 22.06.2007

Bioraffinerien

Sylvia Kotting-Uhl (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Inzwischen ist weitgehend anerkannt, dass unsere Gesellschaft unabhängig vom Erdöl werden muss. Diese Notwendigkeit gilt aber nicht nur für den Energiebereich, sondern selbstverständlich auch für die stoffliche Nutzung in der Chemie- und Kunststoffindustrie. Als Ersatz für das Erdöl kommt vor allem der Biomasse eine zentrale Rolle zu. Sie ist ein universeller Rohstoff und Energieträger. Aufgrund ihrer vielfältigen Eigenschaften ist sie nicht nur zur Strom- und Wärmeerzeugung und zur Herstellung von Biokraftstoffen geeignet, sondern sie kann darüber hinaus auch als Rohstoff für die Chemie- und Kunststoffindustrie genutzt werden. Gerade wegen dieser vielfältigen Eigenschaften ist Biomasse inzwischen ein begehrter Rohstoff und Energielieferant, der aber im Gegensatz zu Sonne, Wind und Erdwärme eine begrenzte Ressource ist. Und das ist für uns Grüne der entscheidende Punkt. Gerade weil wir um diese Begrenztheit wissen, kommt es darauf an, rechtzeitig die notwendigen Weichen zu stellen und auch im Bereich der Biomassenutzung den Effizienzgedanken in den Vordergrund zu stellen.

Das, liebe Kolleginnen und Kollegen, ist genau der Grund, warum wir heute unseren Antrag zur Förderung von Bioraffinerien einbringen. Denn Bioraffinerien tun genau dies: Sie nutzen Biomasse effizient, indem sie diese in ihrer Gesamtheit aufschließen und neben Energie und Biokraftstoffen auch wertvolle Rohstoffe für die stoffliche Nutzung in der Chemie- und Kunststoffindustrie aus der eingesetzten Biomasse gewinnen. Aber nicht nur das, Bioraffinerien erweitern außerdem das Rohstoffspektrum, indem sie vor allem auch Rest- und Abfallstoffe in hochwertige Rohstoffe umwandeln. Noch erlauben wir uns einen sehr großzügigen Umgang mit den nachwachsenden Rohstoffen, indem wir bei der Nutzung den Substitutionsgedanken in den Vordergrund stellen. Im Ergebnis führt dies dazu, dass die bisher praktizierten Verfahren zur Nutzung nachwachsender Rohstoffe wenig aufeinander aufbauen, sondern weitgehend nebeneinander arbeiten. Wenn wir aber in allen Wirtschaftbereichen unabhängig vom Erdöl werden wollen, müssen wir viel stärker als bisher den Effizienzgedanken in den Vordergrund stellen und zwar in zwei Richtungen: sowohl hin zu niedrigerem Verbrauch als auch in Richtung einer effizienteren Nutzung der vorhandenen Biomasse in Bioraffinerien. Denn davon sind wir Grünen überzeugt: Nur im Zusammenspiel von Effizienz und Substitution wird eine umweltverträgliche und nachhaltige Abkehr vom Erdöl gelingen.

Lassen sie mich an dieser Stelle besonders auf die Rohstoffsituation der chemischen Industrie eingehen. Wir Grüne haben immer darauf hingewiesen, dass eine Strategie "Weg vorn Erdöl" eine Strategie sein muss, die alle Wirtschaftsbereiche - also auch die Produktion von Gütern und Waren - einschließt. Die chemische Industrie hat dies aber bisher immer mit dem Hinweis abgelehnt, dass man vor allem durch Einsparungen im Energiebereich das Erdöl für die stoffliche Nutzung sichern kann. Doch tatsächlich ist die chemische Industrie schon längst auf der Suche nach Alternativen zum Erdöl. Sie sucht bloß an der falschen Stelle. So plant zum Beispiel die BASF die Errichtung einer Kohlevergasung, in der ein Teil des erzeugten "Syngases" als Rohstoff für die Chemieproduktion dienen soll. Doch Kohle - das sage ich ganz klar an die Adresse der chemischen Industrie - ist keine Alternative! Abgesehen von den Umweltschäden, die durch die Kohleförderung entstehen, ist das Verfahren der Kohlevergasung nicht nur uralt - also ein alter Hut von gestern -, es ist außerdem uneffizient und energetisch ungünstig. Es wäre außerdem - wenn über-haupt - nur mit der CCS Technologie CO2-arm zu betreiben. Das heißt also, mit einer Technologie, von der in den Sternen steht, ob es sie überhaupt jemals geben wird. Die Lösung eines Rohstoffproblems kann doch nicht wirklich heißen: zurück in die Zeit des vorherigen Jahrhunderts. Das wäre in etwa so, als ob man zum Beispiel im Verkehrsbereich die alte kohlegefeuerte Dampflok reaktivieren würde, die man ja vielleicht mit CCS mal emissionsarm betreiben könnte. Wir wollen dagegen Probleme mit ökologischen Innovationen lösen und eine solche Lösung heißt hier, dass wir mit Bioraffinerien Biomasse effizienter nutzen und so neue Ressourcen - auch für die Chemie- und Kunststoffindustrie - erschließen!

Wir brauchen endlich eine Biomassestrategie, die alle Bereiche der Biomassenutzung - Verstromung, Wärme, Biokraftstoffe und Nutzung in der Chemie- und Kunststoffindustrie - mit einbezieht und verbindliche Zielvorgaben formuliert und die dafür notwendigen Instrumente benennt. Dazu gilt es nun, die politischen Weichen zu stellen. Deshalb unterstützen Sie unseren Antrag. Setzten Sie sich mit dafür ein, dass vor allem die Forschungsanstrengungen im Bereich der Bioraffinerietechnologie erheblich intensiviert werden und endlich Bioraffineriepilotanlagen aufgebaut werden.

 

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