Bundestagsrede von Katrin Göring-Eckardt 22.03.2007

11. Sportbericht der Bundesregierung

Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:

Das Wort hat jetzt die Kollegin Katrin Göring-Eckardt von der Fraktion des Bündnisses 90/Die Grünen.

Katrin Göring-Eckardt (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Liebe Kolleginnen! Liebe Kollegen! Lieber Herr Schulz, natürlich würde auch ich jetzt am liebsten von alten Zeiten schwärmen, aber das erspare ich mir; ich finde, das ist hier ausreichend geschehen. Ich stimme Ihnen ausdrücklich zu bei dem Thema soziale Komponente des Sports, gerade in Bezug auf Kinder und Jugendliche. Ich finde, Sie haben hier sehr deutlich gemacht, wie wichtig das ist.

Liebe Frau Lötzsch, ich finde richtig, dass Sie darauf aufmerksam gemacht haben, dass die soziale Förderung des Sports, gerade des Leistungssports, und die Talentesichtung in der DDR nicht ganz dumm gewesen sind. Aber ich finde, Sie können es sich nicht leisten, hier immer die negative Seite wegzulassen. Das machen Sie auch, wenn es um das Bildungssystem geht.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der CDU/CSU, der SPD und der FDP)

Wenn ich an Freunde von mir denke, die mit Medikamenten vollgepumpt wurden und dann, weil sie nach der Pubertät nicht die nötige Leistung gebracht haben, irgendwo abseits gelandet sind, dann muss ich einfach sagen, dass diese andere Seite dazugehört.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der CDU/CSU, der SPD und der FDP)

In dieser Europawoche ist es aber angesagt, sich noch einmal der Frage zuzuwenden, wie es eigentlich mit der EU-Ratspräsidentschaft und dem Sport ist. Ich finde es schade, dass der Bundesinnenminister in seinem Arbeitsprogramm dazu nichts ausgeführt hat. Besonders der Sport hätte von den Regelungen in der EU-Verfassung profitiert. Notwendige Initiativen für Zwischenlösungen sind erst gar nicht vorgelegt worden. Auch bei dem informellen Sportministertreffen in der letzten Woche in Stuttgart hat die Bundesregierung dazu keinen Vorschlag gemacht. So haben wir jetzt die Situation, dass es bei der EU vor allem um den kommerziellen Sport und nicht um den Breitensport geht. Das finde ich sehr schade.

Die EU-Sportminister haben das Thema vor allem unter Sicherheitsaspekten definiert, beispielsweise mit Blick auf die Krawalle bei den Fußballspielen. Was fehlt, ist besonders ein Konzept zu der Frage: Wie kann man Europa durch den Sport zusammenbringen? Dass das möglich ist, werden die hier Anwesenden wahrscheinlich überhaupt nicht bezweifeln. Aber ich glaube, dass wir gut daran täten, wenn wir dazu auch Konzepte auf den Tisch legen würden. Vereinspartnerschaften, gemeinsame europäische Mannschaften und gemeinsames Training, das sind viele erprobte Maßnahmen, die es bereits gibt, die aber gebündelt und auf eine andere Ebene gehoben werden müssen.

Es ist richtig, Herr Kollege Parr, dass man eine solche Debatte nicht vorbeigehen lassen kann, ohne über das Thema Doping zu reden. Ich glaube, dass wir mit dem Referentenentwurf, den die Bundesregierung jetzt vorgelegt hat, weit hinter den Erfordernissen zurückbleiben.

(Detlef Parr [FDP]: Das haben Sie aber sieben Jahre zu verantworten gehabt! - Klaus Riegert [CDU/CSU]: Und den lächerlichen Entwurf selber vorgelegt! - Uwe Barth [FDP]: Alles verdrängt und vergessen!)

- Diese Diskussion haben wir hier schon ganz oft geführt, auch mit dem Kollegen Hermann. Da geht es nicht um "verdrängt und vergessen"; dafür haben wir auch früher schon gekämpft. Das können Sie an vielen Stellen nachlesen.

Ich glaube, dass der Ansatz der Bundesregierung - damit müssen wir uns jetzt auseinandersetzen - in Richtung Besitzstrafbarkeit bei Dopingmitteln in dieser Form eher eine Mogelpackung ist, weil der vorliegende Gesetzentwurf nicht vorsieht, den Besitz deutlich unter Strafe zu stellen, sondern beabsichtigt, die Strafbarkeit des Handelns mit Dopingmitteln zu präzisieren. Das ist nicht der richtige Weg. Gleichzeitig sind die Mittel für die Dopingprävention im Haushalt gekürzt worden. Auch das ist beim Thema Gesundheitsprävention natürlich nicht das richtige Signal. Wir brauchen konkrete Schritte, um Wirtschaft, Sport und Medien, aber auch die Bundesländer zu einer Aufstockung des Stiftungskapitals zu bewegen. Dieses Kapital wird heute immer noch fast vollständig vom Steuerzahler aufgebracht.

Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:

Frau Kollegin Göring-Eckardt, erlauben Sie eine Zwischenfrage des Kollegen Riegert?

Katrin Göring-Eckardt (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Bitte schön.

Klaus Riegert (CDU/CSU):

Frau Kollegin, ich würde gerne eine Frage zur Dopingbekämpfung stellen: Können Sie uns bestätigen, dass in Ihrem Gesetzentwurf keine Besitzstrafbarkeit von Dopingmitteln enthalten ist? Ich wundere mich etwas, wie Sie die Präzisierung der nicht geringen Menge beim Handel gerade kritisieren konnten, wenn der Besitz nicht strafbar sein soll. Können Sie mir diesen Widerspruch erklären?

Katrin Göring-Eckardt (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Ich kann Ihnen den Widerspruch erklären: An dieser Stelle bin ich einig mit meinem Kollegen Hermann; wir gehören zu einer Minderheit in unserer Fraktion, erlauben uns aber trotzdem, hier unsere Meinung zu sagen. Das habe ich an dieser Stelle getan.

(Detlef Parr [FDP]: Das ist ein guter Hinweis!)

Herzlichen Dank für die Frage, die es mir erlaubte, das zu präzisieren.

Ich will gerne noch ganz kurz auf das Thema "Fußball und Gewalt" eingehen. Ich glaube, auch hier haben wir eine besondere Verantwortung, weil es um die Frage geht, wie wir langfristig dafür sorgen, dass Fußball als Mannschaftsspiel, als Fairnessspiel und auch als Möglichkeit verstanden wird, Fairness und Gemeinschaftsgeist zu verbreiten. Ich glaube, dass das kein Selbstläufer ist, sondern dass wir pädagogische Konzepte brauchen. Ich finde die Initiative für Bolzplätze an Schulen absolut richtig; aber dafür brauchen wir auch Fortbildung von Übungsleitern, Trainern, Schiedsrichtern etc. Es ist schlecht, dass die Mittel für Fußballfanprojekte gekürzt worden sind, und zwar nicht nur im Bund, sondern auch in einigen Ländern. Das Land Sachsen hat sich seit 1993 nicht zur Drittelfinanzierung bekannt. Das halte ich für ein ganz dramatisches Signal. Die Ergebnisse sind eben genau so, wie sie nicht sein dürfen. Auch hier haben wir eine wichtige Aufgabe.

Meine Damen und Herren, ich grüße Sie an dieser Stelle noch von meinem Kollegen Winfried Hermann, der heute leider nicht hier sein darf - nicht hier sein kann, darf schon.

(Heiterkeit - Detlef Parr [FDP]: Ist das der Umgang mit Minderheiten?)

- Genau. - Wir haben es jetzt einmal andersherum ausprobiert. Das ist wie dieses Jahr in der Bundesliga: Da wird auch einmal Schalke Meister.

Vielen Dank.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

 

175636