Bundestagsrede 23.03.2007

Hans-Josef Fell, Fusionsforschung zielgerichtet weiterführen

Hans-Josef Fell(BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Der Vorsitzende der Jungliberalen hat recht: Die FDP hat sich vom Klimaschutz verabschiedet. Alle Welt spricht darüber, dass in den nächsten 15 Jahren die Weichen dafür gestellt werden müssen, den Klimawandel aufzuhalten. Und was mach die FDP? Sie stellt einen Antrag, die knappen Forschungsmittel auf eine Technologie zu konzentrieren, die frühestens in 50 Jahren zur Verfügung stehen wird - falls überhaupt.

Der Kernfusionsantrag der FDP ist eine Bankrotterklärung einer Partei, der früher einmal Wirtschaftskompetenz zugesprochen wurde. Die FDP setzt sich für eine Technologie ein, die unvergleichlich erfolglos ist. Seit fast 50 Jahren wird uns versprochen, dass sie in spätestens 50 Jahren funktioniere. Und auch heute spricht man noch von 50 Jahren. Der indische Physiker Baba hat übrigens bereits 1955 auf der Weltenergiekonferenz gesagt, in 20 Jahren werde der erste Reaktor am Netz sein.

Auch die jüngste Geschichte zeigt, wie wenig von zeitlichen Prognosen zu halten ist: Schon nach wenigen Jahren Bauzeit ist das Fusionsexperiment Wendelstein 7-X in Greifswald um Jahre in Verzug. Das Einzige, was bei der Kernfusion herauskam, ist ein Anstieg der Kosten und die Verlängerung der Erwartungszeiträume.

Hinzu kommt, dass die von den Anhängern der Fusionsenergie erwarteten Stromerzeugungskosten so hoch sein werden, dass diese Technologie niemals wettbewerbsfähig wäre. Erneuerbare Energien sind bereits heute günstiger oder werden es in 50 Jahren sicher sein.

Ich frage mich im Übrigen auch, wie die FDP diesen Antrag dem Mittelstand erklären will. Der Mittelstand braucht dringend Geld für technologische Innovationen, und die FDP setzt auf eine Technologie, von der der Mittelstand nichts hat.

Die FDP ignoriert die Weltmarktführerschaft Deutschlands bei erneuerbaren Energien. Sie sieht nicht die vorhandenen und zukünftigen Märkte dieser Technologien, und sie missachtet die Wettbewerbssituation, in der sich die Unternehmen der Erneuerbare-Energien-Technologien befinden. All diese Technologien finden sich im Forderungsteil des Antrages mit keinem Wort wieder.

Leider hat die FDP ihren wirtschaftspolitischen Sachverstand in der Zwischenzeit einer nuklearen Utopie geopfert. Ich fordere die Wirtschaftspolitiker der FDP, insbesondere die Mittelständler auf, sich näher anzusehen, welche Anträge von den eigenen Forschungspolitikern vorgelegt werden.

Doch die FDP gibt nicht nur eine wirtschaftspolitische Bankrotterklärung ab. Mehr noch: Sie zeigt, dass sie in keiner Weise den energie- und umweltpolitischen Herausforderungen gewachsen ist, die sie selbst benennt! Die FDP will das Problem der Versorgungssicherheit erst in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts angehen, dann, wenn die Förderpeaks beim Erdöl und Erdgas seit Jahrzehnten zurückliegen. Die Konzentration der FDP auf eine Zukunftsutopie trägt zur Lösung der Versorgungsprobleme nichts bei. Bis in großer Zahl Fusionskraftwerke gebaut werden könnten, müssen diese Probleme längst gelöst sein.

Wieso verschweigt die FDP in ihrem Antrag, dass die Europäische Union die Kernfusion geradezu mit Fördermitteln mästet? So soll in Euratom in den nächsten Jahren jährlich 550 Millionen Euro fließen, der Löwenanteil dafür für Kernfusion und hier insbesondere in den von der FDP geliebten ITER. Für alle sonstigen Energietechnologien inklusive der Energiespartechnologien sollen jährlich gerade einmal 330 Millionen Euro ausgegeben werden, davon wiederum weit weniger als die Hälfte auf die erneuerbaren Energien. Das verbleibende Kuchenstückchen dürfen sich die erneuerbaren Energien unter sich aufteilen, sodass für jede einzelne nur noch Krümel übrig bleiben.

Allein der Bau von ITER wird circa 5 Milliarden Euro kosten. Dabei wird der ITER nicht einmal die Lösung des Hauptproblems der Kernfusion angehen: die Entwicklung von Materialien für die erste Wand, die immensen Temperaturen und Bestrahlungen ausgesetzt sein wird. Dies verschweigt die FDP. Und was sagt sie dazu, dass die Entwicklung der Kernfusion global 70 bis 80 Milliarden Euro kosten soll?

Angesprochen wird von der FDP zwar das deutsche Fusionsexperiment Wendelstein 7-X. Aber die FDP verschweigt auch hier, dass die Kosten aus dem Ruder laufen. Mittlerweile kostet der Bau viele Millionen mehr, als anfangs geplant, und der Zeitplan läuft völlig aus dem Ruder. Dies alles sind wichtige Forschungsgelder, die an anderer Stelle im Forschungshaushalt fehlen, wo sie dringend benötigt würden. Anstatt die Missstände in Greifswald anzusprechen, plädiert die FDP dafür, die Forschungsmittel für die Kernfusion zu erhöhen. Zahlen soll der Steuerzahler.

Es ist mehr als schade um jeden Euro, der für die Kernfusionsforschung verschwendet wird. Das Geld wäre bei den erneuerbaren Energien viel besser aufgehoben. Diese decken trotz marginaler Forschungsmittel global schon über 12 Prozent des Weltenergiebedarfs. Bis zur Mitte des Jahrhunderts wäre eine vollständige Deckung möglich und die Kernfusion mit ihren Radioaktivitätsproblemen vollkommen überflüssig. Doch wurden OECD-weit in den letzten 50 Jahren die falschen Schwerpunkte gesetzt. 70 bis 80 Prozent der Energieforschungsmittel flössen in die Kernfusion und Spaltung. Die Ergebnisse lauten: 2,5 Prozent Anteil der Atomspaltung und null Prozent Anteil der Kernfusion an der Deckung des Weltenergiebedarfs.

Es gibt wohl keinen Forschungsbereich, in den so viele Mittel investiert wurden und der Erfolg so gering war wie bei der nuklearen Energieversorgung. Die Kernfusionsforschung war der größte Forschungsflop der Welt des 20. Jahrhunderts. Wir sollten dafür sorgen, dass es der Fusionsforschung nicht gelingt, diesen Titel mit Erfolg zu verteidigen. Wir sollten unsere knappen Steuermittel dort einsetzen, wo sie gebraucht werden und wo mit ihnen Probleme gelöst werden können.

Die einseitige Festlegung in Ihrem Antrag auf die Fusion zeigt auf, dass Sie es mit Ihren Zielen nicht ernst meinen. Würden Sie Ihren eigenen genannten Zielen folgen, müssten Sie für den Ausstieg aus der Fusionsforschung eintreten.

 

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