Bundestagsrede 22.03.2007

Undine Kurth, Internationaler Ferntourismus

Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt:

Jetzt hat Undine Kurth das Wort für Bündnis 90/Die Grünen.

Undine Kurth (Quedlinburg) (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen! Liebe Kollegen! Liebe Gäste auf den Rängen! Wir sprechen hier über Chancen und Risiken des Ferntourismus, darüber, wie er qualitätsmäßig organisiert sein soll, darüber, welche Chancen zur Armutsbekämpfung er bietet.

Es ist schon ausführlich darüber gesprochen worden: Wir wissen, wie viele positive Chancen im Tourismus liegen. Wir wissen, dass weltweit 235 Millionen Arbeitsplätze durch den Tourismus gesichert werden. Das sind ungefähr 9 Prozent aller Arbeitsplätze, die es weltweit gibt. Es gibt also vor allem für Entwicklungs- und Schwellenländer eine Menge Chancen, aus dem Tourismus wirtschaftlichen Gewinn zu ziehen. Übrigens, auch in Deutschland zieht man guten Gewinn aus der Tourismuswirtschaft. - Das ist die eine Seite des Unternehmens.

Auf der anderen Seite wissen wir aber auch - das ist ebenfalls schon gesagt worden -, dass es eine Menge Verwerfungen, eine Menge Risiken und eine Menge Umweltbelastungen geben kann, die besonders durch eine nicht kluge Tourismusentwicklung produziert werden können. Jetzt kommt es also darauf an, abzuwägen, den richtigen Mittelweg zu finden, um aus den Vorteilen auf der einen Seite und den Risiken auf der anderen Seite einen vernünftigen Schluss zu ziehen und genau das Richtige zu tun.

Herr Burgbacher, ich verstehe wirklich nicht, dass Sie sagen, Sie hätten überhaupt nicht begriffen, worüber auf der ITB geredet worden ist. Natürlich spielen die Tourismuswirtschaft und das Verhalten der Touristen eine Rolle im Hinblick auf den Klimawandel. Das ist doch völlig normal; denn wir alle wissen, dass das Fliegen mit seiner ganz besonders schädlichen Emissionswirkung zu dem großen Problem des Klimawandels beiträgt. Das heißt aber nicht, dass nie mehr geflogen werden soll. Das ist Unsinn. Wer in dieser Debatte behauptet, es gehe darum, Fernreisen zu verbieten, der verkennt wissentlich die Bedeutung dieser Debatte.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)

So schlecht informiert kann niemand sein, um das, was auf der ITB gesagt wurde, so falsch zu interpretieren.

Wenn der Generalsekretär der Weltorganisation für Tourismus auf der ITB-Eröffnungsfeier sagt, wir brauchten einen sparsameren Umgang mit Energie, dann hat er durchaus Recht. Noch in dieser Woche hat er auf der Madrider Klimakonferenz gesagt, die Maßlosigkeit des Tourismus sei ein Problem. Wir müssen darauf hinwirken, dass es bei dieser Maßlosigkeit nicht bleibt.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Seit Marco Polo wissen wir alle: Reisen macht schlau, Reisen macht Spaß und Reisen ist hilfreich bei der Verständigung der Völker. Aber vor lauter Spaß und Vergnügen dürfen wir nicht darüber hinwegsehen, dass wir uns en passant unsere eigene Erde kaputtmachen. Das kann nicht Ziel der Entwicklung sein. Es ist also richtig, zu sagen: Lasst uns überlegen, was man unternehmen muss, um bessere Wege zu finden. Demzufolge ist es für mich gar nicht schlimm, wenn zwei Drittel der Deutschen momentan überlegen, ob sie vielleicht einmal öfter im Lande bleiben. Ich verstehe auch nicht, warum wir Touristiker das nicht gut finden sollten. Denn der Deutschlandtourismus kann ruhig von dieser neuen Entwicklung profitieren. Das Schlechteste ist es ja nicht, im eigenen Land Urlaub zu machen.

(Zuruf von der SPD: Richtig!)

Es ist doch richtig, wenn wir vorschlagen, dass es eine ressortübergreifende Arbeitsgruppe zur Erarbeitung und zur Umsetzung von Strategien zur Reduzierung klimaschädlicher Emissionen geben soll. Es ist doch der richtige Ansatz, zu schauen, was man auf diesem Gebiet machen kann. Es geht nicht darum, etwas komplett zu verbieten.

Es geht aber auch nicht darum, zu sagen: Dumm gelaufen; das passiert eben dabei. Wir wollen gern das Geschäft machen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Wir wissen, was für ein großes Potenzial in der Tourismusentwicklung steckt. Deshalb glauben wir, dass man richtigerweise schauen muss, in welche Richtung wir uns zusammen mit den Zielländern entwickeln wollen. Die Entwicklungszusammenarbeit, die wir in Deutschland auf den Weg gebracht haben, beschäftigt sich erfreulicherweise sehr erfolgreich mit touristischen Projekten.

Zu den Anträgen. Wir wollen jetzt nicht davon reden, welcher Antrag früher oder später eingebracht wurde und wer von wem abgeschrieben hat. Wir hatten unseren Antrag, weil wir diesen Bereich so wichtig finden, Anfang des Jahres eingebracht. Dann haben Sie gesagt: Lasst uns warten, bis auch der Antrag der Koalition fertig ist, damit wir die Anträge zusammen besprechen können. Das machen wir herzlich gerne. Wir werden in den Ausschüssen weiter darüber reden. Denn es ist ja richtig, dass man versucht, gemeinsam etwas zu machen.

Lassen Sie uns darauf achten, dass der Antrag an die richtige Adresse gerichtet wird, nämlich an die Bundesregierung, damit wir etwas ausrichten können! Da liegt unser Arbeitsfeld. Lassen Sie uns nicht immer an andere appellieren, dass sie etwas tun sollen. Wir selber müssen etwas tun. Lassen Sie uns deshalb darüber reden und auf diese Weise weiterkommen.

Danke schön.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

 

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